Petrus – von seiner Zerbrechlichkeit gedeutet

Der Anlass

Ihr kennt das Kribbeln im Bauch vor einem spannenden Moment? Nicht nur am Namenstag, sondern auch im Freundeskreis an einem Silbernen Priesterjubiläum predigen zu dürfen, ist eine Ehre, die mir aus verschiedenen Gründen ein solches Kribbeln verursacht. Und ich danke Dir, Peter, dem langen Weggefährten, dass Du mir diese Ehre zukommen lässt. Ich soll auf den Petrus schauen, hast Du mir gesagt, der Dir in Vielem nahe ist. Ich greife diesen Faden auf und schaue auf den Petrus, wie er sich mir zeigt und wie ich ihn Dir heute vorstellen möchte – aus meinem ganz eigenen Blickwinkel, aus dem Blickwinkel wohlgemerkt nicht der Gebrochenheit, sondern aus dem Blickwinkel der Zerbrechlichkeit.

Und ich möchte versuchen, den Petrus Dir und Euch in diesem Blickwinkel der Zerbrechlichkeit nahezubringen mit drei Gegebenheiten, die mir in den vergangenen Jahren lieb und wichtig geworden sind: Mit einer Anleihe aus der Philosophie, einer Anleihe aus der Lyrik und einer Anleihe aus dem Film.

Eine Anleihe aus der Philosophie: Zygmunt Bauman – Die Fragilität des Lebens

Ich kann nicht erwarten, dass Ihr Zygmunt Bauman kennt, dafür ist der 2017 verstorbene polnische Philosoph, der wegen seiner jüdischen Herkunft nach Israel, Kanada, Amerika und schließlich nach England migrierte, zu unbekannt. Er ist einer der großen und frühen Denker der Postmoderne. Sein vielleicht bekanntestes Buch heißt „Flüchtige Zeiten“ – auf englisch heißt es: „Liquid Modernity“, und es trägt den Untertitel „Leben in der Ungewissheit“.

Die Kernaussage Baumans: Postmoderne unterscheidet sich von der Moderne dadurch, dass die großen Erzählungen ihre Prägekraft verloren haben, das hat aber auch schon Jaques Lyonard 1979 geschrieben. Aber Bauman fährt fort: Der Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne liegt u.a. darin, dass jetzt der einzelne dafür verantwortlich ist, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen, wie und ob er sein Leben in die richtige Bahn bekommt. Die „großen Erzählungen“ – das meint die Prägekraft der Religionen, die Überlieferungen, wie man Familie gründet und lebt, das meint auch das, für das die Kirche steht – vielleicht besser: stand.

Einen solchen „liquiden“ Umbruch hat auch Petrus erlebt, als er Jesus begegnet ist. Das, was wir „Gesetz“ nennen, ist durch die Begegnung des Petrus mit Jeus aufgehoben, ist liquide, ist flüchtig geworden. Das, was die anderen aus seinem Stamm, aus seiner Familie trägt, trägt ihn nun nicht mehr. Seine Weltordnung, seine Weise des Glaubens und der Religion samt der Kultur, die dahintersteht, wird fragil, wird zerbrechlich – und es ist die Lebensaufgabe des Petrus, mit dieser Zerbrechlichkeit umzugehen, so, dass sie ihm dennoch ein festes Grundgerüst zum Leben gibt. Aber: er ist jetzt selbst dafür verantwortlich, muss seinen eigenen Weg gehen, den Widerständen z.B. der Schriftgelehrten und der Pharisäer zum Trotz. Da ist er schon ein wenig „postmodern“, der Petrus.

Und Peter hat das erlebt. Die großen Erzählungen z.B. von Kirche, die wir hatten, als wir antraten, haben ihre Kraft verloren. Neues zeichnet sich trotz aller strukturellen Versuche nur zögernd ab, hoffentlich ist es „mehr, als du siehst“. Das Priestersein ist zerbrechlich geworden, und wir als Menschen der Postmoderne sind es auch. Wir leben und arbeiten mit denen, denen wir zur Seite gestellt sind, in „flüchtigen Zeiten, in einer „liquid modernity“. Wir leben, wie Bauman sagt: ein Leben in Ungewissheit. Da geht es dem Peter wie dem Petrus: wenn die Welt um Dich ver-rückt wird, siehe Du zu, dass Du einen klaren Kopf behältst. Die großen Erzählungen über das Priestersein sind vorbei, haben ihre Kraft verloren, und es wird – wie bei Petrus – Deine Aufgabe sein und Deine Aufgabe bleiben, Deinen Weg des Priesterseins zu finden und ihn mit den anderen abzustimmen. Das ist der Fluch – und vielleicht auch der Segen – der Postmoderne: eigenverantwortlich, klug, geistvoll den eigenen Weg zu finden, und ihn zu gehen mit denen, die sich Dir zugesellen, denen Du Dich zugesellst.

Eine Anleihe aus der Lyrik: Hilde Domin – Ein Gesicht leuchten machen

Was tun in solchen „liquiden“ Zeiten, in der nicht nur der einzelne, sondern ganze gewachsene Strukturen und kulturelle Riten ihre Kraft verloren haben? Ich glaube, es ist weniger die Wissenschaft, weder die Pastoraltheologie noch die Sozialpädagogik, die hier eine tiefgehende Antwort wissen, es sind allemal weniger die großen Programme, aber bei der Lyrik könnte man es versuchen, Peter würde vielleicht eher in der Orgelmusik suchen. Ich mache meine Anleihe immer wieder gerne bei Hilde Domin. Ein Vers aus einem ihrer Gedichte, das ich als Ganzes nicht verstehe, hat es mir sehr angetan. Hilde Domin schreibt im „Indischen Falter“:

„Vielleicht wird nichts verlangt / von uns / als ein Gesicht / leuchten zu machen / bis es durchsichtig wird. / Und das Leuchten dieses einen Gesichtes / aufzubewahren.“

In allen Debatten und Versuchen, Ordnung und Ordnungen herzustellen in einer Welt, die vor allem von und in ihren Ambivalenzen und Gegensätzen lebt, hat Petrus es verstanden, sich über die Ordnungen hinaus zu bewegen und das Gesicht so manches Menschen in dessen Zerbrechlichkeit leuchten zu machen. Mein liebstes Wort von Petrus ist das zum Gelähmten an der Goldenen Pforte: „Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich Dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher! Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke, er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.“ (Apg 3,6-8)

„Vielleicht wird nichts verlangt / von uns / als ein Gesicht / leuchten zu machen / bis es durchsichtig wird. / Und das Leuchten dieses einen Gesichtes / aufzubewahren.“ Petrus hat das vermocht, und ich wünsche Dir, Peter, dass Dir diese Gabe weiter in Deinem priesterlichen Tun, aber auch als Freund, gut gegeben bleibt und wirken kann: Du hast mit Menschen zu tun, die zerbrechlich sind. Bringe die Gesichter derer um Dich herum zum Leuchten – und bewahre Dir dieses Leuchten auf.

Eine Anleihe aus dem Film: Into the wild – Zerbrechlichkeit ist nicht Schwäche, sondern Feinheit

„Into the wild“ von 2007 erzählt die Geschichte von Christopher McCandless. Der Sohn einer wohlhabenden Familie lässt alles hinter sich und zieht sich für zwei Jahre wandernd und mit dem Kajak unterwegs durch die Wildheit Amerikas, lebt in einem Buswrack und bekommt von Regenfällen den Weg zurück abgeschnitten, sodass er schließlich verhungert bzw. an giftigem Pflanzen, die er isst, stirbt. In einem Dialog dieses Filmes heißt es: „Die Zerbrechlichkeit von Kristall ist keine Schwäche, sondern Feinheit.“

Hier geht es jetzt um die eigene Zerbrechlichkeit. Bei Petrus steht am Anfang die Berufungsgeschichte am See mit dem reichen Fischfang – und Petrus drückt seine Zerbrechlichkeit aus mit den Worten: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder.“ (Lk 5,8) Am Ende wird die Zerbrechlichkeit des Petrus am ehesten in der legendären „Quo vadis“-Geschichte deutlich, in seiner Frage „Quo vadis?“ – „Wohin gehst Du, Herr?“ – um ihm zu folgen. Jesu Antwort auf die Frage des Petrus ist: „Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen.“ Und dieses Kreuzigen holt dann den Petrus in Rom ein.

Dass Du, Peter, nicht gerne als zerbrechlich auftrittst, das weiß jeder. Aber Du gehst keinem Konflikt aus dem Weg. Dir aber in der Zerbrechlichkeit zu begegnen, die nicht Schwäche, sondern Feinheit meint, dieses Geschenk hat schon manch einer Deiner Freundinnen und Freunde machen dürfen. Und wo sind sich Menschen näher und ähnlicher als in dem Moment, wo sich diese kristallklare Feinheit des einen der des anderen nähert? Für diese Momente danke ich Dir persönlich, und ich tue es im Namen so manch eines oder einer anderen, die heute hier sind. Es ist diese Feinheit der Zerbrechlichkeit, mit der wir gemeinsam vor Gott bestehen können und voreinander bestehen dürfen.

Drei Anleihen

Drei Anleihen aus Philosophie, Lyrik und Film – aus drei Gegebenheiten, die mir lieb und wertvoll sind: Zygmunt Baumans Fragilität und Zerbrechlichkeit der Gesellschaft – Petrus, der selbstbewusst und eigenverantwortlich seinen Weg im Kreis der Gefährten geht – das kann auch Peter. Hilde Domins Aufgabe, das Gesicht eines Menschen leuchten zu machen, bis es durchsichtig wird, und sich dieses Leuchten bewahren – Petrus, der das, was er hat und was er ist, der sich selbst zur Verfügung stellt, damit Gesichter leuchten und durchsichtig werden – das kann auch Peter. Und Christopher McCandless‘ Zerbrechlichkeit, die nicht Schwäche ist, sondern Feinheit – auch das kann Peter.

Diese drei Haltungen möchte ich Dir wünschen, heute zum Jubiläum, aber vielmehr noch in Deinem ganz alltäglichen Dasein und Leben. Möge Gottes guter Geist dich darin stärken.

Amen.

Köln, 29.06.2018
Harald Klein

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