Petrus und Paulus – ein Streit um Lebensentwürfe

Streit(en) in der Heiligen Schrift

Streiten muss sein – der Titel des Werkheftes könnte eine „Lesebrille“ für die Heilige Schrift sein. Da ist der Streit um die Annahme des Opfers zwischen Kain und Abel (der tödlich ausgeht), da ist der Streit zwischen den Hirten des Abraham und des Lot (der mit Trennung endet), da ist der Streit und das Ringen zwischen Jakob und Gott selbst (der Narben, besser: eine geschlagene Hüfte und einen neuen Namen zurücklässt). Allein diese drei Beispiele zeigen, dass es ohne Streit nicht geht. Entscheidend ist aber, wie der Streit gelöst wird! Im NT gibt es den Rangstreit unter den Jüngern (Mk 9,33-37), der etwas kindlich-kindisches an sich hat und den Jesus mit dem Hinweis auf das Kind, das er in die Mitte stellt, löst. Das Kind – das „Kleine“ an- und aufzunehmen, sich klein machen können ist für ihn das Merkmal christlicher Größe.

Der Streit um die „Heiden“

Als die große Streitfrage gilt in der frühen Kirche Apg 15, hier geht es darum, ob sich die Heiden erst nach der Weise der Juden beschneiden lassen müssen, um Christen werden zu können. Hier treffen judenchristliche und heidenchristliche Kirche, hier treffen die Lebensentwürfe eines Petrus und die Lebensentwürfe eines Paulus aufeinander.

Im „Apostelkonzil“ ist es die Rede des Petrus, die den Streit schlichtet: „Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen. Und Gott, der die Herzen kennt, bestätigte dies, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab. Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen, denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt. Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe “ und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten? Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.“ (Apg 15, 7b-11).

Neben dem Brudermord, der Trennung, den Narben gibt es eine – zutiefst urchristliche – Weise, einen Streit zu lösen: es hat mit „Weiten des Horizontes“ zu tun und entspricht der Haltung, die atl. schon im „Gebet des Jabez“ ausgedrückt wird: „Doch Jabez rief zum Gott Israels und sprach: Möchtest du mich segnen und mein Gebiet erweitern. Möchte deine Hand mit mir sein, dass du mich freimachst von Unheil und ich ohne Beschwerden bleibe. Und Gott erfüllte seine Bitte.“ (1 Chr 4,10).

Manchmal braucht es – auch, um der eigenen Sendung treu zu bleiben – eine „Horizonterweiterung“, ein „Weiten“des eigenen Gebietes. Es muss für die Judenchristen eine wirkliche Zumutung gewesen sein, auf einmal Heidenchristen nicht neben, sondern unter sich zu wissen. Eine Gemeinschaft definiert sich zutiefst durch eine eigene Sprache, durch eigene Werte, Rituale und Deutungsmuster – und jetzt kommen die „Unbeschnittenen“ mit ihren lockeren Speisegesetzen daher und wollen „zu uns“ gehören?! Das ist wirklich eine „Zumutung“!

Die „Zumutung“ des anderen

Und es stimmt. Es ist eine „Zumutung“ – nicht nur, dass sie ein Umdenken, eine Weitung des bisher Geltenden verlangt, sie braucht auch Mut, Anderes und Neues als gültig neben dem allein bisher Gültigen stehen zu lassen, zu tolerieren und zu akzeptieren. Die anderen Lösungen („Brudermord“, Trennung, Narben schlagen) gingen vielleicht „leichter“ von der Hand.

Im Frühjahr wurde unser Welttag gestaltet. Hier ging es um „Familie“ – die „Projects161“ geben davon Zeugnis. Hier ist von „verschiedenen Familienkonstellationen“, „neuen Formen von Familien“, „verschiedenen Familienrealitäten“ die Rede. Und es geht um unsere Sendung hinsichtlich dieser Veränderungen im Blick auf die Familien.

Für den Oktober lädt der Nachfolger des Petrus, Papst Franziskus, zur Familiensynode ein, sie wird durch viele Berichte und Fragebögen aus Familien vorbereitet. Das wird dort auch eine Art „Apostelkonzil“, und man darf erwarten, dass es dieselben Aufschreie wie damals in Jerusalem geben wird – „Man muss sie beschneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten!“ (Apg 15,6). Man darf aber auch hoffen für dieses Apostelkonzil – und für unsere Gemeinschaft -, dass das Gebet des Jabez darüber stehen mag: „Möchtest du mein Gebiet erweitern!“.

Steiten muss sein! Aber vor dem Steit müssen die Realtiäten gesehen werden, und dann muss es um Werte gehen – nicht um Normen, mit und in denen die Werte umgesetzt werden. „Werte“ sind für den Bestand der Gemeinschaft unaufgebbar, wenn sie ihre Identität behalten will – „Normen“ können den Realtitäten angepasst werden.

Zu den Realitäten gehören die vielen Menschen, die alleine leben wollen, gehören eine große Zahl Alleinerziehende, gehören gebrochene Ehen und Wiederverheiratete, gehören „Patchwork-Familien“ und Lebensgemeinschaften mit und ohne Trauschein, ein- oder zweigeschlechtlich. Wer bin ich, wer sind wir, wenn wir anfingen, denen ein „Joch auf den Nacken zu legen, das weder wir noch unsere Väter tragen konnten“? Die Frage nach dem Wert, der in diesen Lebensentwürfen aufscheint, diese Frage darf gestellt werden. Und wenn der – gewählte oder ertragene – Lebensentwurf der Liebe und der Fruchtbarkeit (in einem größeren als dem bloß biologischen Sinne) dient, gilt dann nicht auch: „Gott hat ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gegeben?“. Es gilt, den Wert beizubehalten und das Gebiet der Norm zu weiten, auch wenn es zunächst als „Zumutung“ zu „werten“ ist.

Eine kleine Ikone in meinem Zimmer zeigt die Häupter von Petrus und Paulus, Wange an Wange.Petrus verliert nichts, wenn er sein Gebiet „weitet“ – und Petrus mit Paulus gewinnen dazu. Ein „Ja“ zur Vielfalt der Lebensentwürfe lässt Menschen mit vielerlei Profil nicht nur neben-, sondern miteinander leben. Dieses Ja habe ich zu sprechen gelernt, und ich lade Sie herzlich auf diesen Weg ein.

Harald Klein, Köln

Hier können Sie die Projekts 161 in deutscher Sprache herunterladen.

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