Vielfalt zulassen und moderieren

Eine Aus- und eine Einsicht vom Haus am Dom, Frankfurt/Main

Mein Arbeitsplatz liegt mitten in Frankfurt. Zwischen den Fundamenten der Kaiserpfalz und dem Museum für Moderne Kunst (MMK), zwischen Dom und Römer, zwischen Amt für multikulturelle Angele- genheiten und der Skyline. Selbstbewusst, wie wir Frankfurter sind, behaupte ich mal, dass es wenig Orte in Deutschland gibt, an denen die Vielfalt unserer Gesellschaft deutlicher wird, als am Standort des Frankfurter Haus am Dom.

Auf das Nebeneinander vieler Positionen kann man unterschiedlich reagieren: Man kann wenigstens am Wochenende das Weite suchen und in stillen ländlichen Regionen oder im Ferienhaus am Bodensee abtauchen, wie das heute Viele tun, die sich das leisten können. Der Boom um das aktuell erfolgreichste Hochglanz-Magazin Landlust spricht davon Bände. Man kann auch in der trubeligen Großstadt ins „innere Exil“ gehen: In den dörflichen Gemeinden am Rande Frankfurts gelingt das noch manch angestammter katholischer oder evangelischer Pfarrei-Dynastie. Zwischen hübsch renovierten Fachwerkhäusern lebt man so, als gäbe es die Kopftuch tragende Frau, das schwule Pärchen oder die Patchwork Familie in der Nachbarschaft nicht. Aber auch in elitären Clubs von Rotariern bis Lions, deren Mitglieder eher im Vordertaunus wohnen als in Frankfurt, hat mancher noch nie einen Hartz-IV Empfänger oder Moslem gesehen, obwohl man hier natürlich über alles Relevante aus erster Hand bestens informiert ist.

Die Provokation der vielen Eigenarten

Man kann sich auch von der Eigenart der vielen anderen, die auf so vielfältige Art anders sind als ich, provozieren lassen. Das geht zum Beispiel durch Radikalisierung und Inszenierung. Nicht selten laufen Menschen über unseren Domplatz, die laute Bekenntnisse oder Beschimpfungen der übrigen Welt vor sich hinsprechen oder -schreien. So als seien die omnipräsenten Gruppen asiatischer Reisender oder die in allen Sprachen der Welt (nur nicht auf Deutsch) sich fröhlich unterhaltenden Jugendlichen auf der Zeil eine Dauer-Provokation, (lat. provocare: hervorrufen), gegen die man anreden oder -schreien muss. Andere schließen sich schrägen game communities an, tragen am Wochenende Manga-Fantasie-Kostüme, schrille Lederkleidung, scheinen als „Trekkies“ gerade dem „Raum- schiff Enterprise“ entstiegen zu sein oder präsentieren sich schlicht in der Tracht ihrer Heimat. Wieder andere konvertieren zum Buddhismus oder zum Islam. Und dann die Gewalttätigen, – Islamisten, Neonazis, Hooligans, die heute unsere Straßen unsicher machen und die Existenz der jeweils anderen am liebsten gewaltsam auslöschen würden. Hier findet die Angst vor den Anderen, das Nicht-Umgeh- en-Können mit Pluralität ihre brutale Spitze.

Und das Internet? Ein friedlicher Ort der freien Information und universalen Verständigung? Oft eher ein Ort, an dem man mit verstörenden Bildern alleingelassen und radikalisiert oder in kleinen Splittergruppen vereinzelt wird.

Verstehen kann ich aber doch nur das Gegenüber, das ich wenigstens ab und zu von Angesicht zu Angesicht sehe. Deshalb streben Viele in die (Groß)- Stadt, ins Stadion, um Körperkontakt aufzunehmen, um sich vor Ort davon zu überzeugen, dass es die Welt und die Menschen noch gibt. Aber auch private Freundeskreise, medizinische und therapeu- tische Dienste werden nicht selten genutzt, um die Anonymität und vielfältigen Überforderungen unse- rer anonymen Metropolen zu bewältigen.

Der politische Rahmen der freiheitlichen Grundordnung

All das ist legitim, sofern es im Rahmen unserer freiheitlichen Grundordnung geschieht, und doch bleibt bei so viel unartikulierter, aber doch empfundener Provokation, bei so viel unverstandenem Nebeneinander die Sehnsucht nach echter Begegnung, nach Zuwendung und Verstehen. Hier hat die moderne Großstadt wenig zu bieten, ja vielleicht die Berliner Republik insgesamt. Der Staat sieht seine Aufgabe in einer immer komplexeren Straßenverkehrsordnung des Pluralitäts-Handlings. Altgediente und überalterte Vereine und Verbände verteidigen ihren angestammten Platz gegen Neuankömmlinge, und Neuankömmlinge plustern sich auf, um den Platz im großen Ganzen zu ergattern, der ihnen zusteht. Nicht selten kommt es da zu Rangeleien, und für alles, was nicht vor dem Kadi landet, gibt es eigentlich wenig Orte, an denen man sich auch gruppenweise kennenlernen, Differenzen benennen und gegeneinander abgleichen, Streitereien schlichten und die Kultur des andern erleben könnte.

Ist es versponnen, hier eine ursprüngliche Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen gläubigen Menschen zu sehen? „Wenn die Mitte fest ist, können die Grenzen offen sein“, heißt es, Jesus hat alle zu sich gerufen, die „mühselig und beladen“ sind. Und ist nicht auch die Vielfalt vielen eine „Last“? „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ sollen die unsrigen sein, schrieben die Konzilsväter in der Konstitution „Gaudium et spes“. Das heißt, es gibt gar keine Trennung zwischen denen da draußen und uns hier in der Kirche. Wir sind längst ein Teil dieser pluralen Gesellschaft. Die Frankfurter Katholiken bestehen zu 30% aus Migranten, und für Muslime sind wir Christen oft die ersten Ansprechpartner, wenn es darum geht, zwischen ihrer konservativen Herkunftsreligion und einer permissiven, wenig kontrollierenden, frei lassenden westlichen Gesellschaft zu vermitteln. „Wie lebt ihr zwischen Pornos und Prüderie, zwischen Bibel und Piercing?“, fragen sie und sind erfreut, Partner oder Paten bei ihrem Ankommen im freien Westen zu finden, den sie selber nur allzu oft als religionsfeindlich und Minderheiten ausgrenzend erleben. Und die vielen Wiederverheiratet-Geschiedenen, Homosexuellen oder sonstwie am Rand unserer Gemeinden Stehenden?

Wir im Frankfurter Haus am Dom wollen ein solcher Ort sein, an dem Pluralität gelebt und Anders- heit verstanden und akzeptiert, ja respektiert wer- den kann. Wir hoffen, damit ein Stück zur Vermei- dung von menschenfeindlicher Radikalität beizutra- gen und wir meinen, dass das ein Teil dessen ist, was Jesus heute von uns will.

Ich scheue mich, das radikal zu nennen. Moderat, moderierend, wohltemperiert, menschen-freundlich möchte ich eine solche Grundhaltung nennen in einer Zeit, in der nur die Radikalen mediale Aufmerksamkeit zu verdienen scheinen.Eine solche Aufgabe käme auch einer Gemeinschaft zu, die sich auf einen Ordensgründer bezieht, des- sen Kloster die Welt und dessen Kreuzgänge die Straßen waren.

Prof. Dr. Joachim Valentin,
Direktor des Hauses am Dom, Frankfurt/Main
Professur für christliche Religions- und Kulturtheorie
an der Frankfurter Goethe-Universität

 

Eine Frage aus Köln: Wie viel Wahrhaftigkeit erträgt die Kirche – und wieviel Kritik erträgt die Welt?

„Ich scheue mich, das radikal zu nennen. Moderat, moderierend, wohltemperiert, menschenfreundlich möchte ich eine solche Grundhaltung nennen in ei-ner Zeit, in der nur die Radikalen mediale Aufmerksamkeit zu verdienen scheinen. Eine solche Aufgabe käme auch einer Gemeinschaft zu, die sich auf einen Ordensgründer bezieht, dessen Kloster die Welt und dessen Kreuzgänge die Straßen waren.“

An Joachim Valentins abschließende Worte möchte ich mit Blick auf unsere Gemeinschaft anschließen. Und in gewisser Weise schon eine Brücke schlagen zum „strukturellen Pharisäismus“, den Thomas Gertler weiter hinten beschreibt.

Für das Frühjahr haben wir in Köln einen Gesprächs- abend für Interessierte aus den Gruppen und dar- über hinaus geplant, der den Titel trägt: „Wieviel Wahrhaftigkeit erträgt die Kirche – und wieviel Kritik erträgt die Welt?“

Wieviel Wahrhaftigkeit erträgt die Kirche?

Der Hintergrund für diesen Abend liegt in Erfahrungen und Begegnungen, die ich an der Hoch- schule und die ich davor auch in den Pfarreien machte. Ich beginne mit einem jungen Mann, der auf mich zukommt und erzählt, dass er katholisch aufgewachsen und erzogen sei, Ministrant war, in der KJG aktiv gewesen sei – und dann konvertiert sei: er wolle seine homosexuelle Veranlagung offen und mit einem Partner leben, und dafür sei in „seiner“ Kirche kein Platz. – Wie würde es uns in den Gruppen ergehen, wenn ein schwules Paar um Aufnahme in eine Gruppe bittet oder einer in der Gruppe erzählt, dass er sich binden möchte, aber eben an einen Mann, oder eine aus der Gruppe an eine Frau? Muss das im Forum Internum der Gruppe bleiben? Wie viel Wahrhaftigkeit erträgt die Kirche, erträgt unsere kirchliche Gemeinschaft? – Oder eine gute Freundin, die mit „Glauben“ nichts mehr anzufangen weiß, der unsere Sprache, unsere Riten und unsere Werte fremd geworden sind, und die dennoch bleibt, hoffend, dass es wieder anders werde, – hält die Kirche, hält unsere Gemeinschaft das aus, können beide solche Wahrhaftigkeit ertragen? Oder (neben vielen guten gelebten Beispielen) die vielen Leidensgeschichten aus den Ehen, Trennungen von Paaren, die beide in der Kirche, in der GCL tätig sind. Ist da Raum für Geschichten des Andersseins, des Zweifelns, des Scheiterns?

Meine feste Überzeugung ist: Wahrhaftigkeit liegt irgendwo zwischen Idealisierung und Resignation. Und ich glaube, dass dazwischen ein wirklich wei- tes Feld ist, auf dem sich das Leben abspielt.

Wenn aus „Werten“ „Normen“ werden …

Eine erste Gefahr, die ich in der Kirche, aber auch in einer geistlichen Gemeinschaft sehe, ist, dass aus den Werten, die der Kirche und den Gemein- schaften ihre Identität geben, Normen werden. Am Beispiel des Gebotes der Nächstenliebe kann ich das gut verdeutlichen. Sie stellt einen der höchs- ten Werte dar, die unsere christliche Religion hat, sie ist „gebotener Wert“, aber schnell wird sie in „genormte“ Formen gebracht. Spätestens, wenn es um die „Exklusivität“ der sexuellen Begegnung geht, sind Mann und Frau damit gemeint. Alles andere ist vielen von uns erst einmal fremd. Es muss aber et- was anderes geben, was zwischen dem Resignieren vor einem „anything goes“ und der Idealisierung liegt. Ich traue mich, eben genau das schlicht „Le- ben“ zu nennen. Und Leben kann auch dann „wert“- voll sein, wenn es nicht immer „genormt“ ist.

Die zweite Gefahr – da schließe ich mich Joachim Valentin an – liegt in der Haltung der „drei Affen“. Nichts sehen, nichts hören, nichts reden, also: Augen, Ohren und Mund verschließen. Das kommt der „Landflucht“, dem „inneren Exil“ nahe, die Joachim beschreibt. Wir sind als Kirche eingeschlossen in unsere Welt der Sprache, der Riten und der Werte, wissen (?!) um deren Richtigkeit und Sinnhaftigkeit und lassen daneben vielleicht mal einen „Ausrutscher“ gelten – aber keine andere „Parallelwelt“. Mir wird das deutlich, wenn es heißt, wir müssten als Kirche „mehr an die Ränder“ gehen. Meine Studentinnen und Studenten machen mir unweigerlich klar, dass ich als Mann der Kirche aus ihrer Perspektive selbst „am Rand“ stünde. Ein wichtiger Schritt wäre es, in der Vielzahl der Lebensentwürfe gut ignatianisch dankbar zu sein, dass ich den meinigen gefunden habe – aber andere Lebensentwürfe erst einmal anerkenne und nicht gleich bewerte. Nur so ist Dialog möglich. Es sind meine und unsere Werte, die wir erst einmal für uns als Norm setzen, um so eine Identität als Gemeinschaft zu finden. Aber „Leben“ – und selbst „Mission“ – meint nicht, anderen etwas „überstülpen“ zu müssen. Hilfreich wäre die Frage, was denn die Werte der anderen sind, die sie sich zur Norm gemacht haben, und dann ins Gespräch zu kommen. Nicht „die Kirche hat eine Mission“, sondern „die Mission hat (auch) eine Kirche“. Nicht „die Kirche hat den Heiligen Geist“, sondern „der Heilige Geist hat (auch) eine Kirche“. Wirklichkeit ist größer, Leben erst recht! Es ist ein geistliches Abenteuer, den Spuren des Geistes Gottes in seiner Schöpfung – und nicht nur in genormten Werten der Kirche – auf die Spur zu kommen. Mein gegenwärtiger Alltag ist voll davon, und die Frucht dessen ist Freiheit, auch wenn es erst einmal Angst und Unsicherheit mit sich bringen kann. Aber wir haben ja die Unterscheidung der Geister!

Jetzt aber: wieviel Kritik erträgt die Welt?

Ich möchte nicht missverstanden werden. Der Idealismus ist der eine Grenzposten, der andere ist die Resignation vor der Haltung des „anything goes“.

Dass der liebe Gott einen großen Tiergarten habe, ist genauso keine Lösung wie die Meinung, alle Flüsse flössen ins gleiche Meer. Es gilt zu unterscheiden und die Unterschiede zu benennen. Es braucht die „Anstrengung des Begriffes“, wie Hegel es nennt.

Wir haben in der Kirche und wir haben in unserer Gemeinschaft ein „Bild vom guten Leben“. Das ist Ziel allen Handelns – in der Philosophie nennt man das eine „teleologische Ethik“, eine Ethik, die ein Ziel (griech.: telos) hat. Beides steht zwischen Idealisierung und Resignation im Dialog mit dem Leben und seinen vielfältigen Erscheinungsweisen. Es gehört zu den „Zeichen der Zeit“, aus dem „Inseldasein“ als Kirche oder Gemeinschaft „aufzubrechen“ – im doppelten Sinne des Wortes – und Kritik zu üben: sowohl an uns fremden, damit erst einmal Angst machenden Weisen, Leben zu erleben und zu gestalten, als auch an unseren eigenen Weisen, unser Leben zu leben und zu gestalten. Der Ort dafür ist der Dialog mit den/dem Anderen, nicht nur mit den/dem Eigenen, zu mir Gehörenden. Und das Ziel ist die Weite, nicht die Enge. Kritik kommt vom Griechischen krinein und meint zuerst „Unterscheidung“. Ziel ist ein Neben- im besten Fall ein Miteinander von Lebensentwürfen, sicher aber nicht ein Über- und Gegeneinander. Die Aussage des andren retten wollen ist nicht nur Auftrag an den, der Exerzitien gibt, das Verstehenwollen aus der eigenen Mitte heraus und über die eigenen Ränder hinweg, und das sich verständlich machen wollen weitet den Radius: den eigenen, den der Gemeinschaft und den der Kirche. – Hier kann ich mit Joachim Valentins Worten nur anfügen: „Ich scheue mich, das radikal zu nennen. Moderat, moderierend, wohltemperiert, menschenfreundlich möchte ich eine solche Grundhaltung nennen…“

Harald Klein, Köln,
(mit Max Guder, Wuppertal,
Gesprächspartner bei „Wieviel Wahrheit erträgt die Kirche“)

7

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere