„Unterwegs in dem einen Geist…“– Einkehrtag bei den Weißen Schwestern in Klettenberg

1.    Dreimal drei Sätze zum Stichwort „Religion“

1.1. Das Wort „Religion“ kommt vom lateinischen „religare“, was in etwa mit sich festmachen, sich binden an, sich rückbinden übersetzt werden kann. Von seinem Wesen her ist eine Religion eine Lehre, ein Lehrgebäude, in dem man Zuflucht findet, sich zurückziehen kann. Menschen sammeln sich unter dem Dach einer Religion – gleichzeitig bleiben aber auch andere außen vor, die eben nicht dieser Religion angehören, dabei kann eine Religion kann verschiedene Konfessionen (= Bekenntnisse) haben; auch hier gilt die Gleichzeitigkeit von Sammlung und Unterscheidung bzw. Trennung.

Achtung – ein Exkurs: Menschen binden sich nicht mehr nur an (Welt-) Religionen oder an transzendente Gottheiten zurück. Im oben dargestellten Begriff von „Religion“ kann auch der Neo-Liberalismus, das Kapitalismus oder der Sozialismus, das vegane Leben eine „Religion“ sein.

1.2. Religion als „Lehre“ braucht klare Inhalte. Das Buch der christlichen Religion ist primär die Heilige Schrift, auf dies sich dann die „Lehre“ (als „Dogmatik“) beziehen muss. Hier wird festgeschrieben, an wen oder an was wir Christen uns rückbinden, was uns von außen her Halt geben will.

1.3. Im strengen Sinn des Wortes „Religion“ sind diejenigen Menschen „religiöse“ Menschen, die die „Lehre der Kirche“ und deren Bezugspunkte in der Heiligen Schrift kennen. Als „religiös“ gilt, wer seinen/Ihren Halt in der „Lehre“ des Christentums findet.

2.    Dreimal drei Sätze zum Stichwort „Frömmigkeit“

2.1. Der Begriff „Frömmigkeit“ bezieht sich auf die Kenntnis von Praktiken und Riten, an deren Ausübung sich Menschen als zu einer Religion gehörig ausweisen. Sie kann als „private Frömmigkeit“ (z.B. im stillen Rosenkranzgebet), als „Frömmigkeit in Gemeinschaft“ (z.B. gemeinsames Stundengebet, Messfeier) oder als von einer (nach-) christentümlichen Gesellschaft vorgegeben (z.B. im Tanzverbot an Karfreitag) auftreten.

Achtung – ein Exkurs: Auch Menschen, die sich nicht an (Welt-) Religionen oder transzendente Gottheiten zurückbinden, kennen in der Ausübung ihrer „Religion“ feste Riten und Gebräuche, die sie als zu dieser Religion zugehörig kennzeichnen. Das Beobachten der Börse, der Glaube an die regelnde „unsichtbare Hand“ des Marktes und die Vorschriften für ein veganes Zubereiten der Speisen haben ähnlichen „frommen“ Charakter.

2.2. Frömmigkeit als „ritualisiertes Praktizieren“ der Religion braucht klare Anweisungen, deren Befolgung den Ausweis der Zugehörigkeit darstellen. Das Buch der christlichen Frömmigkeit ist die primär die Heilige Schrift, insofern vor allem das Leben und die Botschaft Jesu als Handlungsweisung zur Nachahmung gesehen wird. Fragen der privaten Lebensführung und des Zusammenlebens regelt dann der Katechismus mit seinen Bestimmungen, seinen Ge- und seinen Verboten.

2.3. Im strengen Sinne des Wortes „Frömmigkeit“ sind diejenigen Menschen „fromme“ Menschen, die die Bestimmungen, Praktiken und Riten der Kirche – im besten Sinne in ihrer Rückbezogenheit auf Leben, Botschaft und Geschick Jesu Christi – kennen und befolgen. Als „fromm“ gilt, wer sein/ihr Leben und Tun weitestgehend an den Vorgaben des Katechismus und in der Ausübung der ggf. vorgegebenen Regel orientiert.

3.    Dreimal drei Sätze zum Stichwort „Spiritualität“

3.1. Der Begriff „Spiritualität“ bezeichnet den „Geist“, aus dem heraus bzw. in dem jemand sein Leben führt bzw. das Verhältnis zu sich, zum anderen, zur Umwelt bestimmt. Schütz nennt vier Kennzeichen, die Spiritualität ausmachen: sie ist

    • alltagstauglich, d.h. sie hat ihren Ort nicht in einer Sonder- oder Parallelwelt, sondern gestaltet auch und vor allem das Alltägliche,
    • dialogisch, d.h. zum einen, man kann Auskunft geben, warum man sich so und nicht anders verhält, und zum anderen liefert sie Ansatzpunkte für Fragen/Geschehnisse, die von außen an jemanden herantreten;
    • auf das Humanum ausgerichtet, d.h. es geht um einen „Geist“, in dem zu handeln und zu verstehen ein „Mehr“ an Tiefe und Weite im Leben verheißt und einen Zugewinn an Liebes- und Leidensfähigkeit verspricht.
    • christliche Spiritualität, insofern sie sich auf Jesus Christus bezieht.

Achtung – ein Exkurs: Im Gegensatz zur Religion und zur Frömmigkeit ist die Möglichkeit der Gemeinschaft mit Menschen, die anderen (auch weltlichen oder nicht-transzendenten) Religionen angehören, für den spirituellen Menschen ungleich größer. Hier geht es um Fragen nach dem „Geist“, der die Menschen antreibt, nicht um Lehren oder Praktiken. Nur hier wird die Frage nach dem „einen Geist und den vielen Religionen“ möglich; Kriterien der Verständigung sind die Fragen nach der Alltagstauglichkeit, nach der Möglichkeit eines Dialogs untereinander und auf die Fragen in der Welt, nach dem Wachstum im Rahmen des Humanums.

3.2. Christliche Spiritualität ist so vielfältig, wie es die Menschen sind, die aus ihr leben. Das Buch der christlichen Spiritualität ist ausschließlich die Heilige Schrift und darin das Betrachten und der Versuch des Verstehens der Person Jesu Christi. Das herausfordernde Buch ist das „Buch des Lebens“ selbst, insofern spirituelle Menschen sich ansprechen, rufen, herausfordern lassen von dem, was in und was neben ihnen geschieht.

3.3. Im strengen Sinne des Wortes „Spiritualität“ sind diejenigen Menschen „spirituelle“ Menschen, die versuchen, alltagstauglich, dialogisch und auf das Mehr an Menschlichkeit bezogen sein/ihr Leben zu führen. Insofern sie da bei Maß nehmen an Jesus Christus, kann von christlicher Spiritualität gesprochen werden.

Für die Zeit der Stille

Drei Impulse möchte ich Ihnen für die Zeit der Stille und für danach mitgeben, nicht, um sie abzuarbeiten, sondern um Ihren Gedanken und Ihren Betrachtungen eine Richtung zu geben.

  1. Nehmen Sie Ihr eigenes gegenwärtiges Leben in den Blick. Was an der Zugehörigkeit zu Ihrer Religion (i.S.v. „Lehre“) gibt Ihnen Halt und Stütze? Was an Ihrer Frömmigkeit (i.S.v. privaten oder gemeinschaftlichen Praktiken und Riten) erleben Sie mit Freude, was gibt Ihnen Zuversicht? Welche Haltungen, Werte, Verhaltensweisen aus Ihrer Spiritualität (i.S.v. Geist, in dem Sie Ihr Leben führen) sind alltagstauglich, dialogisch, auf ein „Mehr“ an Menschlichkeit (Tiefe, Weite, Liebes- und Leidensfähigkeit) ausgerichtet?

Für weiteres Nachdenken oder für einen gemeinschaftlichen Austausch:

  1. Was bzw. wo erleben Sie „Religion“ und „Frömmigkeit“ gegenwärtig als ausschließend, spaltend, trennend?
  2. Was würden Sie Ihrer Gemeinschaft oder der Gemeinschaft der Kirche wünschen? Wie könnte Ihr Beitrag zu diesem Wunsch aussehen?

Köln, 09.10.2019
Harald Klein

Verwendete Literatur: Schütz, Christian (1988): Artikel „Christliche Spiritualität“, in: ders. (Hg.): Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg, 1170-1178.

 

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