Palmsonntag – „Um den Atemmond / namenlose erleuchtete Sterne…“

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Anm.: Der Predigt liegt die „Einführung zu den Predigten in der Heiligen Woche“ zugrunde, in der das immer wieder zitierte Gedicht „Unsere Sterne“ von Rose Ausländer vorgestellt und eingeleitet wird.

Die „Namenlosen“

Die Heilige Woche beginnt mit einem augenscheinlichen Diebstahl im Auftrag Jesu: „Geht in das Dorf, das vor euch liegt; gleich wenn ihr hineinkommt, werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet das Fohlen los und bringt es her!“ Klingt nach Diebstahl, oder? Jesus fügt hinzu: „Und wenn jemand zu euch sagt: Was tut ihr da?, dann antwortet: Der Herr braucht es, er lässt es bald zurückbringen.“ Dieses „Und wenn jemand euch fragt“ macht es auch nicht viel besser. Jesus tritt ziemlich souverän auf und bedient sich der Dinge und der Menschen.

Wenn Sie das Evangelium vom Einzug in Jerusalem hören oder lesen, achten Sie doch einmal auf die fehlenden Namen. Weder der Besitzer des Eselfohlens noch die Jünger noch die „Vielen“ oder die „Leute“ sind beim Namen genannt.

Uns Predigern tun sich zwei Lesarten, zwei Lösungen für diese Namenlosigkeit auf. Die erste Lesart: entweder spielt nur Jesus, der beim Namen genannt wird, eine Rolle, und die Namenlosigkeit der anderen hebt den Namen Jesus und den beim Namen genannten Jesus so besonderes hervor. Die zweite Lesart: Die Namen der anderen in der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem Beteiligten spielt keine Rolle. Sie sind austauschbar, Namen wie auch Namensträgerinnen und Namensträger. Weil kein Name genannt ist, darf ich und dürfen wir unsere Namen da einsetzen, oder sich auch „namenlos“ dazustellen.

Der „Atemmond“ – und die „namenlosen erleuchteten Sterne“

Wir möchten Ihren Blick auf den Einzug Jesu in Jerusalem richten. Das Bild wird Ihnen aus Grundschulzeiten und aus biblischen Malbüchern bzw. Malbögen bekannt sei: Jerusalems (namenlose) Bürger schmücken den Weg Jesu mit Palmzweigen und Kleidern. Haben Sie im Ohr, was sie Jesus zurufen? Zumindest Markus überliefert uns das „Hosanna dem Sohne David“ und das „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ Wahrscheinlich sind Sie bis hierher schon genügend sensibilisiert, um zu entdecken, dass niemand Jesus mit Namen anspricht, mit Namen anruft. Der Jubel, den sie ihm entgegenbringen, gilt dem „Star“ aus Bethlehem und Nazareth, gilt dem „namenlosen erleuchteten Stern“, von dem wir wissen, dass sein Namen Jesus ist. Für die Menschen in Jerusalem bleibt er „Atemmond“, ein Geisterfüllter, der Licht bringt in der Nacht – ein Licht, das wie beim Mond sein Licht von einem anderen hat. Für die in Jerusalem und am Tag des Einzugs reflektiert der Namenlose das Licht Gottes – des Gottes, von der namens Jesus behauptet, er sei sein Vater, aber das wissen die „namenlosen erleuchteten Sterne“ noch nicht.

Apropos „Sterne“: Sterne reflektieren auch und vor allem das Licht einer Sonne, oder sie haben der Sonne gleich Strahlkraft von innen, die irgendwann erlischt. Dass Jesus genau der ist, der den „namenlosen Sternen“ zum Durchbruch oder zum neuen Aufbruch ihres eigenen Lichtes und dadurch zu einem eigenen Namen verhelfen will, das ahnen die „namenlosen Sterne“ ebenso wenig wie die Herkunft ihres momentanen Strahlens, so sie denn strahlen und nicht schon innerlich verloschen sind.

Sie dürfen gerne die ersten beiden Zeilen unseres Rose-Ausländer-Gedichts zum neuen „Ausmalen“ der Szene vom Einzug in Jerusalem nehmen.

Wenn es heute eine Prozession mit Palmzweigen gäbe…

Wir beide Autoren schauen ins Heute. Aus den bekannten Gründen sind die Palmprozessionen verboten, und doch stellt sich die Frage, ob unser gewohnter Gang zum Gottesdienst nicht ein wenig dem Einzug Jesu in Jerusalem gleicht. Unser Aufbruch von zu Hause, mit all dem und all denen, was wir mitnehmen. Dann der „Einzug“ – wenn es der „große Einzug“ ist, geht er durch den Mittelgang der Kirche zum Altar, und wir stehen auf dabei, wir würden singen, wenn es erlaubt wäre. Und dann geht der Gottesdienst seinen gewohnten rituellen Gang.

Uns kommen Fragen. Sind die, die da stehen auch „namenlose erleuchtete Sterne“? Wessen Namen, wessen Gesichte und Lebens-, vielleicht Leidens oder Freudensituation kenne ich? Und andersherum: Wer von denen hier kennt meinen „Namen“ – und all das, was ich von ihm preisgeben möchte? Für wen bin ich „namenlos“, wem gelte ich als „erleuchtet“, vielleicht sogar als „Stern“ – und warum? Kann es ein „Wir“ unter „Namenlosen“ geben?

Und wie ist das mit Jesus? Ist er „Atemmond“ für mich, irgendwie geisterfüllt, fähig, Nächte zu erhellen? Kenne ich seinen Namen, sein Wesen, seinen Geist, der ihn treibt?

Ein letztes: Schauen wir, die namenlosen und von Jesus her erleuchteten Sterne, eigentlich nur zu ihm auf („Wir schauen auf zu Jesus Christ, zu ihm, der unsre Hoffnung ist“), oder schauen wir uns einander an, wie auch er die Menge am Weg sicher anschaut? „Aufsehen“ und „ansehen“ geschieht auf zwei verschiedenen Ebenen.

Wir beide sind davon überzeugt: Je mehr wir das „Aufsehen“ zurückstellen zugunsten des „Ansehens“, je mehr wir die „namenlosen erleuchteten Sterne“ um uns herum in den Blick nehmen, ihre Namen lernen und ihre Geschichte teilen, desto mehr kommt in uns unser eigenes Licht zum Leuchten

Rose Ausländers Gedicht beginnt mit „Um den Atemmond / namenlose erleuchtete Sterne“. Wenn die namenlosen erleuchteten Sterne zusammenkommen, sich Ansehen schenken und beieinanderstehen, wird auch irgendwann der Atemmond seine Anonymität, seine Namenlosigkeit aufgeben, wir werden ihn erkennen, wie er ist, wir werden uns erkennen, wie wir sind.

Amen.

Köln 26.03.2021
Harald Klein/Lukas Nieß