Was bleibt? – Zur Beisetzung von Horst S.

Was bleibt…

Liebe M., lieber J., liebe Trauergemeinde,

Ihr beiden habt mich gebeten, die Beisetzung von Horst zu begleiten, was nicht ganz einfach ist. Ist man jetzt der Pfarrer, oder darf man auch noch der Cousin sein? Ich will versuchen, in meiner Ansprache beides zu sein.

Da stehen wir hier, sitzen wir hier irgendwie ganz „bedröppelt“, nachdem vor etwas mehr als zwei Wochen Horst aus dem Leben geschieden ist, entschlafen ist – so hieß es früher mal, und wir können sagen: für immer eingeschlafen ist. Zwei Wochen, in denen unglaublich viel organisiert werden muss, besorgt oder irgendwo abgegeben werden muss. Zwei Wochen, in denen man dann gar nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Und alles mündet in diesen Nachmittag, in den Moment, wo die Urne mit dem, was von Horst übriggeblieben ist, beigesetzt wird.

… sind Erinnerungen und Erfahrungen

Aber ist das so? Ist das wirklich so? Ist dieses kleine Häufchen Asche wirklich alles, was von Horst noch übrig ist? Um es einmal philosophisch auszudrücken: Die Antwort auf diese Frage hängt an dem, was wir unter „ist“ verstehen. Ja, wenn man es materialistisch, vom Körperlichen, Stofflichen betrachtet, ist das Häufchen Asche alles, was noch übrig ist. Aber wir Menschen sind nicht nur Materialisten, Gott sei Dank! Was von Horst, was von all unseren Verstorbenen noch „übrig ist“ und „übrigbleibt“, hängt auch an unseren Erlebnissen, Erfahrungen und Erinnerungen, die wir an ihn haben. Da „ist“ auch eine Erinnerung, da „sind“ Erlebnisse – die aber so ganz anders ist als alles Körperliche, als alles Materielle. Da gab es bei Horst auch viel Schweres, da gab es manches Gebrochene, und es gab viel Einsamkeit, die man mit Horst in Verbindung bringen könnte. Aber da gibt es auch viele schöne Erinnerungen. Und die Art und Weise, welche Erinnerungen wir behalten und wie wir sie bewerten, diese Art und Weise entscheidet darüber, was von Horst „übrigbliebt“.

Kindheitserinnerungen an Horst

Ich habe in den vierzehn Tagen oft über Horst und mich nachgedacht und versucht, mich zu erinnern. Ich sehe uns in den Zimmern unserer Oma Streichholzschächtelchen aneinanderreihen und Straßen bauen, wo wir mit unseren Spielzeugautos dann „Spedition“ gespielt haben. Unsere Firma hieß Kleinschmidt & Co, weil Schmidtklein & Co einfach blöd klingt – mir war es sehr recht! Ich sehe uns auf einer kleinen Insel mitten im Bach kurz hinter dem Bauernhof in der Nachbarschaft von Horst und seiner Familie Staudämme bauen, oder auf dem abfallenden Grundstück in Thalheim Winnetou und Old Shatterhand spielen; in unserer Phantasie sind dort Hunderte böser „Rothäute“ erschossen worden. Ich erinnere mich an Bronco, den größten Freund von Horst aus dem Fernsehen, ich erinnere mich an einen alten Teddy, den wir solange hin und her geschmissen haben, bis er sein ihn füllendes Stroh – und damit sein Leben – verloren hatte. Ich weiß nicht, wie oft wir von Niederzeuzheim nach Thalheim oder umgekehrt entlang der Sandgruben gingen – aber niemals, ohne einen Stein auf das Dach der Mühle im Tal geworfen zu haben. Ich erinnere mich an Poker-Runden am Küchentisch zusammen mit J., und ich erinnere mich an die sudetendeutsche Sprache unserer Oma, die J. so herrlich nachahmen kann. Wenn dann der eine oder der anderen „tschuin“ gehen musste, konnte nur wir das verstehen. Und ein guter Stich wurde immer mit einem großmütterlichen „siech och“ kommentiert.

Sich entscheiden, welche Erinnerungen bleiben sollen

Natürlich gibt es dann Entwicklungen, Erlebnisse, Erfahrungen, die all das in ein dunkles Licht stellen können. Aber – wie gesagt – es ist die Entscheidung und die Verantwortung eines jeden, einer jeden von uns, was von Horst „bleibt“.

Das würde ich uns allen gerne mitgeben an diesem Tag: lasst uns eine oder zwei Erinnerungen festhalten, die bleiben sollen. Und lasst sie uns gelegentlich miteinander teilen.

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren…“

Und ein zweites möchte ich gerne mitgeben an diesem Tag: Das Wort Jesu aus dem Evangelium „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Und weiter: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren“: Was für Horst gilt, gilt für jeden Menschen. Man kann ihn oder sie so oder so ansehen, man kann das eine betonen und das andere nicht wahrhaben wollen. Lasst Euch nicht verwirren. Ihr entscheidet, und entscheidet hoffentlich gutherzig, weitherzig, was von Horst übrigbleibt – da gibt es so etwas wie ein „zuallererst“, an das ich denke, wenn ich an Horst denke, und da gibt es den „Rest“. Lasst Euch nicht verwirren.

„Glaubt an Gott, glaubt an mich.“

Und: „Glaubt an Gott, und glaubt an mich“: Was so aussieht, als wäre es die absolute Passivität – wir müssen ihn gehen lassen, wir können nichts mehr tun -, das kann auch ein absolut aktives Tun sein: Wir geben ihn – ganz aktiv – in die Hand Gottes, in die Hand Jesu, der sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Das ist alles andere als Passivität, als bloßes Erleiden. Wir geben Horst mit all dem, was an guten Erinnerungen bleibt, in die Hand Gottes, stellen ihn auf den Weg, der in eine unglaubliche schöne Wahrheit führt und in ein seliges Leben und Erleben führt. Das kann uns keiner nehmen, wenn wir es denn wollen.

Das bleibt!

Was bleibt? Keine Verwirrung, es bleibt Hoffnung. Kein Zorn, keine Wut, und auch nicht nur Traurigkeit, es bleibt frohe und dankbare Erinnerung. Keine Passivität, kein bloßes Erleiden, sondern ein Hinhalten von Horst dem Gott gegenüber, der sagt, er sei Weg, Wahrheit und Leben. Das alles bleibt.

Amen.

Köln, 16.092019
Harald Klein

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