Mein Leben – ein Weinberg Gottes

Eine kleine biblische Zeitreise

Eine kleine Zeitreise schlage ich Ihnen vor, von St. Kunibert im Jahr 2017 zurück in eine Synagoge ins Südreich Juda, ins Jerusalem des 8. Jahrhundert vor Christus. Sie sind nicht mehr die Gottesdienstgemeinde von S. Kunibert, sondern die Synagogengemeinde von Jerusalem, und ich bin nicht mehr der heute zelebrierende Pfarrer, sondern der Prophet Jesaja. Und ich spreche zu Ihnen mit dessen Worten:

„Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. Nun sprecht das Urteil, Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, im Streit zwischen mir und dem Weinberg! Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren? Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauern reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe: der Rechtlose schreit.“

Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel – oder: zurück aus der Zeitreise ins Heute und nach St. Kunibert: Ja, der Weinberg des Herrn der Heere sind Sie, bist Du, bin ich! Und jetzt?

Ich bin gebaut auf einer fruchtbarer Höhe…

Ein Erstes: Ich bin gebaut auf einer fruchtbaren Höhe, und Gott selbst hat an mir alles getan, damit ich Frucht bringen kann: er grub mich um, durch manches Ereignis im Leben, das mich irgendwie lockerte, freudvoll wie schmerzhaft, er entfernte mir manchen Stein, er bepflanzte mich mit edelsten Reben. Füllen Sie mal die Bilder mit Ihrem eigenen Leben: Gott, der Sie im wahrsten Sinne des Wortes „kultivierte“: durch Umgraben, durch Entfernen von Steinen und Hindernissen, durch viele gute Gaben, die er in Sie gelegt hat. Sie sind gebaut und kultiviert auf fruchtbarer Höhe.

Gott hofft auf süße Trauben…

Ein Zweites: Gott hofft auf süße Trauben. Was heißt das für ihn – sei fruchtbar! Schauen Sie sich Ihr Leben an, das, was um Sie ist; oder die, die um Sie herum sind. Gott hofft, dass Sie süße Trauben bringen!

… aber er findet nur saure Beeren

Ein Drittes: „Doch der Weinberg brachte nur saure Beeren.“ Lange waren wir Christen gewohnt, unsere „Früchte“ zu bilanzieren. Ich bin weit davon entfernt, Süßes gen Saures aufzurechnen, wissend, dass es beides gibt in meinem Leben – und da weiß ich um Ihre Solidarität. Wieder schaue ich mich um: was ist da um mich herum? Wer ist da um mich herum? Wie gehe ich mit mir selbst um? Und ich entdecke –sicher ähnlich wie Sie – süße Trauben und saure Beeren.

Aber: Gott bilanziert nicht

Ein Viertes: Aufhören zu bilanzieren! Sich auf keinen Rechtsstreit einlassen, weder mit mir selbst noch mit Gott. Stattdessen umkehren zu dem, was Gott an mir, an Ihnen tut. Mich immer wieder sehen als einen Weinberg, den Gott zu seiner Freude gepflanzt hat. Und dass er bei einem jeden und einer jeden von uns umgegraben hat, Steine entfernt hat, eine schützende Hecke, eine schützenden Hand um uns gelegt hat. Und einen jeden, eine jede von uns bepflanzt hat mit den edelsten Reben.

Das sind die Früchte, auf die Gott hofft: die edelsten Reben in sich entdecken, ihnen trauen, sie wachsen und Frucht tragen lassen. Mit den Worten des Paulus aus der zweiten Lesung: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“

So mit den edelsten Reben Gottes in mir umgehen, dass der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, spürbar wird, in mir, durch mich, um mich herum. So leben, dass in der Gemeinschaft, die ich mit mir selbst habe, in der Gemeinschaft mit anderen die Gemeinschaft mit Christus Jesus spürbar wird. Das ist die süße Frucht, auf die Gott als der Besitzer des Weinbergs, der mein Leben ist, erhofft. Und wo die wächst, gilt das Wort des Paulus: „Und der Friede Gottes wird mit euch sein!“

Amen.

Harald Klein, Köln

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