Vierter Adventssonntag: „Den Frieden erhoffen.“

„… so klein“

Zugegeben, dieser kleine Text aus dem Propheten Micha ist mir sehr ans Herz gewachsen. Wenn ich ihn mir laut vorlese, höre ich aus mir selbst heraus eine große Zartheit in der Stimme: „Aber Du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer heervorgehen, der über Israel herrschen soll.“

An diesem „so klein“ bleibe ich gerne hängen. Wie wohltuend, in einem Zusammensein mit Menschen sich aufgehoben zu wissen, in dem ich „klein“ sein darf. Im Dreiklang von Einatmen. Ausatmen. Weitermachen. ist das der Moment, wo einfach Raum und Zeit ist, nicht sofort, so schnell und so effektiv wie möglich weitermachen zu müssen. Ich darf klein sein, ohne mich klein machen zu müssen. Mein Atmen kann zur Ruhe kommen. Und in diesem Zusammensein kann es sogar geschehen, dass ich in meinem Klein-sein in meiner wahren Größe gesehen werde. Dieses zarte „so klein“ unter und neben all dem und all den anderen geht in meiner Vorstellung einher mit einer zärtlichen Hand, die mich umfasst, annimmt, hält und aufrichtet. Da geht es um das „groß denken“ voneinander, um Weisen von „Größe“, die ich aufgrund meines „Klein-seins“ gar nicht sehe. Im biblischen Bild: wer hätte gerade von diesem kleinen Landstrich Bethlehem-Efrata gedacht, dass aus ihm einer hervorgehen wird, der über Israel herrschen soll?

… aus dir wird mir einer hervorgehen

Die Zusage des Micha geht weiter. Mein Atem kommt zur Ruhe, mein Leben und Erleben, mein Weitermachen auch. Und aus dieser Ruhe wird – so der Bibeltext – dem Herrn einer hervorgehen, der über Israel herrschen wird. Im übertragenen Sinne und auf mein Leben gedeutet: Aus diesen Momenten des Zur-Ruhe-Kommens, in diesen Zeiten des Umfasst-Seins durch mich liebende Menschen und des Aufgehoben-Seins bei Ihnen können Dinge, Haltungen, Bilder und Visionen in mir erwachsen, die sonst keinen Raum finden im zu schnellen Wechsel von Einatmen. Ausatmen. Weitermachen. Die Fragen nach dem „Was ist wirklich wichtig?“, „Was ist jetzt richtig und angemessen?“, „Wohin soll es gehen?“ stellen sich in diesen Umständen neu, und andere, tiefere Antworten zeigen sich. Vielleicht sind Exerzitien solche Zeiten. Begegnungen mit Menschen, mit denen ich verbunden bin, sind es allemal. Die Frage ist: Traue ich dem, was sich in diesen Situationen zeigt? Traue ich einem Gott, der mir sagt: „So klein…“ – und gleichzeitig „aus Dir wird mir einer hervorgehen?“

„Wer bin ich…?“

Das Evangelium illustriert dieses Fragen sehr schön. Die schwangere, die mit und von Gott erfüllte Maria besucht die ebenfalls schwangere Elisabeth. Dann die Bilder der Zartheit: der Gruß Mariens, das Kind in Elisabeth Leib, das vor Freude hüpft, das Erfüllt sein vom Heiligen Geist, und dann die Zusage Elisabeths an Maria: „Gebenedeit bist Du mehr als andere Frauen, und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes“ – doch nur ein anderes Wort für „aus dir wird mir/uns einer hervorgehen“. Und dann Elisabeths: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Das ist genau meine, vielleicht unsere Frage: „Wer bin ich, dass nicht nur die Mutter meines Herrn, sondern dass der Herr selber zu mir kommt? Ich, so klein?“

„Selig, die geglaubt hat…“

Im adventlichen Einatmen. Ausatmen. Weitermachen. mag der letzte Satz des Evangeliums uns ein Schlüsselwort sein: „Selig die, selig, der geglaubt hat, das sich erfüllt, was der Herr ihr/ihm sagen ließ.“ In der Zartheit und Zerbrechlichkeit des Aufgehoben-Seins im Kreis der Vertrauten die eigene Kleinheit sehen und der Größe trauen, die andere, die auch Gott selbst in mir sieht. Zwischen Ein- und Ausatmen, in den Ruhezeiten dazwischen dem trauen, dass Gott zu Bethlehem-Efrata sagt und es als Wort an mich selbst hören: „Aus Dir wird mir einer hervorgehen, aus Dir wird mir hervorgehen, was in meinem Sinne herrschen und regieren soll.“ Das „Wer bin ich“ der Elisabeth zur eigenen Frage machen. Und die Frage mit der Antwort Dietrich Bonhoeffers zu beantworten: „Wer bin ich? Einfaches Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“[1]

Wie mag mein, wie mag Ihr „Weitermachen“ nach diesem Ruhen in und zwischen Einatmen und Ausatmen dann wohl aussehen?

Amen.

 

[1]Den Gesamttext des Gedichtes von Dietrich Bonhoeffer finden Sie und können Sie vorgetragen hören auf https://www.deutschelyrik.de/index.php/wer-bin-ich-14204.html[22.12.2018]

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