„Vergesst nicht, dass Ihr Menschen seid!“

Die Widmung in einem alten Buch…

Zu den Schätzen in meinen Buchregalen gehört eine Ausgabe von Josef Roths „Hiob“, die ich noch als Student 1986 zum Ende einer Radtour entlang der Mecklenburger Seenplatte mit einer Jungen-Erwachsenen-Gruppe aus der Gemeinde von Neubrandenburg unternommen habe. Sie hatten mich in die damalige DDR eingeladen, einen Teil des Sommers mit ihnen zu verbringen. Zum Ende hin kaufte ich dieses Buch, und ich bekam einige Widmungen auf den ersten Seiten dieses Buches mit auf den Weg. Einer der jungen Erwachsenen zitierte den Ausspruch eines Pfarrers aus Röbel, der er uns beim Abendsegen mitgab: „Vergesst nicht, dass Ihr Menschen seid!“ Dieses Wort, einer Gruppe junger Christen zugesagt, hatte in der damaligen DDR einen ganz eigenen Beigeschmack. Wir haben uns abends am Lagerfeuer lange darüber ausgetauscht. Und: Dieses Wort habe ich in den 33 Jahren, die dazwischen liegen, nicht vergessen. Das gilt für sicher jeden aus der Gruppe – in manchem Wiedersehen haben wir uns immer wieder gegenseitig daran erinnert.

… und die Mahnung an Aschermittwoch

In ähnlicher Form werden Sie diese Worte heute nicht nur hören, sie werden Ihnen beim Austeilen der Asche auf den Kopf zugesagt und eingezeichnet: „Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“

Ausgespannt zwischen den beiden Worten

Es liegt eine Spannung zwischen den beiden Worten, die zu betrachten die Bußzeit einlädt. Zwei Pole zeigen sie auf, zwischen denen Sie und ich uns befinden. Auf der einen Seite der Mensch in seiner Vergänglichkeit, in dem kleinen Zeitraum, der für manche die Ewigkeit ist, in seinem Versagen und seinen Niederlagen, in der Nichtigkeit angesichts des Ewigen. Und auf der anderen Seite das Erinnern an die Größe, die Schönheit und das Wunderbare, das dieses Wort „Mensch“ im besten Sinne des Wortes in sich trägt.

»Es ist oft kaum zu fassen, Gott, was Deine Ebenbilder auf dieser Erde in diesen entfesselten Zeiten sich gegenseitig antun. Aber ich schließe mich davor nicht in meinem Zimmer ein, Gott, ich halte die Augen offen...«
Gaarlandt, J.G. (2018): Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, 28. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 103.

Etty Hillesum: „Das denkende Herz“

In dieser Österlichen Bußzeit begleitet mich das Tagebuch von Etty Hillesum (1914-1943). Auf Anraten ihres Freundes, des Chiropsychologen Julius Spier, begann sie 1942, ein Tagebuch zu schreiben. Sie lebte und arbeitete in Deventer/Niederlande und bekam dort die immer größere werdende Gewalt der deutschen Besatzer gegen die jüdische Bevölkerung, zu der sie selbst auch gehörte, mit. Die Möglichkeit, in einem „Judenrat“ als von den Besatzern eingerichtete Beratungs-, Auskunfts- und Verwaltungsstelle mitzuarbeiten, schlug sie nach kurzer Zeit aus. Ihr wurde klar, dass es in diesem Rat letztlich um das Vorbereiten der Verfolgungen, der Deportationen und der Vernichtung der Juden ging. Eine Zeit lang wurde sie im Durchgangslager Westerbork untergebracht. Trotz der Möglichkeit der Flucht und des Abtauchens ging sie sehenden Auges im September 1943 zum Transport ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie am 30. November 1943 umgebracht wurde.

Am 26. Mai 1942 schreibt sie in ihrem Tagebuch: „Es ist oft kaum zu fassen, Gott, was Deine Ebenbilder auf dieser Erde in diesen entfesselten Zeiten sich gegenseitig antun. Aber ich schließe mich davor nicht in meinem Zimmer ein, Gott, ich halte die Augen offen und will vor nichts davonlaufen, sondern versuchen, auch die schlimmste Verbrechen irgendwie zu begreifen und zu ergründen, und ich versuche immer wieder, den nackten kleinen Menschen aufzuspüren, der aber in den monströsen Ruinen seiner sinnlosen Taten oft nicht mehr zu finden ist.“[1]

„Bekehrt Euch und glaubt an das Evangelium“

Ich möchte Ihnen dieses Zitat mitgeben, wenn Sie, wie es Jesus im heutigen Evangelium empfiehlt, in Ihre Kammer gehen und im Verborgenen beten, und das dann durch diese Bußzeit hindurch. Betend sich anschauen, was Gottes Ebenbilder sich in diesen entfesselten Zeiten sich gegenseitig antun, und sich selbst dabei nicht herausnehmen. Nehmen Sie wahr wie herzzerreißend – Joel in der ersten Lesung – wohl die Trauer Gottes ist, wenn er auf dieses „sich antun“ schaut. Und spüren Sie dem eigenen zerrissenen Herzen nach – dem, was Sie erleiden, aber auch dem, was Sie verursachen. Und dann – wieder Joel in der ersten Lesung – verlassenen Sie ihre Kammer. Und versuchen Sie – jetzt Paulus in der zweiten Lesung – sich mit Gott versöhnen zu lassen. Und noch einmal Paulus: „Die Zeit der Gnade, der Tag der Rettung ist da!“

Es hilft wenig, sagt Etty Hillesum, sich in seiner Kammer verschlossen zu halten. Es hilft, offenen Auges sich auf die Suche nach dem kleinen Menschen zu machen, in mir selbst, im Gegenüber. Und sich dann zu versöhnen, um sich versöhnen zu lassen – mit mir selbst und meiner Geschichte, mit den anderen und ihrer Geschichte, und in all dem mit Gott.

Das kommt besonders schön in dem anderen Wort zur Geltung, das beim Auflegen der Asche Ihnen auf den Kopf zugesagt werden kann: „Bekehrt Euch, und glaubt an das Evangelium.“ Schauen Sie sich Jesus als den mit sich, mit den anderen, mit Gott versöhnten Menschen an. Für mich klingt das „Bekehrt Euch und glaubt an das Evangelium“ aus dem Munde Jesu heute wie ein synonymer Satz zu dem, was 1986 der Pfarrer von Röbel beim Abendsegen uns allen mitgab: „Vergesst nicht, dass Ihr Menschen seid.“

Amen.

Norderney, Aschermittwoch 2019
Harald Klein

[1]Gaarlandt, J.G. (282018): Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Reinbek bei Hamburg, 103.

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