Verklärung – Die eigene Bestimmung finden

Glück haben und/oder glücklich sein?

Immer, wenn das Evangelium von der Verklärung Jesu zu Gehör kommt, habe ich das Hungertuch des indischen Künstlers Iyoti Sahi vor Augen, das Misereor 1983 vorgestellt hat. Im Januar dieses Jahres konnte ich seinen Künstler-Aschram nahe Bangalore in Indien besuchen und habe das Original in seinem „Werkschuppen“ gesehen. Sie kennen den Text, ich muss ihn hier nicht wiederholen. Und Sie erinnern sich vielleicht auch noch an das Bild:

Das Evangelium – und das es illustrierende Bild – zeigen Jesus in einem Moment tief empfundenen Glücks. Er „strahlt“, oder anders: eine „Strahlkraft“ geht von ihm aus. Das, was von ihm ausgeht, reflektiert, was auf ihn fällt. So geht das mit dem Erleben von Glück. Wieder ist es Eugen Drewermann, der mich aufhorchen lässt. „Oft stellt sich die Frage, was ‚Glück‘ eigentlich sei, und die Mehrzahl der Antworten geht wohl hinaus auf ein ‚Wohlgefühl‘: gute Gesundheit, schönes Essen, Leben in angenehmen Verhältnissen …, oder sie zielt auf die materiellen Voraussetzungen all solcher Vorzüge: ein Volltreffer in der Lotterie, eine Rettung aus ‚Un-glück‘ … Es leidet keinen Zweifel, dass solche Inhalte eine große Rolle spielen, wenn man ‚Glück hat‘; doch glücklich seinist etwas anderes. Bei allem Glück-haben bleibt ein Mensch abhängig von äußeren Umständen, die er nur begrenzt zu beeinflussen vermag; es sind ichfremde Faktoren, die darüber bestimmen, ob er ‚Glück‘ oder ‚Pech‘ hat. Das Leben aber ist kein ‚Glücksspiel‘. Wesentlich betrachtet ist ein Mensch glücklich zu nennen, der sich gerade nicht an die Wechselfälle des Schicksals bindet, sondern der mit sich selbst in einer harmonischen Verbindung steht. Glück haben mag ein Mensch so viel, als er möchte, – er wird doch stets unglücklich bleiben, solange er nicht weiß, wer er selber ist und was er selber will.“[1]Mir scheint, dass im Beten auf dem Berg Jesus beides widerfährt. In Drewermanns Worten: er hatGlück und er ist glücklich – er weiß nun, wer er selber ist und was er selber will.

»Glück haben mag ein Mensch so viel, als er möchte, - er wird doch stets unglücklich bleiben, solange er nicht weiß, wer er selber ist und was er selber will.«
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 1, Düsseldorf, 627.

Was glücklich sein zu verhindern vermag

Mose und Elija[2]sind Jesu Gesprächspartner. Es ist unserer Phantasie überlassen, dem nachzugehen, was sie wohl geredet haben mögen. Mose mag vielleicht von den Gefangenschaften reden, in die wir oft genug selbst hineingehen, in Abhängigkeiten, die uns zu Sklaven machen. Mir fallen die „Brottöpfe Ägyptens“ in der ägyptischen Gefangenschaft ein: Mose weiß, dass man manchmal sein „Anwesen“ abstoßen muss, um sein „Unwesen“ zu beenden und um so zum „Wesentlichen“ zu finden. Und Elija? Er mahnt bw. kämpft gegen falsche Gottesbilder und Gottesvorstellungen, gegen falsche Opfer im eigenen Leben und ruft zum Kampf gegen all das auf, was vermeintlich „Fruchtbarkeit“ verspricht. Ob es in den die Verklärung begleitenden Gesprächen darum ging? Ob Jesu Ja zu Mose und Elija dazu geführt haben, dass er vor Glück strahlt? Einfach deswegen, weil er seine Bestimmung gefunden hat? Weil er nun weiß, wer er ist und was er selber will?

Die Versuchung der drei Hütten

Wie am Ölberg und dort im Garten Gethsemane, so verschlafen Petrus, Jakobus und Johannes genau die Momente, in denen Jesus betend am Tabor seiner Bestimmung sicher wird. Am Ölberg und in der Folge der Passion, auf Golgatha, laufen sie weg, dieses Un-Glück wollen sie nicht teilen. Am Tabor, in der Erfahrung des Glücks, wollen sie drei Hütten bauen. Sie möchten die Stunde des Glücks bewahren, unter Dach und Fach bringen[3]. Eine zutiefst menschliche Regung, die aber nicht haltbar ist. Wie gesagt: Glück habenkann man nicht zementieren. Aber glücklich sein– daran kann man „arbeiten“.

Tabor – auf Golgatha

Zwei Zitate aus dem Tagebuch, dem Lebenszeugnis, dem spirituellen Weg von Etty Hillesum sind biographische Belege dafür, dass diese Arbeit am glücklich seinselbst in der Erfahrung von Golgatha gelingen kann. In der Erfahrung der frühen Repressalien der deutschen Besatzung in den Niederlanden schreibt sie:

„Gestern habe ich einen Augenblick lang gedacht, ich könnte nicht mehr weiterleben und hätte Hilfe nötig. Ich konnte den Sinn des Lebens und den Sinn des Leidens nicht mehr erkennen, ich hatte das Gefühl, unter einem gewaltigen Gewicht zusammenzubrechen, aber auch dadurch habe ich einen Kampf durchgefochten, der mich weitergebracht hat, durch den ich stärker bin als vorher. Ich habe versucht, dem Leid der Menschheit gerade und ehrlich in die Augen zu schauen, ich habe mich damit auseinandergesetzt, oder besser: irgendwas in mir hat sich damit auseinandergesetzt. Auf viele verzweifelte Fragen bekam ich Antwort, die große Sinnlosigkeit hat wieder einer gewissen Ordnung und Regelmäßigkeit Platz gemacht, und ich kann wieder weitermachen. Es war wiederum nur eine kurze, aber heftige Schlacht, aus der ich ein winzig kleines bisschen reifer hervorgegangen bin.“[4]

Übertragen Sie diesen Kampf von Etty Hillesum einmal auf Ihr eigenes Leben und Erleben. Dieses Ringen um Glück i.S.v. glücklich seinlässt sie reifen. Auf einer Bergwanderung hat mich mal ein Schüler gefragt, was ich unter einem „reifen Menschen“ verstehe. Mir fiel Sigmund Freuds Definition ein – leider weiß ich nicht, wo sie zu finden sind. Der „reife Mensch“ ist nach Freud liebes- und leidensfähig, kann freie Entscheidungen treffen und entschieden leben und kann genießen. Aus dem „denkenden Herzen“, dem Tagebuch von Etty Hillesum, zeigt sich, wie sehr sie in der Zeit der Verfolgung diesen Weg zum reifen Menschen gegangen ist. Sie hat „Tabor“ auf „Golgatha“ erfahren.

»Man darf durchaus manchmal traurig und niedergeschlagen über das uns Angetane sein; das ist menschlich und verständlich. Und dennoch: den größten Raubbau an uns treiben wir selbst. Ich finde das Leben schön und fühle mich frei. Der Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir.«
J.G. Gaarlandt (Hg.)(2018): Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, 28. Aufl., Reinbek bei Hamburg, 115.

„Der Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir“

Noch deutlicher wird dieses „Tabor“ auf „Golgatha“ einige Monate später. Etty Hillesum besitzt jetzt eine Fähigkeit, die ich nur jedem Menschen wünschen kann: sie beharrt auf ihrem Recht, in großer innerer Freiheit ihr eigenes Leben und Erleben selbst zu deuten und so ihre Bestimmung zu finden und aus ihr heraus zu leben. Sie schreibt:

„Zur Erniedrigung sind zwei Leute notwendig. Einer, der erniedrigt, und einer, den man erniedrigen will, oder vor allem: der sich erniedrigen lässt. Entfällt das letztere, ist also die passive Seite gegen jede Erniedrigung immun, dann verpuffen die Erniedrigungen in der Luft. Was übrig bleibt, sind nur lästige Verordnungen, die das tägliche Leben beeinflussen, aber keine Erniedrigung oder Unterdrückung darstellen, die die Seele bedrängen. Zu dieser Einstellung müsste man die Juden erziehen. Ich radelte heute morgen über den Stadionkade, genoss den weiten Himmel über dem Stadtrand und atmete die frische, nicht rationierte Luft. Und in der freien Natur überall Tafeln auf den Wegen, die für Juden gesperrt sind. Aber auch über dem einzigen Weg, der uns verblieben ist, wölbt sich der gesamte Himmel. Man kann uns nichts anhaben, man kann uns wirklich nichts anhaben. Man kann es uns recht ungemütlich machen, man kann uns der materiellen Güter berauben, auch der äußeren Bewegungsfähigkeit, aber letzten Endes berauben wir uns selbst unserer besten Kräfte durch unsere falsche Einstellung. Weil wir uns verfolgt, erniedrigt und unterdrückt fühlen. Durch unseren Hass. Durch unsere Wichtigtuerei, hinter der sich die Angst verbirgt. Man darf durchaus manchmal traurig und niedergeschlagen über das uns Angetane sein; das ist menschlich und verständlich. Und dennoch: den größten Raubbau an uns treiben wir selbst. Ich finde das Leben schön und fühle mich frei. Der Himmel ist in mir ebenso weit gespannt wie über mir. Ich glaube an Gott und ich glaube an die Menschen, das wage ich ohne falsche Scham zu sagen. Das Leben ist schwer, aber das ist nicht schlimm. Man muss beginnen, sich selbst ernst zu nehmen, und das übrige kommt von selbst. Und das ‚Arbeiten an sich selbst‘ ist weiß Gott kein kränklicher Individualismus. Der Frieden kann nur dann zum echten Frieden werden, irgendwann später, wenn jedes Individuum den Frieden in sich selbst findet und den Hass gegen die Mitmenschen, gleich welcher Rasse oder welchen Volkes, in sich ausrottet, besiegt und zu etwas verwandelt, dass kein Hass mehr ist, sondern auf weite Sicht sogar zu Liebe werden könnte. Aber das ist vermutlich zuviel gefordert. Und doch ist es die einzige Lösung.“[5]

Vielleicht ist das die dem Leben nächststehende Deutung des Pauluswortes aus der zweiten Lesung: „Unsere Heimat ist im Himmel“ – besser vielleicht noch „Unsere Heimat ist der Himmel.“

An diesem Sonntag mit dem Evangelium der Verklärung wünsche ich uns den Mose und den Elija als Gesprächspartner, ich wünsche uns die Stimme vom Himmel, die uns unsere je eigene Bestimmung vor Augen hält, und die Entscheidung bzw. die Entschiedenheit zum glücklich sein, in und trotz aller Widrigkeiten, die dem Glück haben entgegenstehen.

Amen.

Köln 15.03.2019
Harald Klein

 

[1]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 1, Düsseldorf, 672f.

[2]Vgl. zum FolgendenDrewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 1, Düsseldorf, 674.

[3]Vgl. Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 1, Düsseldorf, 677.

[4]J.G. Gaarlandt (Hg.)(282018): Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Reinbek bei Hamburg, 38.

[5]J.G. Gaarlandt (Hg.)(282018): Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Reinbek bei Hamburg, 115.

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