04. Sonntag der Osterzeit – Beten, für was ? oder: „Draußen vor der Tür III“

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Berufe? Berufungen? Geistliche? – So what?

Auf der Homepage des Vatikans findet sich seit dem „Josefstag“ am 19. März eine Botschaft von Papst Franziskus zum diesjährigen 58. Weltgebetstag um Geistliche Berufungen mit dem Titel „Der heilige Josef – der Traum der Berufung“. – Das Canisiuswerk, Zentrum für geistliche Berufe in Österreich, nennt den heutigen Sonntag den „Weltgebetstag für geistliche Berufe“. Das deutsche Zentrum für Berufungspastoral mit Sitz in Freiburg umschifft diese Klippen und spricht in seinen Veranstaltungen in diesem Jahr nur vom „Weltgebetstag“ am 24./25.04. Gleichzeitig richtet es aber auch an diesem Wochenende ein 24-Stunden-Gebet um Geistliche Berufungen aus. Also doch.

Die Begriffe sind nicht univok, nicht eindeutig. Wenn Sie „Weltgebetstag“, „geistlich“ und „Berufe“ googlen, finden Sie alles: Welttag, Weltgebetstag, geistliche Berufe, geistliche Berufungen…

Und wenn Sie an diesem Sonntag vom guten Hirten – das Evangelium gab den Namen – eingeladen sind zu beten, dann mal Hand aufs Herz: um was wollen Sie beten und können Sie guten Gewissens beten? Um geistliche Berufe – was auch immer Sie damit verbinden? Um geistliche Berufungen – was auch immer Sie damit verbinden? Um Geistliche – und wieder: was und wen auch immer Sie damit verbinden?

Das „wen auch immer Sie damit verbinden“ ist ein guter Kompass, ein richtungsanzeigendes Erleben. Stellen Sie doch mal einen Menschen in einem „geistlichen Beruf“ vor Ihr geistiges Auge, dem Sie genau das abnehmen, dass er/sie einen geistlichen Beruf ausübt. Und dann jemanden, dem Sie seine/ihr  „geistliche Berufung“ glauben, so, wie sie ihn/sie erleben. Und dann einen „Geistlichen“, eine „Geistliche“. Sind die Bezeichnungen und Zuschreibungen für Ihr Erleben austauschbar? Gibt es Gemeinsames, gibt es Unterscheidendes?

» Die Sehnsucht nach einem neuen Weg bringt den Weg nicht hervor. Nur das Beenden des alten Weges kann das erreichen.
Wir können nicht am Alten festhalten und gleichzeitig behaupten, dass wir etwas Neues wollen.
Das Alte trotzt dem Neuen;
das Alte verleugnet das Neue;
das Alte schreit das Neue nieder.
Es gibt nur eine Möglichkeit, Neues hervorzubringen. Wir müssen Platz dafür schaffen. «
Neale Donald Walsh, in: Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg, 9.

Nicht nur die Hirten, auch die Schafe gehen aus!

Jesus als der „gute Hirt“ – in einem biblischen Agrarzeitalter und in Zeiten, in denen sich die Gesellschaft in Clans und Stämmen organisierte, drückt dieses Bild die Sorge des Hirten um die ganze Herde und um jedes einzelne der Tiere aus. Der „Hirtensorge“ auf der einen Seite (der geistlichen Berufe) steht seitdem in der Kirche die „Herdenmentalität“ der Gläubigen gegenüber. Spätestens mit einem Aufkommen des Individualismus aus der Neuzeit über die Moderne bis in die Postmoderne ist dieses Bild mehr als fraglich geworden. Nicht, dass die Sorge um jemanden, an den ich mich (so herum geht es!) wenden kann, keine Rolle mehr spielt; aber der Mensch von heute sieht sich nicht in der (untergeordneten) Rolle des Schafes oder des Hammels, der sich an den (sich für ihn verantwortlich fühlenden) Hirtenwendet. Die Schafe aus der „Herdenmentalität“ sind mit der Volkskirche größtenteils gestorben oder spielen im „System Kirche“ noch eine systemimmanente Rolle. Die Schafe, die sich nicht unterordnen lassen, verlassen den Stall – Sie wissen: statistisch gesehen tritt alle zehn Minuten ein Katholik am Kölner Amtsgericht aus der Kirche aus. Nicht nur die Hirten, auch die Schafe gehen aus (man beachte die Doppeldeutigkeit dieser Wendung!). Jetzt gilt es: Sind die, die draußen sind, noch „Schafe“?  Denken Sie an den letzten Sonntag: Die Menschen sind noch da, nur anderswo! Um was, um wen also beten?

» Man kann eine Religion wohl am besten daran erkennen, wieviel sie im Menschen bewirkt, wenn sie von Gott spricht. «
Drewermann, Eugen (5. Aufl. 1989): Das Markusevangelium. 1. Teil. Bilder von Erlösung, Freiburg, 171.

Der bezahlte Knecht – und die Berufung zum Geistlichen (subj.)

Im Evangelium unterscheidet Jesus selbst zwischen dem guten Hirten, der sein Leben hingibt für seine Schafe, und dem bezahlten Knecht, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, der die Schafe im Stich lässt und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht. In Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ ist der Protagonist, der Heimkehrer Beckmann, so ein verlorenes Schaf. Ein Teil seiner Herde, elf von zwanzig Soldaten seiner Kompanie, sind umgekommen, er war drei Jahre in Gefangenschaft. Jetzt sucht er den auf, der „Hirt“ für ihn war, seinen Oberst. Der verlacht und verspottet ihn, wirft ihn vor die Tür – Draußen vor der Tür ist fortan Beckmanns Zuhause. Seine Eltern haben sich das Leben genommen und sich so „entnazifiziert“, auch im Ehemaligen Elternhaus findet er keine Zuflucht. Eine Frau Kramer lebt jetzt in der Wohnung, für ihn ist kein Platz. Der einsam Suchende findet niemanden, der ihm Hirte oder Hirtin ist. Ich nehme Beckmann als Platzhalter für viele in unseren Städten und Dörfern. Und in manchen Teilen auch für mich selbst.

Aber jetzt: Seltsam, dass kaum zur Kenntnis genommen wird, dass die, die in sog. geistlichen Berufen arbeiten, größtenteils zunächst einmal bezahlte Knechte (und Mägde) sind. Nicht, dass ich ihnen die Möglichkeit abspräche, dabei auch guter Hirte oder gute Hirtin zu sein, aber zuerst einmal stehen sie in Lohn und Brot der Kirche, sind deren bezahlte Knechte (und Mägde). Das mag aus der Historie anders gedacht sein, aus dem Blick der Moderne und erst recht der Postmoderne ist das so: Kirche als rechtliche Institution, Katechismus als Lebensrichtlinie, Frömmigkeit als Leitkultur. Und die Diskussionen der Gegenwart zeigen sehr wohl, dass auch hier gilt: „Wes Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing“, oder „Man beißt nicht die Hand, die einen füttert“, auch wenn es manchmal guttäte.

Beten um geistliche Berufe – wenn, dann so, dass jemand, der in diesem Beruf steht, wesensmäßig guter Hirt und gute Hirtin sei, der sein oder die ihr Leben hingibt für die Schafe – wobei die Hingabe zu betonen ist, nicht die Schafe. Das Gebet, die Berufung zum Geistlichen ist hier subjektiv zu verstehen: Sie, ja Sie sind gemeint, bringen Sie Ihr Leben in Verbindung mit Christus – und führen Sie Ihr Leben aus dieser Verbindung heraus. Wenn das zu einer Berufswahl führt, dann sprechen wir von einem oder einer Geistlichen – im subjektiven Sinn.

» Wenn wir einmal merken, zu welcher Freiheit wir berufen sind, und wie wenig uns die Kräfte binden, die wir wie unsichtbare Stricke jeden Tag als Sklavenhypothek durch unser Leben schleppen, beginnen wir zugleich zu spüren, welch eine Kraft die Entscheidung für Christus zu vermitteln vermag. «
Drewermann, Eugen (5. Aufl. 1989): Das Markusevangelium. 1. Teil. Bilder von Erlösung, Freiburg, 170.

Der gute Hirte – die Berufung zum Geistlichen (obj.)

Dieses Berufsverhältnis der Knechte, andere Übersetzungen schreiben „Mietlinge“, hat der gute Hirt nicht. Er hat die Berufung, er lebt die Berufung zum Geistlichen in einem objektiven Sinn. Er gibt sein / sie gibt ihr Leben für die Schafe, setzt alles daran, die Seinen / die Ihren zu kennen. Der gute Hirt steht in Beziehung zu den Schafen, er /sie gestaltet sie so, dass Christus der Dritte ist zwischen ihm /ihr und jedem einzelnen Schaf oder der Herde als Ganzes. Deswegen ist sein Ort/ihr Ort auch „Draußen vor der Tür“, da, wo die Menschen sind.

Vielleicht gehört es zur Mündigkeit postmoderner Schafe, dass sie sich ihren guten Hirten, ihre gute Hirtin selbst aussuchen, und dass nicht der berufliche Stand, die Lehre, die persönliche Frömmigkeit und die diversen zusätzlichen Ausbildungen und Qualifikationen, sondern zuerst die pure Erfahrbarkeit des Geistlichen in ihm / ihr das Kriterium des (An-) Vertrauens ist.

Wer so denkt und empfindet, dem werden die Diskussion um Zulassung der Frauen zum „Amt“ seltsam vorkommen; im gesunden Sinne wendet er, wendet sie sich ab von den „Mietlingen, er oder sie geht!

Aber: Wer so denkt und empfindet, der /die ahnt aber auch freudig die wunderschöne Möglichkeit, Geistliche(r) zu werden, schlicht durch den Versuch, das Leben Christus (oder einem/einer anderen, in dem das Leben wohnt) ähnlich werden zu lassen – wissend, dass dieses „schlicht“ eine Lebensaufgabe ist.

» Wenn einige die Welt verlassen müssen,
um sie zu finden,
so müssen andre in die Welt hineintauchen,
um sich emporzuschwingen
mit ihr
zum gleichen Himmel. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

Wofür beten an diesem Sonntag vom guten Hirten?

Jetzt ist es klar. Ich möchte zuallererst beten um Geistliche – im objektiven Sinn. Egal wie alt, egal, welchen Geschlechts, egal, welchen Standes, sogar egal, welcher Konfession, Religion oder Weltanschauung – wenn nur die Ausrichtung auf den Geist, auf das Leben stimmt.

Die Aufgabe des guten Hirten ist es nicht, neue Hirten zu formieren, sondern die Schafe zu hüten, jedes einzelne und die Herde als Ganzes. Wenn der Hirt seinen / die Hirtin ihren Job gut macht, werden die Schafe hoffentlich ihre geistige Mündigkeit erkennen – und Lust daran bekommen, selbst Geistliche zu werden, vielleicht auch guter Hirt oder gute Hirtin.

Geistliche Berufe? Ich bin sicher, die meisten beginnen mit der Vision vom guten Hirten, von der guten Hirtin. Ob sich das hält, oder ob dann daraus im Verhältnis von Brot und Lohn ein Mietling-Verhältnis entwickelt, wird sich zeigen. Verhindern kann man das nur, wenn man selbst Geistliche(r) bleibt, und den Umgang mit anderen Geistlichen sucht – sei es in der Gemeinschaft der Kirche, sei es aber auch gerade außerhalb der Kirche. Auch die Geistlichen sind noch da, aber vielleicht mit und bei den Menschen – anderswo!

Amen.

Köln 23.04.2021
Harald Klein