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Worte, die Grund sind

Das Grundprojekt dieser Seite ist die Suche nach und sind die Hinweise auf eine Spiritualität, die alltagstauglich ist, die dialogfähig ist, die hinführt zu einem Mehr an Liebes- und Leidensfähigkeit und die sich erst dann christliche Spiritualität nennen will, wenn sie Maß nimmt am Handeln und Reden Jesu Christi und seinem Geschick.

Ich habe Freude an der Begegnung mit vielen Autorinnen und Autoren aus der theologisch-spirituellen Literatur. Gleichzeitig finde ich  in der Lyrik immer wieder Worte, die mir Halt und Orientierung geben und auf denen ich stehe. Die Verbindung von „Wort“ und „Verortung“ will das Kunstwort „verw:ortet“ ausdrücken.

Auf der Startseite werden diese Worte in unregelmäßigen Abständen verändert, auf dieser Seite werden sie gesammelt und aufgehoben. Es ist mir eine Freude, sie Ihnen hier zur Verfügung zu stellen.

Köln, 03.10.2019
Harald Klein

» Fünf Hindernisse sind es, so lehrte Buddha, die uns davon abhalten, glücklich zu sein: Zweifel, Unruhe, Trägheit, unstillbares Verlangen und Widerwille.«
Mannschatz, Marie (2. Auflage 2010): Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihr Leben verändern, München, 162.

Verw:ortet im Juli 2020

Fünf Hindernisse sind es, so lehrte Buddha, die uns davon abhalten, glücklich zu sein: Zweifel, Unruhe, Trägheit, unstillbares Verlangen und Widerwille. In welcher Gestalt sie in unserem Leben auftauchen und wie wir sie überwinden können, zeigt Marie Mannschatz anhand zahlreicher praktischer Hinweise und Übungen. Buddhistische Psychologie wird hier ganz konkret auf den Alltag angewandt. Wer seine eigenen Muster erkannt und akzeptiert hat, der kann sie auch verändern. So werden aus Hindernissen Herausforderungen, die das Leben erst interessant machen.

Alle Zitate sind entnommen aus: Mannschatz, Marie (2. Auflage 2010): Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihr Leben verändern, München. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammern angegeben.

Auf Verw:ortet sind nur eine Auswahl der notierten Zitate abgedruckt. Eine diese Auswahl übersteigende Sammlung finden Sie hier.

„Wenn man alles, was einem begegnet, als Möglichkeit zu innerem Wachstum ansieht, gewinnt man innere Stärke. <Milarepa, tibetischer Meditationsmeister (1052-1135)>“ (4)

„Gebt jedem Problem, jeder Erfahrung einen einfachen Namen. Benennt den Geist, der mit Freude gefüllt ist, und den Geist, der mit Ärger erfüllt ist, benennt das Auftauchen und das Entschwinden von Erfahrungen. So wird euer Verständnis auf natürliche Weise wachsen. <Buddha>“ (16)

„Ich glaube, dass Lebenskunst zum großen Teil darin besteht, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Zweifel ist da offensichtlich hinderlich. Deshalb üben wir, den Zweifel LOSZULASSEN. Mit ganz viel Achtsamkeit können wir ihn aufspüren und ihm zurufen: ‚Da bist du ja, dich kenne ich schon, du hast mir noch nie gutgetan. Ich schenke dir keine weitere Aufmerksamkeit. Jeder Gedanke, den ich auf dich verwende, ist vergeudet.“ (37)

„Bei meiner Arbeit als Psychotherapeutin habe ich oft die Frage gehört: ‚Was soll ich nur tun? Woran merke ich, ob es sinnvoll ist, in einer zweifelhaften Lage auszuharren oder einen Schlussstrich zu ziehen? Welche Heichen soll ich lesen lernen?‘ Nach ausführlichem gemeinsamem Abwägen der Situation entstand häufig der Eindruck, dass es vorrangig darum geht, wieder in BEWEGUNG ZUKOMMEN, dass es ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘ gar nicht gibt, da jegliche Bewegung in eine Richtung in festgefahrenen Lebenssituationen nur gut sein kann.“ (40)

„Wie alle Wasser in den großen Meeren nur einen einzigen Geschmack haben – den Geschmack von Salz -, so haben auch alle wahrhaftigen Lehren nur einen einzigen Geschmack – den Geschmack von Freiheit. <Buddha>“ (47)

„Trägheit ist […] die Beharrlichkeit, mit der ein Körper in Ruhe oder Beweglichkeit verbleibt, solange keine gegensätzlichen Kräfte auf ihn einwirken. Trägheit bedeutet: Es wird keine Ursache für eine NEUE BEWEGUNGSRICHTUNG geben.“ (75)

„Der träge Mensch lebt am liebsten unter der Bettdecke und vergeudet seine Energien mit Nebensächlichkeiten, die ihn von der Erfüllung vorrangigere Aufgaben abhalten. Auf der Gefühlsebene dominiert Lustlosigkeit, zuweilen auch ein dumpfer Trotz. Nichts macht Freude. Wozu Aufstehen, wenn es kein Entrinnen gibt aus dem selbst fabrizierten Labyrinth von Gewohnheiten? Das Neue, das Unbekannte wirkt so bedrohlich, dass es besser nicht wahrgenommen wird.“ (76)

„Nicht, weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig. <Seneca>“ (82)

„Großzügiges Geben steht bei allem, was Buddha lehrt, am Anfang. Da er die Ursache für menschliches Leiden im zwanghaften, gierigen Raffen und Festhalten sieht, liegt die Heilung vom Leiden logischerweise im LOSLASSEN. Buddha lehrt, dass wir keine Schwierigkeiten haben wegen der Reichtümer, die wir besitzen, sondern wegen der Beziehung, die wir zu diesen Reichtümern haben.“ (109f)

„Furcht zeigt sich auch in der Angst vor Veränderung, wenn wir allzu fest am Gewohnten haften. Im Geist bewirkt Furcht GEDANKENSCHLEIFEN mit bedrohlichen Bildern, Worten, Szenen, die wir immer wieder durchspielen.“ (130f)

„Furcht benebelt unsere Gedanken, sie vereitelt, dass wir erkennen, was uns wirklich hindert. Unter dem Einfluss von Furcht werden wir schnell nervös und übererregt. Zu viel Furcht macht uns müde oder gleichgültig, bewirkt sogar Apathie. Furcht zeigt sich auch in der Angst vor Veränderung, wenn wir allzu fest am Gewohnten haften. Im Geist bewirkt Furcht GEDANKENSCHLEIFEN mit bedrohlichen Bildern, Worten, Szenen, die wir immer wieder durchspielen.“ (130f)

„In der buddhistischen Psychologie wird zwischen MITLEID und MITGEFÜHL unterschieden. Im Mitleid ist eine Ablehnung des Schmerzes enthalten. Mitleid sagt unbewusst: ‚Du Arme! Ich gebe dir etwas, damit ich deinen Schmerz schnell wieder vergessen kann“. Und stellt sich innerlich über den Leidenden. Mitgefühl sagt: ‚Dein Schmerz ist auch mein Schmerz‘, es verbindet Gleich und Gleich. Mitgefühl entscheidet nicht zwischen ‚Richtig‘ und ‚Falsch‘. Mitgefühl hat nur ein Ziel: Leiden verringern.“ (147f)

» Es gibt keine schlimmere Krankheit als den Verlust der individuellen Sprache, wenn ein Mensch eine kollektive Sprache gänzlich zu seiner privaten macht. An dieser Krankheit leiden Beamte, Politiker, Akademiker und auch Geistliche. «
Tokarczuk, Olga (2020): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Mit einem Essay ‚Wie Übersetzer die Welt retten‘, Zürich, 96.

Verw:ortet im Juni 2020

Alle Zitate sind entnommen aus: Tokarczuk, Olga (2020): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Mit einem Essay ‚Wie Übersetzer die Welt retten‘, Zürich. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben. Ich bedanke mich bei Martin Berghane, Gelsenkirchen, für den guten Austausch und die gemeinsame Auswahl. An dieser Stelle sind nur einige Zitate aufgelistet. Unsere gemeinsam erstellte Sammlung finden Sie hier.

— aus: Der liebevolle Erzähler —

„Wenn man jemanden vermisst, bedeutet das, dieser Jemand ist schon da.“ (13)

„Die Welt ist ein Stoff, an dem wir täglich weben – auf großen Webstühlen verarbeiten wir die Fäden aus Nachrichten, Debatten, Filmen, Büchern, Klatsch und Tratsch, Anekdoten.“ (15)

„Wer an der Geschichte webt, hat die Macht.“ (15)

„Nimmt das Erzählte einen anderen Lauf, so ändert sich der Lauf der Welt. In diesem Sinne ist die Welt aus Worten geschaffen.“ (15)

„Seit die Lüge zu einer – wenngleich immer noch reichlich primitiven – Massenvernichtungswaffe geworden ist, hat sich das Vertrauen der Leser in die Fiktion verflüchtigt. Immer häufiger stellt man mir die Frage, die Ungläubigkeit schwingt darin mit: „Ist es denn wahr, was Sie da geschrieben haben?“ Und jedesmal habe ich das Gefühl, das Ende der Literatur sei nahe – klingt doch diese in der Wahrnehmung der Leser harmlose Frage für schriftstellerische Ohren wahrhaft apokalyptisch. Was soll ich darauf antworten? Wie lässt sich der ontologische Status eines Hans Castorp, einer Anna Karenina oder eines Pu der Bär erklären?“ (30f)

„Somit stellt Literatur Fragen, auf die Wikipedia keine Antworten bereithält – verlassen diese Fragen doch den Bereich der reinen Fakten und Ereignisse und knüpfen direkt an unsere Erfahrung an.“ (34)

„Unsere Spiritualität schwindet, oder sie wird oberflächlich und rituell. Oder aber wir werden zu Gefolgsleuten simpler Kräfte – physischer, gesellschaftlicher oder ökonomischer -, die uns lenken, als wären wir Zombies. Und in einer solchen Welt sind wir das tatsächlich: Zombies.“ (43)

„Eine Geschichte zu erzählen bedeutet, Leben zu verleihen und all die Bruchstücke der Welt – die menschlichen Erfahrungen, durchlebte Situationen, Erinnerungen – zur Existenz zu bringen.“ (58f)

Die liebevolle Zuneigung ist die bescheidenste Form der Liebe. Sie findet keine Erwähnung in der Heiligen Schrift oder in den Evangelien, niemand schwört bei ihr, niemand beruft sich auf sie. Sie besitzt keine Embleme, keine Symbole, sie bietet keinen Grund für Verbrechen oder Eifersucht. Stattdessen taucht sie überall dort auf, wo wir unseren Blick eingehend und behutsam auf ein anderes Sein richten, auf etwas, das nicht ‚Ich‘ ist.“ (59)

„Liebevolle Zuneigung ist spontan und selbstlos, sie geht weit über empathisches Mitfühlen hinaus. Vielmehr ist sie eine bewusste – bisweilen vielleicht etwas melancholische – Einfühlung in ein anderes Leben, ein anderes Schicksal.“ (59f)

„Der liebevolle Blick bedeutet, ein anderes Sein anzunehmen und aufzunehmen, in seiner Zerbrechlichkeit, seiner Einzigartigkeit, seiner Wehrlosigkeit gegen Leiden und das Wirken der Zeit.“ (60)

„In der zugeneigten Betrachtung entdecken wir Bande zwischen uns, Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen. Sie zeigt die Welt als lebend und lebendig, als ineinander verbunden, voneinander abhängig, zusammenwirkend.“ (60)

„Literatur gründet auf der liebevollen Zuneigung, die wir jedem anderen Sein entgegenbringen. Und das ist der entscheidende psychologische Mechanismus des Romans. Dem wunderbaren Instrument der liebevollen Zuneigung – der raffiniertesten Art menschlicher Kommunikation – ist es zu verdanken, dass unsere Erfahrung durch die Zeit reisen und jene erreichen kann, die noch nicht geboren sind, aber einmal das zur Hand nehmen werden, was wir über uns und unsere Welt erzählt haben.“ (60f)

— aus: Wie Übersetzer die Welt retten —

„Etwas falsch oder nicht zu verstehen bedeutet Einsamkeit und eine Distanz, die sich immer dann einstellt, wenn man als Einziger den Kontext nicht kennt.“ (68)

„Dies ist die eindringlichste und schamvollste Erfahrung von Introversion – wir schämen uns, wenn wir etwas nicht verstehen. Unsere Kultur erzieht uns dazu, alles verstehen zu wollen, und gibt uns so die Möglichkeit der Kontrolle über die Welt. Einem Menschen, der etwas nicht versteht, ist diese Möglichkeit genommen.“ (68f)

„Literatur beginnt also in jenem speziellen Moment, in dem unsere individuelle, einzigartige Sprache mit der Sprache anderer Menschen zusammentrifft. Literatur ist der Raum, in dem das Private öffentlich wird.“ (90)

„Jede Generation hat ihre eigene Sprache zur Beschreibung der Welt, ja, vielleicht hat heute sogar jedes Jahrzehnt seine eigene Sprache – und wir Sprecher sind uns häufig ihrer Kurzlebigkeit und Eingeschränktheit, ihrer ausschließlichen Fähigkeit zur Artikulierung dessen, was sich innerhalb ihrer Grenzen befindet, nicht einmal bewusst.“ (96)

„Es gibt keine schlimmere Krankheit als den Verlust der individuellen Sprache, wenn ein Mensch eine kollektive Sprache gänzlich zu seiner privaten macht. An dieser Krankheit leiden Beamte, Politiker, Akademiker und auch Geistliche.“ (96)

„Die einzig mögliche Therapie ist die Literatur – der Umgang mit der schöpferischen Sprache wirkt wie eine Impfung gegen eilends zusammengezimmerte und rein instrumental behandelte Weltsichten.“ (96f)

» Die Fähigkeit, in einer guten Weise alleine zu leben, selbstständig und beziehungsfreudig zu sein und sich in allem eine echte innere Freiheit zu bewahren, stellt zweifellos das Schlüsselkriterium authentischer Gefährtenschaft dar. «
Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg, 78.

Verw:ortet im Mai 2020

Alle Zitate sind entnommen aus: Gmainer-Pranzl, Franz (2011): Alleine leben – andere begleiten, in: ders. (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg. Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

Der Autor kritisiert die Unterteilung der Stände in der Kirche in verheiratet/nicht verheiratet. Er führt den Begriff der „Gefährtenschaft“ als dritte Lebensform neben der Lebensform der (exklusiven) Partnerschaft und der Lebensform der (inklusiven) Gemeinschaft als mögliche aus Glauben gewählte Lebensform ein. Sein Ziel ist die Beschreibung einer Theologie der Lebensformen, die er in sieben Thesen zusammenfasst. Im Blick auf die gewählte Lebensform sind der Selbststand und die Begleitung die Kennzeichen der Gefährtenschaft der allein lebenden Menschen neben den in exklusiver (Paarbeziehung) und inklusiver Gemeinschaft (z.B. Ordensgemeinschaften) lebenden Menschen.

„Was heißt es, aus christlicher Motivation heraus als Gefährte/Gefährtin zu leben? Was bedeutet es, den eigenen Weg alleine zu gehen und dabei auch andere Menschen zu begleiten?“ (72f)

„Eine Theologie christlicher Lebensformen […] leitet Menschen dazu an, den Fragen ihres Lebens und dem Anspruch ihrer Berufung gerecht zu werden.“ (73)

Erstens: […] Alleine zu leben […], und zwar bewusst und ohne ein kirchliches Amt, ist eine Lebensform, die immer wieder der Erklärung bedarf.“ (73)

Zweitens ist festzuhalten, dass es hier um eine bewusste Entscheidung geht, alleine, aber nicht beziehungslos zu leben.“ (74)

„Daraus ergibt sich drittens, dass eine positive Explikation der Lebensform der Gefährtenschaft gefragt ist. Es ist wenig attraktiv, immer nur zu erklären, was man im Gegensatz zu anderen ‚nicht darf‘; demgegenüber ist es viel spannender, Sinn und Ziel der Entscheidung, alleine zu leben, angeben zu können.“ (75)

„Nicht das Ausgrenzen von Sexualität, sondern das Dasein-Wollen für andere Menschen charakterisiert die Gefährtenschaft; nicht darum geht es, ‚besser‘ als andere sein zu wollen, sondern die allen geschenkte Berufung zum Christsein in einer bestimmten – zu Ehe und Gemeinschaft alternativen – Weise zu leben.“ (75f)

„Gefährtenschaft heißt […] nicht, isoliert oder asexuell zu leben, sondern das, was Menschsein und Christsein ausmacht, in einer anderen Lebenskonstellation zu verwirklichen.“ (76)

„Diese Lebenskonstellation – und das ist der vierte Punkt – möchte ich als partizipative Weggemeinschaft charakterisieren. Dieser Begriff meint, dass die Teilnahme an der ‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art‘, das Prinzip dieser Lebensform darstellt. Gefährtenschaft ist eine zutiefst partizipative Art und Weise zu leben.“ (76)

Fünftens: „Als Gefährte/Gefährtin zu leben bedeutet, geistig und geistlich auf dem Weg zu bleiben und von daher immer wieder aus Sicherheiten und Geborgenheit aufzubrechen. Die Gefährtenschaft ist die am wenigsten gesicherte Lebensform. Sie kennt weder eine exklusive (Partnerschaft) noch eine inklusive Bindung (Gemeinschaft), sondern versteht sich als partizipativ, als Wegbegleitung anderer durch Menschen, als selbst-ständige bzw. allein-stehende Form christlicher Existenz.“ (78)

„Die Fähigkeit, in einer guten Weise alleine zu leben, selbstständig und beziehungsfreudig zu sein und sich in allem eine echte innere Freiheit zu bewahren, stellt zweifellos das Schlüsselkriterium authentischer Gefährtenschaft dar.“ (78)

Sechstens: „Markiert das Leben in einer Beziehung vor allem das Verbundensein und das Leben in Gemeinschaft das Solidarischsein, bezeichnet die Gefährtenschaft das Unterwegssein. […] In der vielfältigen Vernetzung mit unterschiedlichen Menschen, in einer gewissen Distanz zu Traditionen und kulturellen/gesellschaftlichen/religiösen Plausibilitäten sowie in der Bereitschaft, immer wieder neu aufzubrechen, erschließen Gefährten und Gefährtinnen noch unentdeckt Lebens- und Glaubensräume.“ (80)

„Wenn das Christsein im Allgemeinen und die Gefährtenschaft im Besonderen zur bloßen Bestätigung des gesellschaftlich Selbstverständlichen wird, wenn Christen in der Weise ‚sesshaft‘ geworden sind, dass ihr Glaube nicht mehr ‚unterwegs‘, zu neuen Aufbrüchen fähig ist, dann ist etwas Entscheidendes verloren gegangen und die Gefährtenschaft zum Junggesellentum mutiert.“ (80)

Siebtens: „Was hier auf dem Spiel steht, […] ist jene innere Dynamik, die Christen zu ‚neuen Menschen‘ macht: die Freiheit, die Christus schenkt (2 Kor 3,17; Gal 5,1.13). Diese bestürzende und beglückende Erfahrung versetzt Menschen nicht in eine religiöse Sonderwelt, sondern befähigt sie zu einer ungeheuren Hoffnung: ‚Freiheit heißt sich an die Geschichte zu binden, um sie zu retten‘[1], wie Jon Sobrino SJ betont; und er unterstreicht: ‚Die christliche Freiheit ist im Letzten die Freiheit zu lieben.‘[2] (79f)

„Wenn die Lebensform der Gefährtenschaft diese christliche Freiheit nicht auf existenzielle Weise verkörpert, wenn Menschen, die als Gefährten/Gefährtinnen leben, nicht für die Radikalität einer größeren Hoffnung und Liebe stehen, ist es um das Zeugnis des Glaubens geschehen.“ (80)

[1] Sobrino, Jon (2008): Der Glaube an Jesus Christus. Eine Christologie aus der Perspektive der Opfer, Ostfildern 2008, 134.

[2] ebd.

» Wer glaubt oder zu glauben sucht, der oder die ist oft allein, findet kaum Gleichgesinnte, muss sich vor sich selbst und anderen dafür rechtfertigen und erfährt sich in religiösen Grundfragen oft als ungenügend gebildet. Jede und jeder muss für sich Formen des Glaubens, Betens und christlichen Handelns finden. [...] So werden viele Christen heute zu ‚mobilen spirituellen Selbstversorgern'. «
Zollner, Hans (2011): Kundschafter des Glaubens. Psychologische und spirituelle Gedanken zum Charisma der Singles, in: Gmainer-Pranzl, Franz (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg, 30.

Verw:ortet im April 2020 – nach Ostern

Alle Zitate sind entnommen aus: Zollner, Hans (2011): Kundschafter des Glaubens. Psychologische und spirituelle Gedanken zum Charisma der Singles, in: Gmainer-Pranzl, Franz (Hrsg.): Alleine leben – mit anderen sein. Ein christlicher Lebensentwurf, Würzburg.  Die Seitenzahlen sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

„Spiritualität ist der Weg, wie Menschen auf das Geheimnis des Lebens und die Offenbarung Gottes antworten, gebunden an die kulturellen und geschichtlichen Umstände der jeweiligen Zeit.“ (13)

„Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das Selbst entwickelt sich so in einem steten Suchprozess, der nie abgeschlossen ist.“ (18)

„Was in einer traditionellen Gesellschaft durch Rolle, Schicht und Religion selbstverständlich vermittelt wurde, muss heute aktiv erworben werden, zumal alles irgendwie gleichwertig erscheint und so beliebig wird. Abwechslung und Aufregung als Dauerzustand ist jedoch nicht jedermanns Sache.“ (18)

„Einerseits wird das Selbst bzw. die Identität als etwas beschrieben, das zu keinem Zeitpunkt des Lebens ‚gegeben‘ oder ‚verwirklicht‘ ist. Statt einer festen Identität wird eine fragmentierte Persönlichkeit angenommen. Im ständigen Fluss von Wandel und Veränderung ist jeder Mensch herausgefordert, sich immer neu zu finden.“ (20)

„Andererseits wird die Idee des Selbst oder einer Identität keineswegs ganz aufgegeben. Das eigene Leben wird zwar als eine Abfolge von einzelnen Lebensprojekten erlebt. Wenn diese Einzelprojekte jedoch in einer Kontinuität zueinander stehen und zu einer authentischen Kohärenz führen, entsteht ein innerer Sinnzusammenhang. Dies eröffnet die Chance, dass es zu einer Selbst-Findung kommt, in der ich immer mehr in mein ‚Eigenes‘ komme und in der sich mein Sein immer mehr formt.“ (20)

„Innerhalb der Undurchschaubarkeit und Rätselhaftigkeit des Lebens ist jede und jeder gefordert, sich sein eigenes Leben zusammenzubasteln und gleichzeitig entweder die Frage nach dem Sinn von Zeit und Endlichkeit und dem Sinn des Lebens zu beantworten oder sie ‚erfolgreich‘ zu verdrängen. Beides ist auf unterschiedliche Weise anstrengend.“ (24f)

„Wenn die Umstände (der Gesellschaft wie diejenigen des einzelnen Lebens) sich ändern – und sie haben sich allgemeinem Empfinden radikal geändert -, dann muss sich auch die Weise ändern, wie wir Gott suchen. Dann müssen Glauben, Gebet und christliches Handeln ‚mitwachsen‘, Die Kirche muss sich neu inkarnieren in ihren Formen, ihrem Stil, ihren Adressaten.“ (31)

„In den Pfarrgemeinden mit ihrem Fokus auf Sakramentenpastoral und den verschiedenen Gruppen und Gremien bleibt kaum Zeit und Platz für Singles. Wie sollen denn spirituelle Nomaden dazu gebracht werden, sesshaft zu werden?“ (32)

„Die Exerzitien sind kein Weg, sich religiös zu bilden. Sie sollen uns helfen, zu erspüren, wie Gott mitten in unserem verwirrenden, aufregenden und herausfordernden Leben wirkt, und besser zu entscheiden, wie wir ihm näher folgen und ihm und den Menschen dienen können.“ (33)

„Gott muss nicht erfunden, sondern gefunden werden. Das ist aber nur möglich in einer intensiven und persönlichen Weise, Gott zu suchen.“ (34)

„Wenn es tatsächlich heute schwer ist, verbindlich Beziehungen zu leben, dann kann auch die Beziehung zu Jesus Christus keine Ausnahme bilden. Sich an einen persönlichen Gott, an Jesus von Nazareth zu binden, kann dann schwierig werden. Schwer wird es besonders dann, wenn ich wenig Vorbilder oder Weggefährten für diesen Weg habe und wenn ich meinen Alltagsweg alleine gehe oder gehen muss.“ (34f)

„Dann wäre dies das Charisma christlicher Singles: durch ihr ‚Dasein‘ und ihr ‚Dortsein‘, durch ihre Lebensweise und die Orte, an denen sie Gott suchen, den Gott Jesu Christus’ für sich, für andere und für die Kirche zu suchen und zu finden.“ (3.)

» Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein. «
Camus, Albert <6. Aufl. 1989>: Die Pest, Reinbek, 167.

Verw:ortet im April 2020 – bis Ostern

Alle Zitate sind entnommen aus: Camus, Albert (6. Aufl. 1989): Die Pest, Reinbek.  Die Quellenangaben sind am Ende jedes Zitates in Klammen angegeben.

„Die Pest überließ sie auch dem Müßiggang, zwang sie, sich in der trüben Stadt im Kreis zu bewegen und Tag für Tag die Beute der enttäuschenden Spiele der Erinnerung zu werden.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 47.)

„So brachte die Pest unseren Mitbürgern als erstes die Verbannung. […] Denn das war wirklich das Gefühl der Verbannung, jene Leere, die wir unablässig in uns trugen, diese besondere innere Unruhe, der unvernünftige Wunsch, in die Vergangenheit zurückzukehren oder im Gegenteil die Zeit vorwärts zu treiben ,diese brennenden Pfeile der Erinnerung.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 47f.)

„In dieser äußersten Einsamkeit konnte niemand auf die Hilfe des Nachbarn zählen, und jeder blieb mit seinen Gedanken allein.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 50.)

„Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie werde sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 62.)

„Hinsichtlich der Religion wie vieler anderer Probleme flößte die Pest ihnen eine merkwürdige Geisteshaltung ein, die weder Gleichgültigkeit noch Leidenschaft kannte und die sehr gut mit dem Wort ‚Unvoreingenommenheit‘ bezeichnet werden kann.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 62.)

„Alle schritten oder lebten an den Klagen vorbei, als wären sie die natürliche Sprache der Menschen.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 73.)

„Ich bin froh, dass er besser ist als seine Predigt.“ – „Alle Leute sind so“, antwortete Tarrou lächelnd und zwinkerte Rieux zu, „sie müssen nur die Gelegenheit dazu haben.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 99.)

„Mich interessiert nur noch, von dem zu leben und an dem zu sterben, was ich liebe.“ (108) (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 108.)

„Man muss es wohl aussprechen: die Pest hatte alle der Fähigkeit zur Liebe und sogar zur Freundschaft beraubt. Denn die Liebe verlangt ein wenig Zukunft, und für uns gab es nichts mehr als Augenblicke.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 120.)

„Rieux richtete sich auf und sagte mit fester Stimme […], man brauche sich nicht zu schämen, wenn man das Glück vorziehe. ‚Ja‘, sagte, Rambert, ‚aber man kann sich schämen, allein glücklich zu sein.'“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 136.)

„‘Vielleicht sollten wir lieben, was wir nicht begreifen können.‘ – ‚Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 142f.)

„Wir arbeiten miteinander für etwas, was uns jenseits von Lästerung und Gebet vereint. Das allein ist wichtig.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 143.)

„‚Eigentlich‘, sagte Tarrou schlicht, ‚möchte ich gerne wissen, wie man ein Heiliger wird.‘ – ‚Aber Sie glauben ja nicht an Gott.‘- ‚Eben. Kann man ohne Gott ein Heiliger sein, das ist das einzig wirkliche Problem, das ich heute kenne.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 167.)

„Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 167.)

„Aber er, Rieux, was hatte er gewonnen? Sein einziger Gewinn war, dass er die Pest gekannt hatte und ihm die Erinnerung daran blieb, dass er die Freundschaft gekannt hatte, und ihm die Erinnerung daran blieb, dass er die innige Verbundenheit kannte und ihm eines Tages nur noch die Erinnerung daran bleiben würde.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 190.)

„Alles, was der Mensch im Spiel der Pest und des Lebens gewinnen konnte, waren Erkenntnisse und Erinnerung.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 190.)

„Wenn es etwas gibt, das man immer ersehnen und manchmal auch erhalten kann, so ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem Menschen. Das wussten sie jetzt.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 197.)

„Er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ (Camus, Albert <61989>: Die Pest, Reinbek, 202.)

» O Gott, wenn du überall bist, wie kommt es dann, dass ich so oft woanders bin?«
Madeleine Delbrêl, in: Schleinzer, Annette (Hg.) (2. Aufl. 2010): Madeleine Delbrêl. Gott einen Ort sichern. Texte-Gedichte-Gebete, Ostfildern, 57.

Verw:ortet im März 2020

Alle Zitate sind entnommen aus: Schleinzer, Annette (Hg.) (22010): Madeleine Delbrêl. Gott einen Ort sichern. Texte-Gedichte-Gebete, Ostfildern. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Manchmal heißt Schweigen, den Mund zu halten, immer aber heißt es Lauschen.“ (61)

„Wenn wir zusammenkommen, um das Evangelium miteinander zu lesen, tun wir das nicht, um Studien zu betreiben, sondern um bei ihm Zuflucht zu finden. Betend, suchend und aufmerksam hörend versammeln wir uns um die Person Jesu, um das, was er gesagt hat, um das, was er getan hat. Wir bringen unser Leben mit ihm in Kontakt, so, wie es ist – damit er es immer mehr zu dem werden lässt, was es sein soll.“ (44)

„Wenn der Tag so vollgestopft ist, dass Pausen unmöglich sind, wenn unsere Kinder, der Mann, das Haus, die Arbeit fast alles beanspruchen, dann fordert es so viel Glaube von uns und so viel Achtung, dass wir wissen: seine göttliche Kraft kann ihm (i. e. dem Wort Gottes, H.K.) stets Raum verschaffen. […] Denn das Wort hat seinen Platz gefunden: ein armes und warmes Menschenherz, das ihm Wohnung bietet.“ (46)

„Die Liebe ist das forschende Suchen nach den einzig absoluten Reichtümern, die Entdeckung der mächtigsten Energien, die belebendste Erfahrung des Lebens, die Erkundung einer Geschichte, in der alle Einzelschicksale zusammenlaufen und in die wir selbst hineinverwoben sind.“ (49)

» Nur wo es Vergebung gibt, kann es auch Wahrheit geben. «
Brahm, Ajahn (2014): Der Elefant, der das Glück vergaß. Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden, 23. Auflage, München, 121.

Verw:ortet im Februar 2020

Alle Zitate sind entnommen aus: Brahm, Ajahn (2014): Der Elefant, der das Glück vergaß. Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden, 23. Auflage, München. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammern angegeben.

„Es war in Thailand vor vielen Jahren, als Ajahn Chan eines Tages vor seinem allmorgendlichen Almosengang zurückkehrte, am Wegrand einen Stock aufhob und fragte: ‚Wie schwer ist dieser Stock?‘ Bevor noch irgendjemand antworten konnte, warf Ajahn Chan den Stock in die Büsche und sagte: ‚Schwer ist der Stock nur, solange ihr ihn festhaltet. Sobald ihr ihn wegwerft, ist sein Gewicht dahin.‘“ (30)

„Eines möchte ich den Eltern, die dieses Buch lesen, hinter die Ohren schreiben: Bitte sagt euren Kindern, dass ihr sie, wenn sie die Wahrheit sagen, nie bestrafen und ihnen auch keine Vorhaltungen machen werdet, was immer auch sie getan haben mögen.“ (119)

„Wo Strafe droht oder auch nur eine Rüge, wird nie die Wahrheit gesagt werden. Deshalb kennen wir im Buddhismus keine Strafen.“ (119)

„Nur wo es Vergebung gibt, kann es auch Wahrheit geben.“ (121)

„Jetzt wissen Sie auch, warum es uns Menschen so schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Denn die meisten von uns haben einen Affengeist, und das bedeutet: Ich erledige das nur noch kurz, dann setze ich mich ganz ruhig hin und meditiere.“ (125)

» Ich war und bin der Überzeugung, dass die Poesie in entscheidendem Maße zur Identität, zum wahrhaftigen Benennen der Wirklichkeit und damit auch zur Möglichkeit des Einzelnen zum Widerstand befähigt. Ich denke, der Einzelne muss erst ein Ich sein. Erst dann kann er sich entscheiden, zu welchem Wir er sich bekennt. Wer gleich mit dem Wir anfängt, läuft Gefahr, ein Mitläufer zu sein. Ich glaube, man muss erst erkennen, worum es einem geht, um sich für etwas entscheiden zu können. «
Hilde Domin, in: Scheidgen, Ilka (2018): Hilde Domin. Dichterin des Dennoch, 2. Auflage, Lahr, 159.

Verw:ortet im Januar 2020

Alle Zitate sind entnommen aus: Scheidgen, Ilka (2018): Hilde Domin. Dichterin des Dennoch, 2. Auflage, Lahr. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Ganz wesentlich für mich ist, mit offenen Armen auf den anderen zugehen, an das Gute im Menschen zu glauben, an das Wunder zu glauben, weil man Vertrauen übt.“ (91)

„Es geht um das Begreifen, dass das Zuhause stets etwas Verlierbares ist. ‚Jedes Ausgestoßenwerden in Fremdes ist Geburt.‘ Es wird der Versuch einer Wiedereingliederung beschrieben, die sich dann als ‚zweites Paradies‘ erweisen könnte. ‚Das zweite Paradies, weißt Du. Es ist nicht weniger Paradies als das frühere. Wir müssen nur erst durch die Wirklichkeit hindurch.‘ Allerdings besteht ein gravierender Unterschied zum ersten Paradies, das einem geschenkt wurde. Das zweite muss aktiv erworben werden. […] ‚Das Zuhause sind wir. Die Fremde sind wir. Wir erwarten uns. Jeden Morgen. Wir wissen es und wir denken es. Mit Hoffnung. Auch mit Angst.‘“ (128)

„Erwachsensein ist Nicht-Bekommen, was man will. Und es wissen und den Mangel einbauen. […] Erwachsensein ist Sehen, wie das, was man in der Hand hält, etwas anderes wird. Und es nicht ändern können.“ (129)

„Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkür in den Worten. Das ist alles, worauf es ankommt.“ (151)

» Je mehr wir vom 'Advent' begreifen, lernen wir eigentlich, dass es eine solche 'Ankunftszeit' nicht geben dürfte. Gott steht nicht aus, Gott wartet, dass wir endlich einstehen und anfangen! Nicht 'Zuwarten' ist da angesagt, sondern Losmachen. Glauben ist keine Angelegenheit für die Zukunft, sondern für die Gegenwart. «
Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern, 38.

Verw:ortet im Dezember 2019

Alle Zitate sind entnommen aus: Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

„Menschen ändern sich in allem, doch sie können sich in allem nur ändern, wenn sie eine […] leise Stimme vernehmen, die ihnen sagt: Aber du bist doch mein Sohn, meine Tochter, – ein Wort, in dem Gott wie mütterlich, wie väterlich erscheint. Erst wenn dieses Wort gilt, fände es ein Ende damit, sich Gott verdienen zu müssen durch Opfer, durch Priestervermittlung, durch theologische Traktate der Orthodoxie; vielmehr wüchse eine kindliche Unmittelbarkeit heran, die Gott nicht mehr zutraut, über die Hilflosigkeit der Menschen den Stab zu brechen und Gerechtigkeit aus ihnen herauszuwürgen, nur um ein abstraktes Gesetz zu erfüllen.“ (21)

„Wir haben mit dem Begriff Glauben nichts weiter vor uns als einen an den Himmel geworfenen Gruppenegoismus, als einen planungsvollen Terror zur Einschüchterung von Menschen; nicht Freiheit, vielmehr der Kampf gegen die Freiheit ist ein solcher ‚Glaube‘; nicht Menschlichkeit, sondern der Ersatz der Person durch eine geistige, will sagen: ungeistige Behörde ist dieser ‚Glaube‘. Er ist ein Begriffsfetischismus von Redensarten, die in sich selbst wie magisch Gott herbeizaubern sollen. Ein solcher Glaube verwechselt dir Hörsamkeit gegenüber Gott mit Gehorsam gegenüber kirchlichen Institutionen. Von daher muss man die ersten drei Tugenden im Christentum insgesamt anders übersetzen, als sie klingen: Es geht nicht um Glauben, Hoffnung und Liebe, es geht: um Gehorsam, Treue und Pflicht.“ (25)

„Verstehen wir also, was im Namen dieses Mannes Glauben heißen müsste? Verstehen wir, wie sich das Leben von daher ändern würde? Wir hätten mit dem Wort Glauben eine Anwendungsformel zur Lösung so gut wie aller peinigenden Lebensumstände. Sie lautet in etwa: ‚Lass sie doch machen, was sie wollen! Tu das, was du innerlich im Angesicht der Not anderer Menschen für richtig findest. Niemand kann dich daran hindern, es sei denn, du selber nimmst das, was die anderen wollen, unter dem Druck der Angst als Befehl in dich auf. Aber das muss nicht sein. Bleib bei dem, was du selber am deutlichsten fühlst.'“ (32)

„Das Furchtbare ist, dass wir genau wüssten, was richtig ist, aber dann kommt so etwas wie Angst daher und bringt alles durcheinander!. Deshalb muss man vielleicht, um zu glauben, ein bisschen schon doch ‚wissen‘. Man muss zum Beispiel die Geschichte des JESUS VON NAZARETH erzählen. Es war ein einziges Mal in der Geschichte der Menschheit, dass jemand wie der Mann aus Nazareth versuchte, ob’s nicht anders ging. Und das wird nun die alles entscheidende Frage: ob wir es mit ihm für möglich halten, dass es tatsächlich anders ginge, denn anders ist kein Leben! An Fragen dieser Art entscheidet sich’s.“ (34)

» Die Sehnsucht nach einem neuen Weg bringt den Weg nicht hervor. Nur das Beenden des alten Weges kann das erreichen.
Wir können nicht am Alten festhalten und gleichzeitig behaupten, dass wir etwas Neues wollen.
Das Alte trotz dem Neuen;
das Alte verleugnet das Neue;
das Alte schreit das Neue nieder.
Es gibt nur eine Möglichkeit, Neues hervorzubringen. Wir müssen Platz dafür schaffen. «
Neale Donald Walsh, in: Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg, 9.

Verw:ortet im November 2019

Alle Zitate sind entnommen aus: Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

» Das Evangelium ist keine Feuerversicherung für die nächste, sondern eine Lebensversicherung für diese Welt.« (17)

» Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenige Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach ‚experimentelles Wissen spiritueller Dinge‘, im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus der kirchlichen Lehre. « (18)

» Die häufigste Versuchung für uns alle besteht darin, dass wir die Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe und das Praktizieren der richtigen Rituale als Ersatz für jede persönliche, lebensverändernde Begegnung mit dem Göttlichen benutzen. « (21f)

» Ein Priester ist nicht jemand, der weiß, wie man den Regentanz aufführt und der Dürre ein Ende macht. Ein Priester ist jemand, der weiß, wie man begründet, warum der Regentanz erfolglos blieb und warum wir weiter an unseren Gott glauben müssen, obwohl er gegenüber all unseren Gebeten taub zu sein scheint. «
Harari, Yuval Noah (2018): 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, München, 210.

Verw:ortet im Oktober 2019

Alle Zitate sind entnommen aus dem Kapitel „Religion“ in: Harari, Yuval Noah (2018): 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, München. Die Seitenzahlen sind am Ende in Klammen angegeben.

» In den eifernd-geifernden Predigten mancher evangelikaler Pastoren in den USA ist vom Widerstand gegen Umweltgesetze die Rede, während Papst Franziskus im Namen Jesu Christi gegen den Klimawandel mobil macht (wie sich seiner zweiten Enzyklika Laudato si‘ entnehmen lässt). Insofern wird im Jahr 2070 der Hauptunterschied in Umweltfragen vielleicht nur darin bestehen, ob man evangelikaler oder katholischer Christ ist. Selbstverständlich werden Evangelikale gegen jede Einschränkung der Co2-Emissionen sein, während Katholiken der Überzeugung sein werden, dass schon Jesus den Umweltschutz gepredigt hat. « (215f)

» Und so werden Religionen im 21. Jahrhundert keinen Regen bringen und keine Krankheiten heilen, keine Bomben bauen – aber sie werden weiter darüber bestimmen, wer ‚wir‘ sind und wer ’sie‘ sind, wen wir heilen und wen wir bombardieren sollen. « (217)

» Religionen, Riten und Rituale werden so lange wichtig bleiben, wie die Macht der Menschheit auf massenhafter Kooperation beruht und massenhafte Kooperation auf dem Glauben an gemeinsamen Fiktionen basiert. « (222)

» Wir sitzen also ziemlich in der Klemme. Die Menschheit bildet heute eine einzige Zivilisation, und Probleme wie der Atomkrieg, der ökologische Kollaps und die technische Disruption lassen sich nur auf globaler Ebene lösen. Andererseits spalten Nationalismus und Religion unsere menschliche Zivilisation noch immer in verschiedene und oftmals feindliche Lager. « (223)