Stimmen hören

Das Netzwerk „Stimmen hören“ in Berlin

Kennen Sie Hannelore Klafki? Sicher nicht. Sie ist eine Frau aus Berlin, die (so sagen andere) psychisch krank ist – sie hört Stimmen. Sie hat dort ein Netzwerk von Menschen gegründet, die Stimmen hören. Bei einem Selbsthilfetag des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener 2004 in Bochum sagte sie:

„Viele Menschen hören Stimmen, das heißt, sie hören ganz real gesprochene Worte, die nur sie selbst hören können. Die Stimmen können verunsichern, viel Leid und schwere Krisen verursachen. Das muss aber nicht immer so sein. Niederländische Untersuchungen ergaben, dass etwa zwei Drittel aller Betroffenen gut mit diesem Phänomen leben können. Die Stimmen können in den Hintergrund rücken und so erzogen werden, dass sie das Leben nicht beeinträchtigen. Sie können von ganz allein verschwinden oder sich sogar zu einer Lebensbereicherung entwickeln.“[1]

Kennen Sie Hannelore Klafki? Wenn nicht, kennen Sie jemanden, der Stimmen hört? Sagen Sie nicht: „Nein!“ Johannes der Täufer hört Stimmen, und Jesus auch! Und wie steht es mit Ihnen, mit mir? Hören Sie, hören wir Stimmen? Und hören wir auf Stimmen in uns?

„Stimmen hören“ in der Situation am Jordan

Zunächst: Jesus kommt zu Johannes, und der ist völlig verwundert, will nicht zulassen, dass Jesus von ihm getauft wird. „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Als Zweites die ersten Worte Jesu im Matthäus-Evangelium: „Lass es nur zu!“ Dieser Stimme, so heißt es, gab Johannes nach. Und schließlich die Stimme vom Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen haben.“ – Diesen Dreischritt möchte ich mit Ihnen näher anschauen, und ich gebe ihn Ihnen an diesem Sonntag mit:

Der erste Schritt: Die ersten Worte

Die ersten Worte, die jemand zu mir spricht – wie wichtig sind die! Denken Sie an die Grundsatzreden eines frisch gewählten Politikers. Oder denken Sie an das Verlieben. Jemanden kennen lernen, sich ihr oder ihm nähern, und dann die ersten Worte, bei Jugendlichen oft: „Hast Du mal Feuer?“ oder so ähnlich. Wie klingt die Stimme, wie ist die Mimik, und mit welchen Gesten werden die ersten Worte begleitet?

Oder ganz anders: die ersten Worte im Sinne von den wichtigsten Worten, die Sie immer wieder in sich hören: Klingen die eher nach „Na, das kannst du besser!“, nach „Wieder mal typisch ich!“ – Sind das Stimmen, die kritisieren, niedermachen, klein halten. Oder klingen die nach „Schön, dass ich da bin!“, „Danke für diese schöne Erfahrung!“ – Sind das Stimmen, die aufbauen, aufrichten, mich großmachen, ohne mich zu überschätzen oder überheblich zu machen. Was sind in der Wichtigkeit der Aussagen ihre ersten, weil wichtigsten Worte?

Bei Jesus hören Sie mit Johannes: „Lass es nur zu!“ – Hören Sie doch mal auf diese Worte, auf diese Stimme in Ihnen, dann, wenn es Ihnen richtig gut geht, aber auch dann, wenn es dunkel in ihnen oder um sie wird.

Der zweite Schritt: Nachgeben

Auf diese Stimme Jesu hören heißt, das anzunehmen, was jetzt ist. „Achtsamkeit“ nennt man das in den vergangenen Jahren. Nichts Neues, aber immer wieder neu! Einer der für mich wichtigsten geistlichen Sätze aus der Frömmigkeit des hl. Ignatius ist: Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit.“ Nachgeben, nicht mich auflehnen. Sicher: in Aktion sein, aber das in Ergebung, um ein altes Wort zu nehmen: auf Latein heißt das: actio in contemplatione – und auch umgekehrt gilt: contemplatio in actione. In der Spiritualität der Ostkirche spricht man vom immerwährenden Gebet. Vielleicht meint dies einfach nur, das, was ist, anzunehmen, und geistgewirkt damit umzugehen.

Der dritte Schritt: die Stimme vom Himmel

Und dann die Stimme vom Himmel. „Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen gefunden.“ Natürlich und zu Recht beziehen wir diese Stimme auf Jesus. Aber stellen Sie sich mal vor, sie gälte dem Johannes. Der Dreischritt hieße dann: (1) die eigene Situation im Blick auf den Herrn richtig einschätzen: „Du kommst zu mir? Ich müsste von dir getauft werden.“ – „Lass es nur zu!“ (2) Einstimmen, in das, was ist, und tun, was ich höre. (3) Der Stimme vom Himmel trauen: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. An dir habe ich Gefallen gefunden.“

Noch einmal: Die ersten Worte

Es ist eine Entscheidung, auf die hin ich mich selbst erziehen kann, die Entscheidung, welche Worte die „ersten Worte“ für mein Leben sind: Worte, die mich niederdrücken oder die mich aufrichten. Es ist der Dienst der Getauften aneinander, so miteinander umzugehen, dass dieses „Lass es nur zu!“ gelten kann. Und es ist das Beste, was uns in der Kirche geschehen kann, wenn wir wie in einer Selbsthilfegruppe uns  die Ohren öffnen und den Blick schärfen dafür, dass wir Menschen sind, zu denen Gott sagt: „Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, an dir habe ich Gefallen gefunden. Dann war die Taufe Jesu, sein Eintauchen in die Schönheit und in die Abgründe des Menschseins nicht umsonst.

Amen.

Harald Klein, Köln

 

[1] http://www.bpe-online.de/infopool/normalitaet/pb/klafki_stimmen.pdf – [Zugriff am 08.01.2017]

 

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