Teresa von Avila (1515-1582): Suche dich, Seele

Suche dich, Seele

Suche dich, Seele, nur in Mir,
Mich aber suche tief in dir.

Seele, derart hat Liebesgewalten
dich Meiner Seele eingeprägt –
kein Maler, kundig im Gestalten,
könnte so meisterlich entfalten
das Bild, das deine Züge trägt.

Durch Liebe kamst du in die Welt,
liebreizend, schön, so schön und zier
in Meinem Innern dargestellt!
Wenn dir dein wahres Ich entfällt,
dann such, Geliebte, dich in Mir.

Und wüsstest du einmal nicht mehr,
wie du hinfinden kannst zu Mir –
taste nicht blindlings hin und her:
Bin ich in Wahrheit dein Begehr,
Seele, dann suche Mich in dir.

Bist du doch, Seele, Ruhgemach
und Heim für mich – du meine Rast!
So ruf ich immer, ruf dich wach,
wenn du einmal erinnerungsschwach
die Pforte mir verschlossen hast.

In dir – woanders such mich nicht!
Willst du Mich finden, bang nach Mir,
nichts brauchst du als ein Rufen schlicht;
und eilends komm ich zu dir, licht.
Such innig, Seele, mich in dir.[1]

Zur Betrachtung des Gebetes:

  1. Die Epoche der „Neuzeit“ ist u.a. dadurch gekennzeichnet, dass das „Ich“, die Personalität des Menschen und damit auch seine Würde zum gefühlt neuen Wert wird. Das „Ich“ ist – auch in dieser Ansprache Gottes – gemeint. Ich bin gemeint. Kann ich mich von Gott so ansprechen lassen?
  2. Die Epoche der „Postmoderne“ ist dadurch gekennzeichnet, dass das „Ich“, die Personalität des Menschen und damit auch seine Freiheit zum gefühlt höchsten Wert wird. Der Blick kehrt sich im Gebet um. Ist Gott noch der Seele Begier? Finde ich ihn als Mensch der Postmoderne noch – oder gerade – in mir?
  3. Die Übersetzerin unterscheidet das mit großen Buchstaben geschriebene „Ich“ Gottes vom klein geschriebenen „du“ des Gegenübers Gottes, das „Ich“ Gottes vom „du“ der Seele. Wie erlebe ich die Größe Gottes, die Kleinheit meiner Geschöpflichkeit, die Augenhöhe mit dem menschgewordenen Sohn Gottes, die eigene Größe, wenn Gottes Geist in mir und durch mich wirkt?
  4. Kenne ich die Situation, dass Gott mich wachruft? Wie/wo klingt das? Und umgekehrt: Kenne ich das „schlichte Rufen“ und die Erfahrung, dass Gott zu mir, kommt, meiner Seele zu Hilfe kommt?

Köln, 15.10.2020
Harald Klein

[1] Aus: Teresa von Avila (4. Aufl. 1985): Wege zum Gebet. Eine Textauswahl, hrsg. von Irene Behn, Reihe „Klassiker der Meditation“, Einsiedeln/Köln, 172.

 

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