„Was ist Wahrheit?“

Paul Watzlawicks Geschichte vom Hammer

Viele kennen sie, die kleine Geschichte, die so alltäglich klingt und doch eine ganze Welt (v)erschließen kann. Paul Watzlawick erzählt sie in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ (München 1983, 37f): Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mit- menschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht ́s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer“.

„Doch da kommen ihm Zweifel“: Wahrheit und Wirklichkeit

Sehen Sie hier den Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit? Der Mann ist wirklich davon überzeugt, dass es sich auch in Wahrheit so verhält, wie er es sich ausmalt – aber ob es in Wahrheit so ist, kann er nur wissen, wenn er anklopft und fragt. Um die Wahrheit zu erkennen, muss ich manchmal meine Wirklichkeit hinter mir lassen. Man könnte fast sagen: Meine Wirklichkeit schaffe ich mir alleine, für die Wahrheit braucht es mindestens zwei. Die Wirklichkeit baue ich mir alleine zusammen, die Wahrheit hat ein anderer gebaut. In der Philosophie spricht man vom „Konstruktivismus“ und meint damit die Art und Weise, wie ich mir Wirklichkeiten „erschaffe“ und wie sie sich „auswirken.“

Konstruierte Wirklichkeit ist verstellte Wahrheit

Der Mann auf der Suche nach dem Hammer zeigt die Tragik, die auch im geistlichen Leben geschehen kann. Durch die Vermutungen über das, was ich als „Wahrheit“ annehme“ (!), verstelle ich mir den Blick und verschließe ich mir die Ohren der Wahrheit Gottes gegenüber. Ich traue meiner religiös konstruierten Wirklichkeit – und verliere im frommen Tun den Kontakt zum lebendigen und wahren Gott. Man hört in diese Situation hinein Jesus beinahe flehentlich rufen: „Ich bin der Weg, die Wahr- heit und das Leben“ (Joh 14,6), „Ich bin gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“ (18,37) und vor allem das „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (8,32). Und ich verstehe des Pilatus Frage: „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) – nie geht es hier um „Wirklichkeit“!

 Ein erster Impuls, sei er fürs Gebet, sei er fürs Gespräch mit der Gruppe, Joh 8,30-47 zu betrachten und das Verharren in der eigenen konstruierten Wirklichkeit als „Sklaverei“ zu lesen, der Jesus die Wahrheit des Vaters gegenüberstellt.

Den Blick auf die Wahrheit Gottes frei räumen

Denen, die in der GCL und in ihrer ignatianischen Spiritualität zu Hause sind, sind die Mittel gegeben, zur Wahrheit Gottes zurückzufinden und nicht in den Fallen der konstruierten und vermeintlichen „Wirklichkeiten“ über Gott oder über die des eigenen Lebens zu verhaften. Die Exerzitien können verstanden werden als Weg der Umkehr zur Wahrheit Gottes, wie sie sich in Jesus Christus zeigt. Sie sind die immer wiederkehrenden Umkehrprozesse auf die Wahrheit Gottes hin, die mir dann in der Begegnung mit IHM auch die Wahrheit meines Lebens erschließen. Um Wahrheit geht es, um Objektives, um etwas, was galt, gilt, gelten wird. Die Exerzitien führen mich zurück an meinen Ursprung und richten mich von dort her neu aus auf dem Weg im Heute. Alles in der Wirklichkeit, in der Realität meines Lebens bekommt von der Wahrheit Gottes her Ausrichtung und Ziel, auch, wenn es manchmal nicht „schmeckt“! Die Süßigkeiten eine konstruierten Wirklichkeit verlieren oft schnell ihren Geschmack und werden letztlich schal, wenn sie nicht an die Wahrheit Gottes rückgebunden ist.

Und dieses große Rückgebundensein an die Wahrheit durch die Exerzitien wird in den Tagesauswertungen und in den Auswertungsrunden übersetzt ins Alltägliche. Die Auswertung am Ende des Tages kann zeigen, wie sehr die Wahrheit Gottes und wie sehr die konstruierte Wirklichkeit meines Gottesbildes den Tag geprägt hat. Wenn der Mann aus Watzlawicks Erzählung einer aus der GCL wäre: wie sähe seine Tagesauswertung aus?

Ich spüre und erschrecke, welche Kraft meine konstruierte Wirklichkeit hat: Ich gehe schnell meiner Empfindlichkeit, meiner Eitelkeit, meiner Schwermut, meinem Geiz oder meiner Trägheit auf den Leim, im festen Glauben, dass es „in Wahrheit“ doch so sei – und verwechsle Wahrheit mit der selbst gebastelten „Wirklichkeit“.

P. Thomas Gertler SJ unterschied in einer Fürbitte beim Gebundenentreffen im November 2010 zwei Haltungen, die ich hier gerne zitiere: der, der seiner konstruierten Wirklichkeit anhängt, wird ange- sichts der Wahrheit Gottes sagen: „Ja, aber …“; der, der sich einlässt auf die Wahrheit Gottes, sagt: „Aber Ja …!“

Für das Gebet oder das Gespräch in der Gruppe

Welche Kraft gestehe ich – am Ende eines Tages, in einer Auswertungszeit, im Gruppengeschehen – der Wahrheit Gottes zu, wenn ER sagt:

  • Ich bin der Ich-bin-da! (Ex 3,14)
  • Ich habe Dich in meine Hand geschrieben. (Jes 49,16)
  • Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt. (Jer 31,3)
  • Ich habe Dich in Deinem Blut zappeln gesehen und gesagt: Du sollst leben. (Ez 16,6)

    Harald Klein, Köln

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