„Was kann uns scheiden…“

„Geh weg, verlass dieses Gebiet…“

Der Gottesdienst am heutigen Tag hat ein Evangelium, das so gar nicht zu diesem Tag passt – dafür aber eine Lesung, die um so schöner ist. F. spielt heute zum letzten Mal an der Orgel in unserer Kapelle, dann verschlägt ihn das Referendariat nach Krefeld. Im Evangelium kommen einige Pharisäer zu Jesus und sagen zu ihm: „Geh weg, verlass dieses Gebiet, denn Herodes will Dich töten.“ Es käme hier keiner auf die Idee, Dir, lieber F., heute zu sagen: „Geh weg, verlass dieses Gebiet…“, im Gegenteil: wir wären alle glücklich und froh, wenn Du hättest bleiben können, die Schwestern verlieren einen wirklich guten und liebevollen Organisten, und dass Du mir in unserer erweiterten WG sehr fehlen wirst, das weißt Du ja schon. Also, unser Wunsch wäre nicht „Geh weg, verlass dieses Gebiet“, sondern vielmehr die Bitte der Emmaus-Jünger: „Bleib bei uns.“ Sei versichert, dass wir alle mit großer Dankbarkeit und noch größerer Freude auf die gemeinsamen vergangenen Jahre hier in Nippes mit Dir zurückschauen.

Was kann uns scheiden – voneinander, von der Liebe Christi?

Um so schöner passt die Lesung aus dem Römerbrief zu diesem Tag. Paulus stellt die Frage, wer gegen uns sein könne, wenn Gott für uns ist. Und dann noch klarer: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ Interessant ist, dass die Antwort auf diese Frage des Paulus die gleiche ist wie auf die Frage, was uns voneinander scheiden kann.

Paulus holt weit aus: Weder Bedrängnis noch Not, weder Verfolgung, Hunger, Kälte, Gefahr oder Schwert, weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, der uns in Jesus Christus alles, wirklich alles geschenkt hat.

Aber eines vergisst er: Das „Ich“. Wenn ich diese Liebe Gottes nicht will, scheide ich mich von ihr, sage Nein zu ihr. Dasselbe gilt im Moment des Scheidens voneinander. Was kann uns scheiden voneinander. Wenn es stimmt zwischen uns, wenn es ein festes Band der Freundschaft, des Sich-schenkens gibt, kann nur eine Macht diese Verbundenheit trennen: das Ich. Was kann uns scheiden voneinander, wenn wir dieses Geschieden sein nicht wollen, nicht zulassen? Nur das wenig achtsame, die Verbindung schleifen lassende Ich – sonst nichts. So verstehe ich den Paulus, der den Menschen beschreibt, in dessen Herz Gott selbst wohnt.

In Verbindung bleiben

Um die Verbindung mit der Liebe Gottes zu halten, ist das Gebet ein gutes Mittel, ist die Betrachtung des Lebens Jesu und das Meditieren seiner Worte ein bewährtes Mittel. Das braucht Zeit. Um miteinander in Verbindung zu bleiben, mag das Gebet und das gegenseitige aneinander Denken auch hilfreich sein. Mehr hilfreich ist schlicht das Telefon, ist vielleicht eine Excel-Liste mit Namen und Monatsangaben, die eine Stütze dafür sein kann, wenigstens einmal im Monat sich beim anderen zu melden. Das braucht auch Zeit. Für das Gebet und für das Telefonieren gilt aber. Diese Zeit ist gut investiert, sie ist nicht verloren – weil sie den anderen und mich selbst nicht verloren gibt.

Um mit Paulus zu schließen: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ – und sie können uns nicht scheiden voneinander, wenn wir es nicht zulassen.

Amen.

Für F.B.
Köln, 30.10 2019
Harald Klein

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