„Steh auf, bewege dich…“

Abraham und die Seinen: „Steh auf, bewege Dich …“

Mit diesen Worten beginnt ein Lied für ein Warming up aus der Jugendarbeit, und es setzt sich fort: „… denn schon ein erster Schritt verändert Dich, verändert mich. Steh auf, bewege Dich!“

Hermann Hesse sagt in seinen „Stufen“: Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ Aufstehen, sich bewegen, aufbrechen ist in vielen unserer Lieder und Gedichten ein Grundbestandteil des Lebens mit anderen.

Nicht nur dort, auch die Bibel ist voll von Aufbruchsgeschichten von Menschen, die gemeinsam leben. Im Neuen Testament etwa die Berufungsgeschichten der Jünger um Jesus herum; später die Missionsreisen des Paulus und seiner Gefährten. Im Alten Testament sind Ruth und Naomi Weggefährten, Tobit und Raphael, David und Jonathan, aber der „Vater des Aufbruchs“ ist sicher Abraham.

Alle diese alttestamentlichen und neutestamentlichen Geschichten haben eines gemeinsam: in allen spielt die Sehnsucht nach „Bleiben“ eine Rolle, aber dieses „Bleiben“ geht nicht ohne „Aufbrechen“. Mit anderen leben, weiterleben zu wollen und weiterleben zu können gelingt nur dem, der sich „in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen“ gibt, um noch einmal Hesses „Stufen“ zu zitieren, und zwar in „neue“ Bindungen an die „alten“ Menschen.

Um als Paar Partner bleiben zu können, um als Eltern den Kindern gegenüber Vater und Mutter, als Freund den Freunden gegenüber wirklicher Freund, um als Christ dem Herrn gegenüber „Gefährte“ bleiben zu können, um die Gefährtenschaft zueiander in welcher Weise auch immer aufrecht, lebendig halten zu können, um dauerhaft Heimat erleben und schenken zu können, braucht es immer wieder den Aufbruch, das Aufstehen, das Sich bewegen.

Gemeinsam das Leben bestehen

Zu jedem gemeinsamen Weg gehören Höhen und Tiefen, vielleicht auch Abgründe. Menschen können „resilient“ werden, Widerstandkräfte entwickeln, die ihnen in den vielen Aufbrüchen – auch im doppelten Sinne des Wortes zu lesen – ein Überleben sichern. Dazu gehören personale Ressourcen, die jeder mitbringt, dazu gehören aber auch soziale Ressorcen: stabile emotionale Beziehungen; ein offenes, wertschätzendes, unterstützendes Klima im Umgang; Zusammenhalt, Stabilität und konstruktive Kommunikation im Beisammensein. In der Weise, wie Gott mit Abraham spricht (Gen 12,1-3), aber auch in der Weise, wie Abraham mit seinenm Neffen Lot die „Richtung“ des Weges bestimmt (Gen 13), finden sich diese Gaben und Haltungen.

Mit anderen leben: dazu gehört zuerst die Haltung und die Erfahrung des Vertrauens in und auf andere. Und dann kommen bald die Haltung und die Erfahrung des Aufbrechens, des Mitgehens, denn nur so ist ein „Bleiben“ im Miteinander möglich. Das „Noli me tangere“, das „Halte mich nicht fest“ des Auferstandenen an Maria Magdalena ist wohl das biblische Wort für dieses Gehen lassen und für die Bereitschaft, mitzugehen, um bleiben zu können. Die Menschen sind resilient, widerstandsfähig den Unbillen des Lebens gegenüber und treu im Mitgehen und im miteinander leben, die aus der Haltung und der Erfahrung des Vertrauens aufbrechen können. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne“, heißt es in Hesses „Stufen“. Schauen Sie sich die Jünger um Jesus einmal an, vergleichen Sie Lots Frau, die zurückschauend zur Salzsäule erstarrt (Gen 19,26), mit dem forteilenden Abraham, der vertrauensvoll ins scheinbare Nichts geht.

Innere und äußere Aufbrüche gemeinsam bestehen

Die Geschichte um Sodom und Gommorha, das Erstarren zur Salzsäule und den Mut zu Aufbruch ins scheinbare Nichtes unter der Führung Gottes im Leben mit anderen kann auch „innerlich“ gelesen werden. Das Leben mit anderen, die Bereitschaft zum Aufstehen, zum Sich bewegen, zum Aufbruch spielt sich auch im Aufbruch aus dem Erleiden einer schweren Krankheit, aus der Erfahrung von Schuld, Scham und Armseligkeit ab. Hier gelten die gleichen Gesetze wie beim äußeren Aufbruch – und das Leben miteinander ist hier genauso entscheidend wie im Zug durch die Wüsten des Lebens auf Verheißung hin, wie wir sie von Abraham kennen. Innerlich wie äußerlich geht es nicht um das Zurückschauen, das mich zur Salzsäule erstarren lässt, sondern um den Blick auf das von Gott selbst Verheißene, Werdende: um ein fruchtbares Leben, um die Weggemeinschaft mit Gott, die sich in der Weggemeinschaft mit Menschen realisiert; man könnte sagen: um eine „Gemeinschaft christlichen Lebens“. Alfred Delp SJ beschreibt in seinen Briefen das Vertrauen in Gott und dessen Kraft, die alle Wege mitgeht. Abraham zieht auf Gottes Ruf hin los, mit seiner ganzen Sippe. Hesse verheißt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Für das Gebet oder das Gespräch in der Gruppe:

  • Mit anderen leben: ich betrachte die Menschen um mich herum, mit denen ich lebe. Ich versuche, den „Geschmack“ des Miteinanders auszukosten: wo „droht Ertschlaffen“, weil es zu heimisch geworden ist? Wo lockt Aufbruch, wo ist Aufbruch gefordert, damit ein Mehran Leben in die Gemeinsamkeit kommt? Was hilft, gemeinsam (!) den Aufbruch zu wagen?
  • Mir selbst Gefährte und Freund sein: welche Fertigkeiten opder Ressourcen besitze ich, die mich widerstandfähig machen, sodass ich Aufbrüche wagen kann?  Wer wird äußerlich mitgehen, wenn ich innerlich aufbreche? Wo kann ich Hilfe und Unterstützung erbitten? Und vor allem: wo will ich hin – ohne zurückzublicken?

Harald Klein, Köln

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