„Orte des Aufatmens“ – ein Essay

Aufatmen können, aufatmen dürfen

Kennen Sie das, dass Sie „aufatmen“ können oder müssen? Erinnern Sie das letzte Mal, dass Sie „aufgeatmet“ haben? Wo war das? Was war geschehen? Wovon mussten Sie „aufatmen“? Und wo, bei wem konnten Sie „aufatmen“?

Das Neue Testament kennt das Aufatmen auch, es spricht in den Tagen nach Tod und Auferstehung Jesu von „Zeiten des Aufatmens“. In der Apostelgeschichte (Apg) werden die ersten Tage, Monate, Jahre der frühen christlichen Kirche beschrieben. Im dritten Kapitel wird erzählt, dass Petrus und Johannes, zwei führende Apostel, einem Gelähmten begegnen, der um Almosen bettelt. Und Lukas, der Verfasser, erzählt:

„Petrus und Johannes blickten ihn an, und Petrus sagte: Sieh uns an! Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen. Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich Dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers: Geh umher! Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke; er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang um- her und lobte Gott.“ (Apg 3,4-8)

Die Erzählung spricht dann weiter von den Leuten im Tempel, die über das Ge- schehene staunten. Jetzt wendet sich Petrus an das Volk:

„Ihr Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann? Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr verraten und vor Pilatus verleugnet habt, obwohl dieser entschie- den hatte, ihn freizulassen. (…) Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen. Und weil er an seinen Namen geglaubt hat, hat dieser Name den Mann hier, den ihr seht und kennt, zu Kräften gebracht; der Glaube, der durch ihn kommt, hat ihm vor euren Augen die volle Gesundheit geschenkt. (…) Also kehrt um, und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Messias.“ (Apg 3,12f.15f.19f)

Seelsorge als „Aufatmen“

Diese Geschichte aus der Apostelgeschichte liefert einen biblischen Impuls zum Verständnis von Seelsorge in den Einrichtungen eines Wohlfahrtsverbandes in kirchlicher Trägerschaft mit einer Klientel aus verschiedenen Ethnien und Religionen sein. Es geht zunächst um das Handeln an – für – mit unterschiedlichsten Menschen in einer spezifischen Notlage. Es geht um die Motive und um die Art und Weise, wie die Apostel – im Bild: die „Seelsorger“ – handeln. Und es geht in dieser Geschichte um Zeugnis und um einen Aufruf zur Umkehr und zur Nachfolge, deren Ziel eine „Zeit des Aufatmens“ sein soll, so verspricht es Petrus.

Die „Zeit“ des Neuen Testamentes liegt weit hinter uns, und in einer soziologischen Systemtheorie mit Vertretern wie Talcott Parsons und vor allem Niklas Luhmann wird eine funktionale Differenzierung beschrieben, deren Folge „Teilsysteme“ sind, denen Funktionen für das Gesamtsystem zugewiesen werden. Das Handeln an Menschen in Notlagen hat darin seinen Platz eher in einem Funktionssystem der Sozialen Arbeit als in einem Funktionssystem Religion/Kirche.

„Aufatmen“ als Topos der Theologie und der Sozialen Arbeit

Hier ist nicht der Ort, um der Frage nachgehen zu können, inwieweit Soziale Arbeit und Kirche/Religion ein im Luhmann’schen Sinne „Funktionssysteme“ seien. Hinsichtlich der Religion kann da auf Ingo Stechmann (Die Religion der Gesellschaft – Eine Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann, München 2009) verwiesen werden, die Frage nach der Sozialen Arbeit als Funktionssystem wird u.a. von Olaf Maaß (Die Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft, Heidelberg, 2009) beschrieben und bewertet. Wenn aber eine Seelsorge als Handeln an – mit – für Menschen in Notlagen in einem Wohlfahrtsverband in kirchlicher Trägerschaft angeboten wird, kommt sie nicht daran vorbei, sowohl ihre eigenen theologischen Impulse als auch den Impulsen aus der Theorie der Sozialen Arbeit aufzugreifen, um sich sowohl theologisch als auch soziologisch verantworten zu können.

Hier soll also der Ort sein, einigen Fragen einer solchen doppelt verantworteten Seelsorge nachzugehen. Gefragt werden soll

  • zum einen nach Impulsen aus der Theologie, die von einer solchen Seelsor- ge aufgegriffen werden müssen;
  • zum anderen und vor allem nach Impulsen aus der gegenwärtigen Diskussi- on in der Theorie der Sozialen Arbeit, die ebenfalls Platz haben müssen in einem seelsorgerischen Handeln, damit die Seelsorge den Menschen in Not- lagen aus der Perspektive der Sozialen Arbeit gerecht werden kann.

Mit dieser zweiten Fragestellung sei auch der Begriff der „verantworteten Seelsorge“ geklärt. Es geht nicht darum, wissenschaftstheoretisch einen Kategorienfehler zu begehen, in dem „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden. Es geht darum, den Zielpunkt sowohl der Sozialen Arbeit als auch der Seelsorge, den Menschen in Not, zu betrachten, so, dass eine gemeinsame Basis aus einem „Einklang der Impulse“ das Miteinander von Seelsorge und Sozialer Arbeit ermöglichen. M.a.W.: die Arbeit des Seelsorgers muss in den Augen des Sozialarbeiters Bestand haben können, und gleichzeitig im Einklang mit den Impulsen aus der Theologie und mit der kirchlichen Sendung stehen. Oder um es persönlich und etwas lyrisch auszudrücken: es geht um das Bild und um die Aufgabe eines „Seelsorgers mit sozialarbeiterischem Herzen“, der mit seiner Arbeit dazu beitrage möchte, dass Seelsorge in einem Wohlfahrtsverband in kirchlicher Trägerschaft und mit einer Klientel aus vielfältigen Ethnien und Religionen im Sinne von „Zeiten und Orte des Aufatmens“ gestaltet werden.

Ein Dank an zwei Begleiter

An dieser Stelle danke ich Prof. Josef Freise für seine beinahe möchte ich sagen: väterliche Weise der Begleitung meiner Studienzeit, und Prof. Joachim Windolph für seine kritische Frage, ob ich künftig eher „Priester mit seelsorgerischem Herzen“ oder „Sozialarbeiter mit priesterlichem Herzen“ sein wolle. Ich habe meine Antwort gefunden!

Harald Klein, Köln

Den Text des Essays können Sie unten rechts downloaden.