Pfingsten – Auf den Anderen hören, oder „Draußen vor der Tür VIII“

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Rückblick: Der Anlass

Dass Wolfgang Borchert am 21.05.2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, konnte man in dieser Woche in den Nachrichten hören, sehen, lesen. Dass er die Uraufführung seines Bühnenwerkes „Draußen vor der Tür“ nicht mehr erlebte – er starb im Alter von 26 Jahren einen Tag vor der Uraufführung -, dürfte aufgrund seines tragischen Lebens und Sterbens vielleicht auch aus den Medien bekannt sein. Neben dem Drama, dass er im Herbst 1946 in nur acht Tagen niederschrieb, sind seine anderen Werke etwas in den Hintergrund getreten.

Wie dem auch sei, es waren Borcherts 100. Geburtstag, der Titel seines Nachkriegsdramas „Draußen vor der Tür“ und die Figur des „Anderen“ in diesem Drama, die mich auf den Gedanken brachten, einen Zusammenhang zwischen den Predigten der Sonntage der Osterzeit mit „Draußen vor der Tür“ zu versuchen.

»Nicht unser Geist richtet sich demnach nach den Gesetzen der Dinge, sondern die Dinge nach den Gesetzen unseres Geistes.«
Eilenberger, Wolfram (2018): Zeit der Zauberer, Stuttgart, 129 - Über die 'kopernikanische Wende' in der kritischen Philosophie Kants.

Der Andere

Da ist die Figur des „Anderen“, die für mich etwas „Pfingstliches“ hat. In der Aufzählung der mitspielenden Personen ist sie in Borcherts Stück die letzte, die genannt wird: „der Andere, den jeder kennt“, es folgt noch die „Elbe“, mit der Beckmann, der Protagonist, noch vor der ersten Szene im Traum streitet.

„Der Andere, den jeder kennt:“ Nach dem Vorspiel und dem Traum taucht der Andere gleich in der ersten Szene auf und stellt sich dem suizidalen Beckmann vor: „Wer ist da, mitten in der Nacht? Hier am Wasser? Hallo! Wer ist denn da?“ – „Ich.“ – „Danke. Und wer ist das: Ich?“ – „Ich bin der Andere.“ – „Der Andere? Welcher Andere?“ – „Der von Gestern. Der von Früher. Der Andere von Immer. Der Jasager. Der Antworter.“[1]

Der Andere, der von Gestern, von Früher, von Immer, der Jasager, der Antworter – wenn Sie es „liturgisch“ mögen, deuten Sie einmal die Pfingstgeschichte mit dieser Vorstellung des Anderen. Wenn Sie es lieber ein wenig lebensgeschichtlich, biographisch mögen, deuten Sie einmal Ihre Weisen des Fragens, des Antwortens, der Entscheidungsfindung mit dieser Vorstellung des Anderen. Kennen Sie die Stimmen von Gestern, von Früher, von Immer? Kennen Sie den Jasager, die Jasagerin? Kennen Sie die Stimme, die antworten will und die dann auch antwortet?

» Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind. «
P. Alfred Delp SJ (1907-1945)

Im Ringen mit dem Anderen

Gleich in der ersten Szene wird deutlich, wie Beckmann mit dem Anderen ringt – es ist ein Gegenentwurf zum Pfingstfest, ein Gegenentwurf zu einem Weg in mehr Leben und Lebendigkeit, zu dem allerdings auch Beckmann im Drama und in seiner Verlassenheit nicht nur nicht mehr fähig ist, sondern auch keine Bilder, keine Visionen, keine Helferinnen und Helfer hat:

„Der Andere: Du wirst mich nicht los. Ich habe tausend Gesichter. Ich bin die Stimme, die jeder kennt. Ich bin der Andere, der immer da ist. Der andere Mensch, der Antworter. Der lacht, wenn du weinst. Der antreibt, wenn du müde wirst, der Antreiber, der Heimliche, Unbequeme bin ich. Ich bin der Optimist, der an den Bösen das Gute sieht und die Lampen in der finstersten Finsternis. Ich bin der, der glaubt, der lacht, der liebt! Ich bin der, der weitermarschiert, auch wenn gehumpelt wird. Und der Ja sagt, wenn du Nein sagst, der Jasager bin ich. Und der –

Beckmann: Sag Ja, soviel wie du willst. Geh weg. Ich will dich nicht. Ich sage Nein. Nein. Nein. Geh weg. Ich sage Nein. Hörst du?

Der Andere: Ich höre. Deswegen bleibe ich ja hier.“[2]

Es macht den Anderen wesentlich aus, dass er Alternativen sieht, benennt, anbietet. So stelle ich mit Gottes Heiligen Geist vor – oder den Geist, der zum tiefen Menschsein führt, wenn man es mit „Gottes Heiligem Geist“ nicht so hat. So stelle ich mir „pfingstliche und geistvolle Menschen“ vor: Sie sehen und benennen Alternativen und bieten sie an, wenn ich sie brauche.

Und gleichzeitig gilt: Es ist ein Ringen, die eigene Sicht loszulassen und den Alternativen, dem Anderen zu trauen. Beckmann scheitert daran im Drama, ihm fehlen Antworten – aber neben dem Anderen ist auch niemand da, der Anderes, der Alternativen sieht, benennt und vor allem anbietet.

» Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben. «
P. Alfred Delp SJ (in den Tagebüchern im November 1944, auf seinen Prozess wartend)

Auf den Anderen hören

Am Ende des Osterfestkreises, am Ende der Osterzeit möchte ich Ihnen diese Figur des Anderen ans Herz legen, ans Herz mehr als ins Ohr. Es mag im alltäglichen Leben eine Fülle von Menschen geben, die um Sie herum sind, ähnlich wie es nach Beckmanns Heimkehr nach Hamburg gewesen ist. Schauen Sie, wen er antraf – und ob Ihnen da Bekannte oder Bekanntes erscheint. „Die Personen sind:

Beckmann, einer von denen; seine Frau, die ihn vergaß; deren Freund, der sie liebt; ein Mädchen, dessen Mann auf einem Bein nach Hause kam; ihr Mann, der tausend Nächte von ihr träumte; ein Oberst, der sehr lustig ist; seine Frau, die es friert in ihrer warmen Stube; die Tochter, gerade beim Abendbrot; deren schneidiger Mann; ein Kabarettdirektor, der mutig sein möchte, aber dann doch lieber feige ist; Frau Kramer, die nichts weiter ist als Frau Kramer; der alte Mann, an den keiner mehr glaubt; der Beerdigungsunternehmer mit dem Schluckauf; ein Straßenfeger, der gar keiner ist; der Andere, den jeder kennt; die Elbe.“ [3]

Bekannte Stimmen um Sie herum, äußerlich, bekannte Stimmen in Ihnen, innerlich. Es braucht Mut, nicht nur den Anderen zu hören, sondern mehr noch auf ihn zu hören, ihm zu vertrauen. Das macht für die Christen Pfingsten aus. Und es ist die gleiche Aufgabe derer, die mit Pfingsten wenig anfangen können: den Anderen hören, oder – einen Schritt weiter – auf den Anderen hören, oder – noch einen Schritt weiter – dem Anderen vertrauen. Der Königsweg dabei ist, draußen vor der Tür, mitten in der Welt sich anzubieten als die Stimme des Anderen, dem Anderen ein Anderer sein, Alternativen für ihn, für sie sehen, benennen und anbieten dann, wenn Menschen wie Beckmann in sich, für sich, mit anderen heimatlos sind und ihre Heimat nur noch „Draußen vor der Tür“ sehen.

Das wäre übrigens ein „Frohes Pfingsten“.

Amen.

Köln, 21.05.2021
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://www.projekt-gutenberg.org/borchert/draussen/chap005.html [22.05.2021]

[2] Vgl. [online] https://www.projekt-gutenberg.org/borchert/draussen/chap005.html [22.05.2021]

[3] Vgl. [online] https://www.projekt-gutenberg.org/borchert/draussen/chap005.html [22.05.2021]