Praktisch umgesetzt – Über Mut und Übermut

Über Mut …

Wo anfangen, wenn man über Mut nachdenken oder reden will? Bei den „Mutigen“, die uns die Kirche als Heilige wie einen Spiegel entgegenhält – seien es die Lübecker Märtyrer, sei es ein Maximilian Kolbe, sei es ein Dom Helder Camara? Menschen also, die ihr Leben gelassen haben im Einsatz für andere Menschen, beinahe könnte man sagen: als Einsatz für das Leben anderer. Im vertrauten Kreis kann man mit viel Ehrfurcht und Staunen über diese Menschen, über diese Helden reden, keine Frage. Aber es wird zur gleichen Erfahrung führen, wie sie der hl. Ignatius auf seinem Krankenbett hatte, als er die Ritterromane las: Dieser Mut ist so groß, da komme ich, da kommen wir nicht heran, da komme ich, da kommen wir nicht mit.

Dieser Mut ist zu groß für uns! Wenn ich mir die Frage stelle nach dem „am Leben bleiben“ und nach der Rolle, die mein eigener Mut dabei spielt, muss ich „weiter unten“ ansetzen.

Für ein Gespräch in der Gruppe ist es sicher hilfreich, mit einer „Phänomenologie des Mutes“ zu beginnen, d.h. mit Beschreibungen von Menschen, deren Handeln „mutig“ war. Wer fällt Ihnen ein? Was hat er, was hat sie getan, das von Ihnen – und wahrscheinlich von vielen anderen auch – als „mutig“ beschrieben und gewertet wird?

Ich möchte beginnen mit dem „Übermut“, und dann in drei konzentrischen Kreisen zuerst den Blick richten auf den Mut, der von außen erwartet und eingefordert wird („externalisierter Mut“), dann auf den Mut, den ich zu leisten bereit bin, weil er mich und ggf. andere Leben hält, und der aus mir selbst erwächst („internalisierter Mut“), und schließlich auf den Mut, der mir innewohnt und der dazu dient, meiner eigenen Bestimmung und Berufung nachzugehen („spiritueller bzw. geistlicher Mut“).

Dieser Dreischritt wird so beschrieben, dass er sich für einen oder für mehrere Gruppenabende eignet, aber auch eine eigene Betrachtung ist möglich und sinnvoll.

„Mut“ soll hier – im Sinne Drewermanns – zunächst verstanden werden als der Wille und die Fähigkeit, den Situationen, in denen ich stehe, zu begegnen, mich herausfordern zu lassen, sie anzunehmen und zu gestalten

… und Übermut

Zu Beginn geht der Blick auf den Übermut. Wenn im Deutschen die Vorsilbe „über…“ gesetzt ist, ist meist etwas beschrieben, was jenseits einer Grenze liegt. Etwas ist „überteuert“, jemand ist „übervorsichtig“. Ein anderer ist „überkorrekt“. So erschließt sich die Beschreibung des „Übermütigen“ auf den ersten Blick als einem „Leichtsinnigen““, der z.B. Risiken und Grenzen nicht ernst nimmt, sei es im Sport, sei es in der Geldanlage, sei es in Beziehungen. Aber Vorsicht: Gleichzeitig hat „Übermut“ aber auch etwas von „Verspieltem“, von „Necken“ oder von „Schalk im Nacken“, von „Spaß“ und „purer Lebensfreude“ – manchmal vielleicht auf Kosten anderer. Wenn es um das „am Leben bleiben“ geht und um die Frage nach der Rolle des Mutes, dann lassen Sie den „Übermut“ nicht draußen vor. Er scheint mir die Kraft zu sein, die zu einem spielerischen Umgang mit dem Leben einlädt und uns den Geschmack an dieser Weise des Lebens weckt und erhält. P. Stefan Kiechle SJ beschreibt diese Form des Lebens als „gelassene Leidenschaft“, und biblisch beschrieben finde ich sie im Buch der Sprichwörter. Dort sagt die Weisheit Gottes von sich selbst und auf den Schöpfer hin: „Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (Spr 8,31).

Eine erste Anregung zum Gespräch und zur Besinnung: Wie erlebe ich Übermut? Wie begegne ich Menschen, die mir übermütig erscheinen? Was löst in mit Übermut und übermütiges Verhalten aus? Wem dient es? Wem schadet es?

Externalisierter Mut – Von außen erwarteter Mut

Als Zweites geht es um den Mut, der „erwartet“ und der „eingefordert“ wird. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist der Mut der Soldaten und deren Tapferkeit in den Kriegen.  Welche Rolle dieser externalisierte Mut wohl spielt, um am Leben zu bleiben? Sie können dem gut nachspüren, wenn Sie einmal Ihre Teilnahme an Gedenkstunden an den Denkmälern der Gefallenen betrachten. Vielleicht haben Sie noch Angehörige, die selbst am 2. Weltkrieg teilnahmen? Oder Sie gehören zu den von Sabine Bode gut beschriebenen Generationen der Kriegskinder oder Kriegsenkel. Wie bewerten Sie den Mut oder die Tapferkeit derer, die herausgerufen wurden, jetzt aber mutig und tapfer zu sein, um am Leben zu bleiben?

Es sind nicht mehr die Kasernen und die Offiziere, die heute –externalisierten Mut fördern. Die Angst eines Kindes, eines Jugendlichen, eines Erwachsenen, nicht „dazuzugehören“ oder kein Ansehen (mehr) zu haben, lässt diese Menschen „mutig“ (?) Schritte gehen oder ein Verhalten zeigen, das dem Verlust des Ansehens oder der Angst, nicht dazuzugehören, Abhilfe schaffen soll.

Die Formen des externalisierten Mutes und ihre Umsetzungen sind, dies ist meine These, deutlich mehr „Armut“ als „Mut“. Hat echter Mut mit Freiheit zu tun, so ist externalisierter Mut eine Form des Gehorsams.

Das wäre eine zweite Betrachtung zum Gespräch und zur Besinnung wert: Wie reagiere ich auf Menschen, die ich vom externalisierten Mut getrieben erlebe? Welche von außen kommenden Erwartungen, jetzt „mutig“ zu sein, nehme ich bei mir selber wahr? Wie reagiere ich darauf?

Internalisierter Mut – Mut, zu dem ich mich selbst auffordere

Anders als – und doch ähnlich wie – beim externalisierten Mut verhält es sich mit dem internalisierten Mut, mit dem Mut, zu dem ich mich selbst auffordere. Es ist nicht mehr eine Stimme von außen, es ist eine innere Stimme, die zu einem „darüber hinaus“ lockend ruft. Dieser Mut hat etwas vom Bauherrn in Lk 14,28-30, der einen Turm bauen will und berechnet, ob seine Mittel genügen, ober vom König in Lk 14,31f, der erst einmal berechnet, ob seine Soldaten in der geplanten Schlacht eine Chance haben. Internalisierter Mut setzt bei den Ressourcen, bei dem, was da ist, an und geht dann einen Schritt über das Bisherige hinaus. Dieser Schritt kann nach wie vor von außen hervorgerufen sein – dann wäre es nur eine Form von verstecktem externalisiertem Mut. Wenn es eine innere Stimme ist, aus der ein „Man sollte“ im Sinne von Martin Heidegger spricht, oder eine Stimme des Über-Ichs im Sinne von Sigmund Freud, eine Stimme von anerzogenen Erwartungen ist, kann immer noch nicht von Mut im eigentlichen Sinne gesprochen werden. Das hier zu beobachtende Verhalten im internalisierten Gehorsam hat zumindest häufig ebenfalls eher etwas mit Gehorsam als mit Freiheit zu tun.

Das wäre eine dritte Betrachtung zum Gespräch und zur Besinnung wert: Welche Stimmen im Sinne von „Man sollte“  oder anerzogene und oft unbewusst wirkenden Stimmen und Erwartungen kenne ich, die ich „mutig“ angehe, obwohl sie mich in meinem eigenen Leben und Erleben nicht weiterbringen? Zu welchen Konventionen würde ich gerne „Nein“ sagen – und warum? Und: Was hindert mich?

Geistlicher Mut – Mut als spirituelle Größe

Kommen wir zum innersten der vier konzentrischen „Mut-Kreise“. Geistlich von Mut zu sprechen, heißt, bei der eigenen Berufung, bei der eigenen Sendung anzusetzen. Geistlicher Mut ist die Kraft, die es zur Fort- und Weiterführung der eigenen Sendung braucht und die hilft, über die Grenze des Gegenwärtigen hinauszugehen. Von Mut geistlich zu sprechen, heißt,

  • zu dem zu stehen der ich gegenwärtig bin;
  • dazu zu stehen, wie ich geworden bin;
  • immer neu hinzuhören, welcher Schritt jetzt dienlich ist;
  • und diese Schritte zu gehen, auch mit Hilfe des Gebetes und der Gemeinschaft.

Das hat nichts (oder nur entfernt) zu tun mit dem Übermut eines spielerischen Lebens, das hat auch nichts zu tun mit dem externalisierten Ruf zu Mut und Tapferkeit in Zeiten der äußeren Kriege und Krisen; es hat auch nichts zu tun mit internalisierten Stimmen aus einem „Man sollte“ oder einem Über-Ich. Es geht um einen existenziellen Mut, der mich mehr und mehr zu dem werden lässt, den mein Schöpfer in mir sieht. Es geht um mein persönliches Gespräch mit meinem Herrn. Dieser geistliche Mut kehrt den Satz um, der Friedrich Hebbel (1813-1863) zugeschrieben wird: „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte!“ Es ist dieser geistliche Mut, den uns zu denen macht, die wir sein könnten, zumindest in den Augen unseres Schöpfers.

(Hinweis: Der Artikel bezieht sich auf Drewermann, Eugen <2012>: Die Tugenden, Ostfildern.)

Köln, 01.04.2020
Harald Klein

 

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