Mit Christus durch die Stadt

Die Stadt – ein „Garten der Religionen“

Ich stelle mir vor, Christus ginge mit mir an meiner Seite durch die Kölner Innenstadt. Es muss nicht gleich die „Hohe Straße“ hinter dem Dom und dem Hauptbahnhof sein; eher vielleicht der „Eigelstein“, der ein wenig das „Multi-Kulti“-Viertel ist, Kölns „St. Pauli“, das sich langsam zum „Schicki-Micki“-Viertel entwickelt mit seiner Lage in Bahnhofsnähe, mit seinen vielen kleinen Läden, mit offener Armut und verstecktem Reichtum. Ein Vielerlei der Sprachen und der lebensweltlichen Kulturen, eine religiöse Gemengelage. Oder Christus begleitete mich durch Nippes, den Ortsteil, in dem ich lebe. Jeder fünfte Mensch hier stammt aus einer anderen Nation, „ausländische“ Familien leben hier oft in der drit- ten Generation, und bleiben sich bei aller Annäherung doch oft in Kultur, Sprache, Religion treu. Was geschähe, wenn ich hier oder dort mit Christus entlangginge, wenn ich Ihm hier sagte: „Herr, lehre mich beten!“…

Städte wie Köln sind „Gärten der Religionen“. Da gibt es – trotz allem rheinischen Katho- lizismus und seiner (zugegeben liebevollen) Sonderformen – keine Monokultur mehr, da wächst vieles neben-, ja mit- und ineinander, und wer wäre im Urteil letztlich klar genug, um Unkraut von Weizen zu scheiden. „Herr, lehre mich beten…“, – wäre da in einer Stadt wie Köln wohl mit den hoch gehaltenen wie auch einfachen Worten des Vaterunsers die Antwort? Würde Christus auf mich allein schauen und mir eine Art „Einzelunterricht“ geben? Oder würde er mich an die anderen um mich herum verweisen, die sich doch auch nach dem Gebet ausstrecken. Was, wenn Christus selbst die Stadt zu einer „Lernumgebung“ für das Thema „Beten lernen“ zu schätzen wüsste, mir die Stadt zur Suche nach der Erfüllung der Bitte anböte?

Beten lernen aus dem Beten in den Religionen

Köln ist nicht nur ein Garten der Religion, es hat auch einen Garten der Religionen. Der katholische Verband für Mädchen- und Frau- ensozialarbeit IN VIA e.V. hat den ehemaligen Klostergarten der Jesuiten als einen Be- gegnungsort, als einen Ort der gegenseitigen Wertschätzung und Akzeptanz ausgebaut. Wie, wenn ich dort mit Christus entlangginge…? Auf mein „Herr, lehre mich beten“ höre ich sein „Schau Dich nur um.“

An diesem Ort wird greifbar, was im Konzil vor 50 Jahren die Erklärung „Nostra Aetate von den anderen Religionen und diese wertschätzend festgehalten wurde:

“Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn. (…) Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrach- tet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in man- chem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. (NA 2).

Zum Beten gehört die jüdische Ergebenheit an Gottes Willen genauso wie die katholische Form der Eucharistie, genauso wie die Achtsamkeit allem Lebendigen gegenüber, die ich am ehesten im Buddhismus beheimatet sehe, genauso wie das islamische Grußwort des Friedens, den ich dem anderen wünsche, genauso wie die vielfältigen Formen und Rituale, in denen der Hinduismus seinem Beten Gestalt gibt. Kann Benedikts „Pax“ oder Franziskus‘ „Pace e bene“ nicht anknüpfen an das zeitlich zwischen beiden Heiligen liegende „Salam“ des Islam?

Wer mit Christus heute und in der Stadt unterwegs ist und ihn bittet „Herr, lehre mich beten“, der muss damit rechnen, dass er von Christus auf einen „Garten der Religionen“ hingewiesen wird. Nicht, dass alles hier gleich gültig wäre, nach dem Motto: „Alle Flüsse fließen ins gleiche Meer“. Das mag ja stimmen, aber es gilt, das faulige Wasser vom Wasser des Lebens zu unterscheiden – und zu wählen.

Beten lernen aus dem Leben (in) der Stadt

Kein Christ muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe eine „Patchwork-Religion, wenn er (oder sie) einen Kurs in Achtsamkeit belegt, wenn Elemente des Aikido die Leibübungen in Exerzitien unterstützen oder wenn er eine „Umgebung“ für sein Beten schafft, in dem Klangschale, Kerze oder Kniebänkchen für die kontemplative Haltung einen Platz haben. Weihrauch ist gut – wenn denn diese (Ignatius würde sagen: „geschaffenen“) Hilfen dem „Vorsatz“ zum Beten dienen und uns Christen eben auf Christus und den dreifaltigen Gott ausrichtet. Und wenn all das hilft, dass Gott sein Leben in uns vertiefen kann.“ (EB 23 nach P. David Fleming SJ)

„Herr, lehre mich, lehre uns beten“ – da kann es zuerst nicht um Worte, Gesten, Handlungen gehen, sondern um Ausrichtung. Und alles, was der Ausrichtung dessen, der Beten lernen will, auf den lebendigen Gott hin dient, ist hilfreich, ist gut. Mit Christus durch die Stadt zu gehen kann heißen, meine Aufmerksamkeit zu lenken auf das, was um mich herum geschieht, oder auf die, die um mich herum sind – wie in kleinen „Straßenexerzitien“. Das „Heute“ ansehen in den drei Gebetsübungen, die der GCL lieb und wert sind, die uns von Ignatius überliefert sind: dem „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, dem „Gespräch der Barmherzigkeit“ und der „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ – hier finde ich Christi Antwort auf meine und der Jünger Bitte: „Herr, lehre uns beten“.

Stellen Sie sich vor, Christus ginge mit Ihnen durch Ihre Stadt, durch Ihr Dorf, durch Ihren Alltag. Und Sie würden Ihn bitten: „Herr, lehre mich beten…“. Da könnten als eine Antwort des Herrn die „Gebetshilfen aus der Schrift“ plötzlich zu „Gebetshilfen aus der Stadt“ oder zu „Gebetshilfen auf der Straße“ werden.

(Ein kleines PS. Sehr schön erläutert finden Sie die drei genannten Gebetsübungen des Exerzitienbuches unter dem Stichwort „Spiritualität“ auf den Seiten des Exerzitienhauses Ahmsen: 

Harald Klein, Köln

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