Tod und Leben, die kämpften einen unbegreiflichen Zweikampf

Die Karwoche im Krankenhaus

Die Karwoche 2017 habe ich im Krankenhaus verbracht. Der zweite Patient im Zimmer war ein freikirchlicher Predikant. Als Ostern zur Sprache kam, fragte er, wie wir Katholiken denn die Gottesdienstbesucher am Ostermorgen begrüßten. Mein „Mit einem frohen ‚Guten Morgen’“ entsetzte ihn. Man müsse doch sagen „Der Herr ist auferstanden!“, und die Antwort müsse doch lauten: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Ich habe es dabei belassen. Aber in mir brodelte es. Was soll so ein Gruß – zumindest heute? Natürlich, er steht im Neuen Testament. Natürlich, er gehört in den festen Brauch im ostkirchlichen Ritus. Aber ist es mehr als Brauchtum? Wenn ich jemanden einen „schönen Tag“ oder eine „gute Zeit“ wünsche, habe ich und hat der andere seine Vorstellungen vom schönen Tag und von der guten Zeit, im Idealfall decken sich unser Vorstellungen. Aber was sind die Vorstellungen von „Der Herr ist wahrhaft auferstanden“? Welche Wahrheit drückt dieser Satz aus? Und wie erlebe ich oder der/die Gegrüßte die Wahrheit „hinter“ diesen Worte?

Man könne, so ein häufig gehörter Einspruch, die Wahrheit der Auferstehung nicht „beweisen“. Es gibt kein Foto davon, keine Filmaufnahme – im sog. „postfaktischen Zeitalter“ würde man solche Beweise ja auch schon anzweifeln. Sie widerspräche aller Empirie, aller Erfahrung. All das stimmt, aber es muss doch einen Maßstab geben, anhand dessen ich zumindest beschreiben kann, was mit „Der Herr ist auferstanden“ gemeint ist.

Der Zusammenhang von Wort – Wahrheit – Wirkung

Ich schlage einen – nicht erschrecken – phänomenologischen Maßstab vor. Phänomenologie beschreibt Erfahrung und Erleben. Die „Erscheinung“ eines Begriffes wird untersucht. Das Wort „Mutter“ wird phänomenologisch zu verstehen versucht, indem man „Mütter“ in ihrer Zuwendung, in ihrem „Für-jemanden-da-sein“ betrachtet und beschreibt. Phänomenologie versucht, alle Vorurteile, alles vermeintliche Vorwissen zur Seite zu schieben und rein das „Phänomen“, die Erscheinung zu beschreiben. Und die Erscheinung, die es zu beschreiben gilt, sind Menschen und deren Handlungen, die ihr Motiv in ihrem Glauben an die Auferstehung haben.

Die Apostelgeschichte – Menschen handeln nach der Erfahrung der Auferstehung

Und noch im Krankenhaus fasste ich den Plan, die Lesungen der Gottesdienste in der Osterzeit danach zu befragen. Sie sind allesamt aus der Apostelgeschichte, die in ihrer Fülle an Erzählungen vielleicht ein wenig „stiefmütterlich“ in der Liturgie und in der Verkündigung behandelt wird. Im „Praktisch umgesetzt“ werde ich ein wenig von den Entdeckungen berichten und zum Mittun einladen. Hier soll es um den Text der Ostersequenz gehen, und um dieselbe Frage: Welche Wahrheit von Auferstehung zeigt sich in diesem alten Gebetstext?

Der Text der Ostersequenz

Ich schlage an dieser Stelle des Werkheftes als Inhalt zur Betrachtung den Text der Ostersequenz vor, der im 11. Jahrhundert überliefert wurde:

Singt das Lob dem Osterlamme, bringt es ihm dar, ihr Christen.
Das Lamm erlöst die Schafe. Christus, der ohne Schuld war,
versöhnte die Sünder mit dem Vater.

Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf,
des Lebens Fürst, der starb,   herrscht nun lebend.

Maria Magdalena, sag uns, was Du gesehen.
Das Grab des Herrn sah ich offen und Christus, von Gottes Glanz umflossen.
Sah Engel in dem Grab, die binden und das Linnen.
Er lebt, der Herr, meine Hoffnung, er geht euch voran nach Galiläa.
Ja, der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden.

Du Sieger, König, Herr, hab Erbarmen. Amen, Halleluja.

Für das Gebet und das Gespräch in der Gruppe

Welche Wahrheit von Auferstehung zeigt sich im Text der Sequenz? Welche Wirkungen der Auferstehung werden beschrieben?

Da ist das Wort von der „Versöhnung der Sünder mit dem Vater“, die Christus bewirkt hat. Die Erfahrung der Sündhaftigkeit, der Gebrochenheiten im eigenen Leben muss nicht ich irgendwie büßen oder wieder gut machen. Das ist durch Christus geschehen. Wenn Menschen aus diesem Glauben mit ihrer Sündhaftigkeit und ihren Brüchen leben können, erweisen sie phänomenologisch der Wahrheit der Auferstehung einen Dienst.

Da ist das Wort vom „unbegreiflichen Zweikampf“, den Tod und Leben führen. Sie können diese inneren und äußeren Zweikämpfe in sich selbst und um sie herum ins Gebet nehmen. Die Hoffnung, dass der Auferstandene in Ihnen diese Kämpfe siegreich führt, auch wenn manches dabei „sterben“ muss, und dass darin Sie und die um Sie herum neu zum Leben kommen, ist phänomenologisch ein Merkmal der Wahrheit der Auferstehung.

Und da ist die Bitte: „Maria Magdalena, sag uns, was Du gesehen!“ Es braucht Zeugen, die diese Prozesse durchlaufen, erlebt haben. Nur so bleibe ich dem Heiligen Geist auf der Spur und folge nicht meinem eigenen Vogel. Zeugen der Auferstehung und glaubhafte Zeugnisse sind phänomenologisch Garanten der Wahrheit der Auferstehung. Ob Sie solche Zeugen und Zeugnisse wohl kennen? Oder ob wir in den Gruppen einander solche Zeugnisse wohl geben können?

 

Harald Klein, Köln

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