Meine Zukunft – Sehnsucht nach Entgrenzung?

An-Zeichen für Unendlichkeit

Wenn die Ziffer 8 umfällt, wird sie zum mathematischen Zeichen für „unendlich“. Es ist eine tiefe Sehnsucht des Menschen, „Unendlichkeit“ zu erfahren, sie im Griff zu haben und berechnen zu können, etwas „auf ewig“ zu bewahren oder Unendliches, Ewiges zu schaffen. „Unendlichkeit“ wird als „Unbegrenztheit“ ersehnt und mit der Erfahrung der Aufhebung von Grenzen verbunden. Auf den ersten Blick scheint die uns Christen verheißene Unendlichkeit als eine „offene Zukunft“, so, als habe Unendlichkeit etwas mit der Aufhebung all jener Grenzen zu tun, die uns in unserer Zeitlichkeit und Endlichkeit hier irgendwie „einzäunt“ oder „gefangen hält“.

Drei Hinweise aus der Heiligen Schrift können dies illustrieren – und korrigieren. Da sind die beiden Donnersöhne, Jakobus und Johannes. In Mk 10,35-45 bitten sie Jesus: „Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.“ Welche Absicht, mehr noch: welche Sehnsucht mag wohl hinter diesem Wunsch stecken? – Da ist Stephanus (vgl. Apg 6,8-7,60), der vor den Hohepriestern eine brennende Rede über Gottes Taten hält und im Moment der Steinigung zum Himmel emporblickt und ausruft: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ Welches Bild mag er da vor Augen gehabt haben, welche schmerzhaften Grenzen werden da für ihn aufgehoben? – Und da sind die Jünger auf dem Ölberg, die Zeugen der Himmelfahrt Jesu werden. Drei kurze Verse (vgl. Apg 1,9-11) schildern, wie sich der Auferstandene ihren Blicken entzieht. Unverwandt, sprachlos stehen sie da und schauen zum Himmel empor – gottverlassen im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Grenze, die ihnen mit der Himmelfahrt Jesu unweigerlich gezogen wurde, wird von den Männern in den weißen Gewändern ins Wort gebracht: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“ Und sie kehrten nach Jerusalem zurück, hinauf ins Obergemach, wo sie als betende Gemeinde zusammenbleiben. Welche Stimmung mag wohl ihr Gebet, ihr Zusammensein prägen, angesichts der harten Grenze, die sie durch Jesu Himmelfahrt erfahren?

Grenzen sprengen wollen – oder in ihnen den Frieden finden

Was tun Menschen nicht alles, um diese Grenzen zu sprengen? Weiter hinten im „Praktisch umgesetzt“ wird es um dieses Ringen mit den Grenzen gehen. Hier seien als Hilfe zum Gebet nur zwei Hinweise gegeben.

Zum einen: Man kann auf die Zukunft hin und von der Zukunft her in und mit seinen Grenzen leben. Und zum Zweiten die Gewissheit des Psalmisten: Gott verschafft meinen Grenzen Frieden (Ps 147,14). Mit letzterem soll begonnen werden.

Die Zukunft des Christen hat eben nicht Entgrenzung im Blick, sondern einen von Gott geschenkten Frieden innerhalb der Grenzen, die ihm gesetzt sind. Und es ist Gott selbst, der den Frieden in den Grenzen schenkt, und eben nicht die Grenzziehung und Grenzerweiterung, die man selbst vornehmen will oder vornimmt. Ein anderes biblisches Wort dafür ist das des „Namens“, bei dem Gott uns Menschen ruft und uns zusagt, ihm zu gehören (vgl. Jes 43,1). Im „Namen“ sind immer die Grenzen mitgesagt, der Name „definiert“ und „identifiziert“ mich. Das lateinische Wort „finis“ meint nicht nur „Ende“, sondern auch „Grenze“. – Und das Töpfergleichnis in Jer 18,1-6 zeigt, dass Gott selbst wie der Töpfer Hand anlegt, um unserem Leben eine bestimmte und begrenzte Form zu geben, die ihm gefällt. Im Blick auf die eigene Zukunft geht es betend zuerst darum, die eigenen gegenwärtigen Grenzen im Blick zu haben, stellen sie doch die „Form“ dar, die Gott meinem Leben im gegenwärtigen Moment gibt. Es gilt, alles Lebendige innerhalb dieser Grenzen zu erspüren und anzunehmen. Und es gilt, betend zu einem Ja zu den „Eindrücken“ zu geben, mit denen Gott mein Leben immer weiter formt. Dieses Ja ist es, was meinen – mir von Gott, dem Töpfer meines Lebens, gesetzten – Grenzen Frieden verschaffen kann.

Glauben an Gott – auf Zukunft hin und von Zukunft her

Von diesem Ja aus kann ich auf Zukunft hin und von Zukunft her mit meinen Grenzen leben. Auf Zukunft hin: im Gebet der liebenden Aufmerksamkeit ist uns ein großartiges Hilfsmittel gegeben, den „Eindrücken“ Gottes im Formen meines Lebens auf die Spur zu kommen. Mit Gott auf mein begrenztes Leben schauen heißt nicht, die Grenzen sprengen zu müssen; es heißt den „Eindrücken“, die Gott selbst in meinem Leben hinterlassen hat, nachzugeben und nachzugehen. Dass hier die Notwendigkeit der Unterscheidung mehr als hilfreich ist, ist selbstredend. Und dass Begleitung hier mehr als eine hilfreiche Unterstützung ist, ebenso. – Von Zukunft her: Im Beten und Meditieren des Wortes Gottes, in Jesu Gleichnissen vom Reich Gottes, im Schauen auf sein Leben wird mir ein Bild deutlich, wie sein Reich um mich herum, von mir und für mich aussehen will. Wiederum betend, wiederum unterstützt von der Begleitung kann ich mich herantasten an diese „Zukunft“, an das „auf-mich-und durch-mich-Zukommende“. In der Annahme des Heiligen Geistes – im doppelten Sinne des Wortes – gilt, was im Pfingstlied besungen wird: „Wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig.“

In all dem wird deutlich, dass es mathematisch stimmt: Wenn die Ziffer 8 umfällt, wird sie zum mathematischen Zeichen für „unendlich“. Aber die „Unendlichkeit“, die uns Christen zugesagt ist, die Zukunft Gottes für mich und für alle Menschen, hat nichts mit der Grenzenlosigkeit der mathematischen Unendlichkeit zu tun. Hier geht es um einen inneren Frieden, der innerhalb der Grenzen erfahrbar ist. Gott arbeitet wie der Töpfer im Gleichnis, er müht sich in der Weise eines Arbeitenden (vgl. EB 230-236), uns die von ihm verheißene Zukunft schon gegenwärtig werden zu lassen. Dazu braucht es die Grundhaltung des Vertrauens in ihn und die Haltung der Demut, in den eigenen Grenzen Frieden finden zu wollen.

Harald Klein, Köln

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