Tiefe entdecken – die „Mystik der offenen Augen“

Die Suche nach dem „Brunnenpunkt“

Zwischen zwei Gastvorträgen in Benediktbeuern schreibe ich diesen Text. Dass ich hier sitze ist Frucht einer Ferienakademie, die ich 2017 für das Cusanuswerk begleitete, und Ergebnis einer Freundschaft mit Lukas, einem der Teilnehmenden, die dort gewachsen ist. Wenn ich über meinen Weg in diese Aufgabe der Begleitung nachdenke, wenn ich nachdenke darüber, was in dieser Aufgabe alles „mitgegeben“ ist, dann lande ich schnell bei Alfred Delp: „Die Welt ist Gottes so voll.“ Weder die Aufgaben im Cusanuswerk noch die Begegnungen und Freundschaften, die daraus entstanden sind, habe ich „gesucht“ – beides hat mich „gefunden“. Und es ist meine Deutung der Geschehnisse, die all das als Gottes Fügung und Führung erscheinen lassen.

Es ist sicher eine der schönsten Früchte der Spiritualität der Exerzitien, immer wieder innezuhalten und sich auf die Suche nach dem „Brunnenpunkt“ zu machen, aus dem unsere Stunden, unser Erleben und unsere Begegnungen aus Gott herausströmen. Ein anderes Wort dafür könnte dem vorliegenden Themenheft zugeschrieben werden: Es ist das Wort vom „in die Tiefe gehen“.

Gemeinsam mit Lukas nutze ich die Tage, um über das „in die Tiefe gehen“ nachzudenken und unsere Gedanken mit Ihnen zu teilen. „Praktisch umsetzen“ können Sie diese Gedanken, indem Sie die kleinen Texte in der Mitte des Tisches liegen haben oder austeilen und sie als Impuls wirken lassen.

»Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.«
P. Alfred Delp SJ (in den Tagebüchern im November 1944, auf seinen Prozess wartend)

Zur Tiefe gelangen – innere und äußere Hilfen

Die „stillen Momente“ der Berufungsgeschichte des Petrus in Lk 5, wie die Gebetshilfen in diesem Heft sie beschreiben, bieten innere und äußere Hilfen an, zur Tiefe und zum Reichtum der Tiefe zu gelangen. „Tiefe“ kann hier mit „Berufung“ und „Reichtum“ mit dem reichen Fischfang, dem vollen Netz – ich nutze gerne das Bild der satten Seele – umschrieben werden.

Gemeint sind die Situationen des „Aussteigens“ aus dem Alltag, sei es in der Gebetszeit, in Einkehrtagen oder Exerzitien. Nicht, um dem Alltag zu entfliehen, sondern um den Alltag anzuschauen, im Alltag den „Brunnenpunkt“ zu suchen, aus dem er aus Gott entspringt. Hilfreich dazu ist es, Jesus in das Boot des eigenen Lebens einsteigen zu lassen, ihn anzuschauen, auf sein Wort und seine Stimme zu hören, seine Gestik und Mimik zu imaginieren. Und das solange, bis ich sein Wort an mich ganz persönlich gerichtet spüre. Es zeigt sich der Moment, an dem ich mich angesprochen fühle und an dem ich selbst gemeint bin – und wenn es nur der schweigende Blick Jesu, wenn es nur sein „Ansehen“ ist, das mir gilt. Alles, was an äußeren Hilfen dient, dieses „Aussteigen“ meinerseits und das „Einsteigen Jesu“ zu fördern, ist dienlich.

Sich in der Gruppe einmal verständigen: was hilft Dir, was hilft mir, zur Tiefe zu gelangen, um meinen Alltag vom „Brunnenpunkt“ aus zu betrachten?

Tiefe Erfahrungen machen

Erfahrungen sind gedeutete Erlebnisse. In gut ignatianischer Tradition stehen zu Beginn die Fakten, ich könnte wieder auf den Weg hin zum Schreibtisch hier in Benediktbeuern verweisen, der oben beschrieben ist. Die Frage, wie es zum Kontakt zum Cusanuswerk kam, die Frage, was in den Begegnungen dort besprochen wurde, welche Frucht daraus erwachsen ist – Fakten! Und erst einmal reines Erleben. Und dann die Unterscheidung der Geister – welcher Geist wirkt hier? Wie viel Trost, Zuspruch wie viel innere Freiheit liegt in welcher Deutung? Wenn es vom guten Geist kommt, wird innere Freiheit, innere Weite, innere Tiefe und auch Liebes- und Leidensfähigkeit einen Zuwachs erfahren. Alfred Delps „Brunnenpunkt“ kann ich nicht erleben – er ist mehr als ein Glücksgefühl, mehr als ein Lichtmoment. Dieser Brunnenpunkt ist eine Entdeckung einer Erfahrung, ist eine Deutung. Und nur so kann er bleiben und bleibende Prägung ausüben. Um auf Eph 3,16-21 zu verweisen: es genügt nicht, Momente der Liebe zu erleben, damit sie in die Tiefe führen. Es geht darum, in der Liebe verwurzelt zu sein und in ihr verwurzelt zu bleiben, damit sie zur wirklichen Erfahrung werden kann und durch mich erfahrbar wird.

Sich in der Gruppe verständigen: An welche Erlebnisse erinnere ich mich, die durch „Deutung“ zu einer tiefen Erfahrung wurden, vielleicht zur Erfahrung der Führung und Fügung Gottes? Was in meinem Leben und Erleben hat dazu geführt, dass mir ein MEHR an innerer Freiheit und Weite, an Tiefe, an Liebes- und Leidensfähigkeit zugewachsen ist? und was hat oder hatte das für mein Leben mit und vor Gott als Folge?

»Beziehung zum Du ist unmittelbar. Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt.
Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme; und die Sehnsucht selbst verwandelt sich, da sie aus dem Traum in Erscheinung tritt. Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.«
Martin Buber, Ich und Du

Eine tiefe Begegnung haben

Was mögen Sie in einer Begegnung erlebt haben, damit Sie das Erlebte als Erfahrung einer tiefenBegegnung deuten? Lukas und ich stoßen auf Martin Buber und auf seinen Grundgedanken der „Einwohnung Gottes“ im Menschen. In Bubers Theologie ist der Gedanke von besonderer Bedeutung, dass Gott in jedem Menschen seine Wohnung genommen hat. Eine Begegnung wird in ignatianischer Spiritualität zu einer tiefen Begegnung, wenn der „Gott in mir“ dem „Gott in Dir“ begegnet. In den Psalmen steht Ps 42 für diese Begegnung: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach Dir“. Meine Seele, in der Gott Wohnung genommen hat, und ihre Sehnsucht wird gestillt, wenn sie Gott begegnet, der in der Seele des „Du“ wohnt. Wie gesagt: Mir ist das Wort von der „satten Seele“ sehr lieb, wissend, dass dieser Moment nicht lange anhält, aber dennoch tragend sein kann.

Im gleichen Psalm heißt es dann „Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner Wasser; alle Deine Wellen und Wogen gehen über mich hin“ (Ps 42,8). Wie klingt der Vers, wenn statt von der „Flut“ von der „Tiefe“ die Rede ist – das lateinische „altum“ erlaubt diesen Transfer: „Meine Tiefe ruft Deiner Tiefe zu beim Tosen aller Wasser…“. Für Martin Buber ist wesentlich, dass es bei der Begegnung zwischen „Ich“ und „Du“ auf das „Zwischen“ ankommt. Damit alles wirkliche Leben Begegnung ist – ein bekanntes Zitat Bubers – darf das „Zwischen“ von keiner Begrifflichkeit, keinem Vorwissen und keiner Phantasie, keinem Zweck, keiner Gier keiner Vorwegnahme verstellt sein. Nur so kann die „Einzelung“ Ganzheit erfahren, nur so verwandelt sich Sehnsucht aus Traum in Erscheinung. Dieses dialogische Denken ist kennzeichnend für Bubers Menschenbild und die Tiefe in der Begegnung von Menschen, es kennzeichnet aber auch die tiefe Begegnung des Menschen mit Gott.

Sich in der Gruppe verständigen: Von welchen „tiefen Begegnungen“ in meinem Leben kann und möchte ich erzählen? Was muss geschehen in „mir“ oder zwischen „uns“, damit ich die Begegnung als „tief“ empfinde? Kenne ich – um Bubers Wort zu gebrauchen, Begegnungen, in der ich aus der „Einzelung“ in die Ganzheit kam, in der meine Sehnsucht aus dem Traum in die Erscheinung trat, die ganz „un-mittel-bar“ war, „zweck-los“? Oder in der meine Tiefe Deiner Tiefe begegnet ist?

Tiefe kann Angst machen

Er sei kein besonders guter Schwimmer, sagt Lukas, und es sei für ihn eine angstbesetze Situation, im Schwimmbad mit dem Kopf unter Wasser zu sein. Tiefe kann Angst machen dann, wenn mir der Boden unter den Füßen entgleitet. Ich kann in Exerzitien und in der Begleitung ins Schwimmen kommen, mir bleibt die Luft weg und mir stockt der Atem – wem begegne ich denn, welchem Teil meiner Persönlichkeit begegne ich, wenn ich in meine eigene Tiefe hinabsteige?

Sich in der Gruppe verständigen: Welche Verlockungen, aber auch welche Befürchtungen hat das Wort „Tiefe“ für die einzelnen? Welche heilsamen, aber auch welche bedrohlichen Erlebnisse und Erfahrungen können geteilt und mitgeteilt werden? Welche Hilfen können erbeten oder erbetet werden, um neu aufzubrechen auf einen Weg in die eigene Tiefe?

Zur Tiefe kommen – indem ich Blickrichtung und Perspektive ändere

Was für „Tiefe“ als eine der Dimensionen des Christseins gilt, gilt auch für „Nähe“ und für „Weite“: Alle drei Dimensionen können Angst machen. Sie sind heilsam nur in der Annahme – im doppelten Sinne des Wortes – der Liebe Gottes, der selbst, so Buber, in uns „einwohnen“ will. Ich kann ganz im Alltag und im Alltäglichen bleiben – erinnern Sie sich an den Petrus, der sein Netz am selben See noch einmal auswarf. Es gilt, die Perspektive, die Blickrichtung zu ändern im Vertrauen darauf, dass ich die Tiefe des Alltäglichen durch die Augen und das Herz dessen entdecken kann, der mir einwohnt. Und dass dessen Augen und Herz das Auge und Herz Gottes dessen bzw. derer treffen, dem bzw. der ich begegne. Das ist der Weg zum Brunnenpunkt, und hier ruft die Tiefe des einen zur Tiefe des anderen. In der Tiefe kann ich Hörender und Sehender, hörender und sehender werden.

Harald Klein, Köln
Lukas Nieß, Benediktbeuern

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