Richtig investieren!

Ökonom/Ökonomin des eigenen Lebens sein

Liebe Schwestern,

ich habe es bewusst vermieden, mich vor diesem Sonntagsgottesdienst zu erkundigen, wer eigentlich die Ökonomin des Klosters sei. Allemal möchte ich die Ökonomin um besondere Aufmerksamkeit und mehr noch um besonderes Wohlwollen bitten, habe ich mich doch der Frage des Investierens, das richtigen Investierens angenommen.

Ums Geld geht es, um Besitz, sowohl bei Kohelet in der ersten Lesung, in der Form der Habsucht in der zweiten Lesung, und im Evangelium zuerst um das Erbe und dann um den großen Vorrat an Getreide, für den der reiche Mann seine alten Scheunen abreißt und neue, größere bauen lassen will.

Es wäre zu einfach, einfach bei der Antwort im Lukasevangelium zu bleiben: „Dur Narr! Noch in dieser Nacht wird man Dein Leben von Dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was man Dir anvertraut hat?“ Sie müssen wirtschaften, nicht nur die Ökonomin, Sie müssen investieren – in Ihr Leben, in Ihre Gemeinschaft, in die Familie und den Freundes- und Freundinnen-Kreis. Aber wie macht man das? Wie werden Sie „mehr“ – um ein Ignatianisches Wort einzubauen – zu einer Ökonomin und einem Ökonomen für ein gutes und gelingendes Leben, wissend, dass es morgen vorbei sein kann?

Mit Gott rechnen

Der erste Impuls, den Jesus gibt, ist der, mit Gott zu rechnen. Dabei setzt er einen eigenen Akzent. „Für das gesamte deuteronomistische Geschichtswerk, wie es im 6. Jh. v. Chr. entwickelt wurde, ist Gott wesentlich der Gesetzgeber, die Rechtsquelle des Zusammenlebens, – modern ausgedrückt: der ideologische Überbau der bürgerlichen Ordnung und Eigentumsverteilung. Es bedurfte bereits der Erschütterungen des Propheten Jeremias, der von der ‚Theologie‘ des Bundes am Sinai ausging, um Gott noch einmal ganz anders zu entdecken: nicht länger als Gesetzgeber und Richter, sondern als Vergebenden, als Suchenden, als Weggeleitenden. Im Sinne der Vision des Jeremia von dem Neuen Bunde sind für Jesus alle Gesetze wie Bäume ohne Wurzeln, als das menschliche Herz nicht zuvörderst zu Ruhe und Einheit gefunden hat.“[1]M.a.W.: in Jesu Gleichnis ist das harsche Wort Gottes „Du Narr“ der Hinweis darauf: Du hast nicht mit mir gerechnet!, Du hast die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Man kann das – deuteronomistisch – als Aufforderung zu hören, nicht habgierig zu sein. Aber das greift zu kurz! Das wäre der Baum ohne Wurzel. Es geht um die Sehnsucht, den Wunsch, das „Mehr“ des blühenden Baumes: Wenn Du investierst in Deine Gemeinschaft, in Deine Familie, in Dein Leben, nimm mich mit in die Rechnung – als den, er vergebend, suchen, weggeleitend ist für Dich.

» Für das gesamte deuteronomistische Geschichtswerk, wie es im 6. Jh. v. Chr. entwickelt wurde, ist Gott wesentlich der Gesetzgeber, die Rechtsquelle des Zusammenlebens, - modern ausgedrückt: der ideologische Überbau der bürgerlichen Ordnung und Eigentumsverteilung. Es bedurfte bereits der Erschütterungen des Propheten Jeremias, der von der ‚Theologie‘ des Bundes am Sinai ausging, um Gott noch einmal ganz anders zu entdecken: nicht länger als Gesetzgeber und Richter, sondern als Vergebenden, als Suchenden, als Weggeleitenden. Im Sinne der Vision des Jeremia von dem Neuen Bunde sind für Jesus alle Gesetze wie Bäume ohne Wurzeln, als das menschliche Herz nicht zuvörderst zu Ruhe und Einheit gefunden hat. «
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 36.

Vielseitig investieren

Den zweiten Impuls ziehe ich als Schluss aus dem ersten Impuls Jesu, mit Gott zur rechnen. Die Psychologie kennt mit der sogenannten Integrativen Therapie[2]ein Modell von Identität, vom Menschen und von seinem „Lebenshaus“, das auf fünf Säulen ruht. Das Bild ist sehr einfach. Stellen Sie sich ein Haus vor, das auf fünf Säulen ruht: (1) Arbeit, Beruf und Leistung; (2) materielle Sicherheit; (3) soziales Netzwerk; (4) Körper und Gesundheit; (5) innere Haltungen und Werte.  Menschen können und müssen vielseitig investieren – in jede dieser Säulen.

Die Warnung dieses Modells: wenn Ihr Lebenshaus nur auf einer oder zwei Säulen Halt gewinnt, und diese Säulen brechen weg, dann zerbricht Ihr Lebenshaus. Was wäre mit dem Reichen im Evangelium geschehen, wenn es zwei Missernten gegeben hätte? Wie leben Arbeitslose, die nur für ihren Beruf lebten? Was geschieht mit Eltern, die nur für die Kinder da waren – und die Kinder gehen aus dem Haus? Es gibt mindestens eine Schieflage, die sich nicht ausbalancieren lässt, wenn nicht sogar den Zusammenbruch.

Der Charme dieses Modells: Mit Gott rechnend, in jede dieser Säulen investieren. Bricht eine weg, sind die anderen kräftig und stabil genug, das Lebenshaus zu halten. „Ora et labora“ – Benedikt hat das geahnt. „In allem Gott suchen und finden“ – Ignatius auch.

Bei Gott reich sein

Das letzte Wort Jesu im Evangelium heute ist: „So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.“ Bei Gott reich sein meint erstens, mit ihm – im doppelten Sinne des Wortes – zu rechnen, mit ihm, dem Vergebenden, Suchenden und Weggeleitenden. Und Bei Gott reich sein meint zweitens zu investieren, in Beruf, Arbeit und Leistung, in der Sorge um die materielle Sicherheit, in das eigene soziale Netzwerk, in meine körperliche Verfasstheit und Gesundheit, in der Auseinandersetzung und immer wieder in die Überprüfung meiner inneren Haltung und Werte. Nicht einseitig investieren, sondern das Gesamt der Säulen meines Lebenshauses im Blick haben. So kann ich aufrecht vor Gott und den Menschen bleiben, auch dann, wenn die eine oder andere Säule brüchig wird oder sogar wegbricht. Mit Gott rechnen und vielseitig investieren – vielleicht ist es das, was Paulus in der zweiten Lesung meint, wenn er sagt, unser Leben sei verborgen in Gott. Und dieses Leben soll offenbar werden in Herrlichkeit. Investieren wir klug, investieren wir vielseitig, und lassen Sie uns nie die Rechnung ohne Gott – ohne den „Joker“[3]– machen.

Amen.

Köln 04.08.2019
Harald Klein

 

[1]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium. Bilder erinnerter Zukunft, Bd.2, Düsseldorf, 36.

[2]vgl. Petzold, Hilarion (22004): Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden einer schulübergreifenden Psychotherapie, 3 Bände, Paderborn.

[3]Vgl. Bruce Low: Das Kartenspiel [online] https://www.youtube.com/watch?v=HMKWh3ECb8E[03.08.2019]

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