Weihnachten 2020 – Uns in die Wiege gelegt

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Die Krippe unter dem Baum

Zwei Dinge gibt es, die in meinem Elternhaus im Westerwald an Weihnachten nicht fehlen dürfen. Das eine sind die ersten Weihnachtskugeln, die meine Eltern -beide sind schon lange verstorben – nach dem Bau des kleinen Häuschens in den 50er Jahren an ihrem ersten Weihnachten in eben diesem Haus kauften. Und das zweite ist die kleine Holzkrippe, die angeschafft wurde, als ich so vier oder fünf Jahre alt war, aus dem Quelle-Katalog bestellt, Massenware „Made in China“, aber eben doch unsere Krippe.

Sie ahnen, wie diese Krippe aus dem Katalog aussieht, und wir haben eben im Evangelium gehört, wer oder was alles zu dieser szenischen Darstellung der Geburt Jesu, der Heiligen oder der Weihnacht gehört.

Da ist im Lukasevangelium zuerst die Rede von Josef, dem stillen und treuen Schaffer, dem Träumer, der mehr auf seine Träume als auf die aus seinem Stamm, dem Stamme Davids, hört, der alles dafür tut, dass die Geburt gut gehen kann. Dann ist da als Zweites Maria, die ihr „Ja“ gesagt hat und jetzt mit Gott schwanger geht, die Gott zur Welt bringt – stellen Sie sich das vor, und die in Jesus, dem Sohn Gottes, Gott selbst zur Welt bringt. Dann – drittens – das Jesuskind, „elend, nackt und bloß“ in Windeln gewickelt und einer Krippe liegend. Diese drei sind die Basics, ohne sie ginge es nicht. Und alles andere ist Beiwerk. Als Viertes sind die Hirten da, erst auf freiem Felde, die Nachtwache haltend, die dann, nachdem fünftens der Engel zu ihnen sein „Fürchtet euch nicht!“ gesprochen hat und denen der Chor der Engel das Gloria auf freiem Felde (und nicht bei der Krippe) angestimmt hat, sich aufmachen, um das Kind zu sehen und dann von ihm Kunde zu geben. Hirten und Engel, verstärkendes Beiwerk bei der Krippe, genauso wie sechstens der kräftige und starke, aber auch etwas einfältige Ochse, wie siebtens der störrische und dann doch gehorsame Esel und wie später achtens die drei Weisen. Die mit ihren Geschenken dem Stern gefolgt sind, um den himmlischen König zu finden und ihm Ehrfurcht und Würde zu schenken. Wenn man dem Evangelisten Lukas Glauben schenken will, hat der Engel oder haben die Engel an der Krippe nichts mehr zu suchen, sie seien nach der Begegnung mit den Hirten in den Himmel zurückgekehrt. Aber was wäre die Krippe ohne den lichten Engel?

Sieht Ihre, sieht Eure Krippe auch so aus? Acht Figuren: der stille und treue Schaffer und Träumer Josef; die Maria, die ihr Ja sagte, die mit Gott schwanger geht und die Gott zur Welt bringt; das Jesuskind, elend, nackt und bloß, in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt; ein oder mehrere Engel, die ihre Botschaft den Hirten singen: „Fürchtet euch nicht“ und „Ehre sei Gott und Frieden den Menschen“, ein oder mehrere Hirten, die sich aufmachen, das Kind zu sehen und dann anderen von ihm Kunde zu bringen; der kräftige, starke, aber auch etwas einfältige Ochse; der störrische und dann doch gehorsame Esel und dann – als eine Figur gerechnet – die drei Weisen, die Ehrfurcht und Würde schenken.

» Wer von uns wird Weihnachten recht feiern? Wer alle Gewalt, alle Ehre, alles Ansehen, alle Eitelkeit, allen Hochmut, alle Eigenwilligkeit endlich niederlegt an der Krippe, wer sich hält zu den Niedrigen und Gott allein hoch sein läßt, wer im Kind in der Krippe die Herrlichkeit Gottes gerade in der Niedrigkeit schaut. «
Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), in: London 1933-1935, Werkausgabe, Bd. 13, Gütersloh 1994, 342f.

Was uns mit den Figuren der Krippe verbindet – „Krippenerfahrungen“

Sie werden vielleicht denken: „Na, der erzählt uns ja nichts Neues!“ Und bis hierher haben Sie Recht. Aber gehen Sie einmal einen kleinen Schritt weiter. Ich biete Ihnen dazu die Frage nach Ihrem Gespür dafür an, was Sie mit diesen acht Figuren oder Figurengruppen gemeinsam haben. Die eine mag denken: „Na, so einen Esel oder Ochsen habe ich auch zu Hause!“ Aber da meine ich nicht – da hätten Sie ja nur die beiden, den Ochsen und den Esel quasi abgedeckt. Nein, was haben Sie mit all denen an der Krippe gemeinsam?

Ich biete Ihnen auch meine eigene Antwort auf die Frage an: Denen ist etwas in die Wiege gelegt worden. Damit hat niemand gerechnet, dass so etwas passiert. Keine Angst, ich halte keine Corona-Predigt, aber ist es mit dem Virus nicht ähnlich wie mit der Erzählung von der Krippe, von der Wiege der Weihnacht? Von heute auf morgen ist es da, und wir müssen damit umgehen. Ist das keine „Krippenerfahrung“? Oder das Umgehen mit der Situation der Kirche in Ihrem, in meinem Bistum. Da bleibt nichts, wie es war. Da ist oft das Misstrauen stärker als das Vertrauen, und da wird von Entwicklung gesprochen, wo viele gerne alles beim Alten beließen, und Sie hat keiner gefragt – und wenn doch, dann nicht auf Sie gehört! Ist das keine „Krippenerfahrung“? Oder nehmen Sie Situationen aus der Familie aus dem Kreis der Freundinnen und Freunde und der Gefährtinnen und Gefährten. Da wird Ihnen über Nacht etwas in die Wiege gelegt, und dann heißt es: „Vogel, friss oder stirb.“ Das ist doch eine „Krippenerfahrung“ in Reinform.

Das ist das erste, was uns mit der denen an der Krippe verbindet: „Krippenerfahrungen“! Uns wird von jetzt auf gleich etwas in die Wiege gelegt, und wir müssen damit umgehen, auch wenn wir es uns nicht ausgesucht haben. Das kann ein Virus sein, das können Veränderungen in der Kirche, im Beruf, in der Familie sein, das können Schicksalsschläge im engsten und vertrautesten Kreis sein. (Und nur in Klammern gesagt: ich male hier nicht den Teufel an die Wand; das können auch richtig schöne Überraschungen und Geschenke sein, die mir da in die Wiege gelegt werden.)

»Gloria Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei. - Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes. «
Irenes von Lyon (ca. 135-200 n.Chr.): Adversus Haereses IV, 20, 7.

Was uns mit den Figuren der Krippe verbindet – „Der Hirte in mir“

Das Zweite, was uns mit denen an der Krippe verbindet, ist, dass sie alle in uns leben, Teil Ihres und meines Lebens sind. Die Psychologie spricht von Teilpersönlichkeiten, in der Kommunikationstheorie ist die Rede vom „Inneren Team“. Die Frage ist ganz einfach: Wie reagieren Sie denn auf das, was Ihnen so überraschend in die Wiege gelegt wurde? Und das vielleicht jetzt doch mal in der Frage nach dem Umgang mit Corona.

Da ist der Josef in Ihnen: Nicht viele Worte machen, sich von den Träumen leiten lassen, und anpacken, Lebensmittel kaufen, und Klopapier! Die Bude sichern, da kommt mir keiner rein. Josef schützt Frau und Kind! Und sich selber. Vielleicht ist sein Engagement ein Weg, mit seiner eigenen Angst klarzukommen, wer weiß.

Da ist die Maria in Ihnen: Einwilligen in das, was ist, und in das, was jetzt notwendend ist. Hören, was andere sagen, hören und schauen, wo es Not hat, und sich entscheiden für die Hoffnung; aus der Entschiedenheit zur Hoffnung leben, gegen die Angst und die Unsicherheit anleben.

Da ist der Engel, da sind die Engel in Ihnen: Die Botschaft der Engel ist „Fürchtet Euch nicht!“ und die zweite Botschaft ist „Ehre sei Gott, und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!“ Es ist der Engel, es sind die Engel in Ihnen, die bei aller Unsicherheit mit dem, was Ihnen und uns da in die Wiege gelegt worden ist, der Furcht trotzen, es sind die Engel in Ihnen, die ein „Fürchtet Euch nicht!“ ganz leise und unspektakulär leben. Es sind die Engel in Ihnen, die in der Weise, miteinander umzugehen, ihr „Ehre sei Gott!“ singen. Irenäus von Lyon, ein Kirchenvater des 2. Jahrhunderts sagt: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes.“ (Gloria Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei.“)

Da gibt die Hirten in Ihnen, denen zuvor die Engel erschienen sind. Das mag der Teil Ihrer Persönlichkeit sein, der sich erst einmal ansehen muss, was da in die Wiege gelegt wurde. Und dass es so nah ist. Im Positiven: als ich letztes Jahr zu Weihnachten mit dem Flieger von Köln nach Dresden kann, stiegen wir sofort um, um nach Berlin zu fahren: da wurde uns einen Tag zuvor ein kleiner Elias in die Wiege gelegt. – Nicht im Sessel bleiben, sondern aufstehen und hingehen und schauen, was ist, gleich nebenan; wenn Sie wie ich neben einem Hospiz und einem Intensivkrankenhaus wohnen, können Sie nicht so tun, als sei alles beim Alten! Und dann Kunde geben von dem, was Sie gesehen haben, sich für das Richtige einsetzen, das wäre es, das wären die Hirten in Ihnen.

Da ist vielleicht auch der kräftige, aber etwas einfältige Ochse in Ihnen, der nicht versteht, was da vor sich geht und sich nichts sagen lassen will, und der sich wundert, wenn er angemacht wird, weil er keine Maske tragen will oder weil er meint, seine Grundrechte seien nun doch zu sehr eingeschränkt. Ich kenne keine Krippendarstellung, in der der Ochse steht, er sitzt, er ist und bleibt beharrlich. Und ganz ähnlich ist vielleicht auch der störrische Esel in Ihnen, der schmollt, weil ihm Corona so viel wegnimmt und unmöglich macht, von dem man aber immer die Hoffnung haben darf, dass er irgendwann einsichtig wird und trägt, was da ist, und geht, wohin es Hilfe gibt. Der Esel steht meistens in der Krippendarstellung, er ist im Bereitschaftsmodus!

Und schließlich gibt es den König in Ihnen, gleich dreifach, der Hoffnung hat, der einem Stern folgt, der denen, die ihm begegnen oder die er findet, mit Würde Ansehen schenkt und sie auf ihre Würde hinweist. Haben Sie ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, wenn sich zwei Menschen nicht nur einander würdig erweisen, sondern sich würdig begegnen? Wie gut tut das in Zeiten wie diesen.

Das Zweite, was uns mit den Figuren und Figurengruppe an der Krippe verbindet, ist die Frage: Welche Teilpersönlichkeiten leben da in mir, wer von denen gehört in mein Inneres Team, tönt da laut und lässt andere nicht zu Wort kommen – gerade in solchen Situationen von „Krippenerfahrungen“, die über Nacht kommen und scheinbar die Nacht hereinbrechen lassen – die dann aber auch zur Weihnacht werden kann?

» Zwar ist solche Herzenstube wohl kein schöner Freudensaal;
sondern eine finstre Grube; doch sobald dein Gnadenstrahl
in denselben nur wird blinken,
wird sie voller Sonnen dünken. «
J.S. Bach (1685-1750): Choral Nr 53 aus dem Weihnachtsoratorium

Was uns mit den Figuren der Krippe verbindet – Die Krippe bist du!

Und ein Drittes, vielleicht das Wichtigste in dieser Nacht, in dieser Weihnacht: Wir feiern nichts, was nur imperfektisch wäre, was nur in der Vergangenheit spielte – die Geburt Jesu damals in Bethlehem. Wir feiern präsentisch, etwas, was in der Gegenwart geschieht: Wir feiern die Geburt Christi für uns heute, und noch viel mehr die Geburt Christi in uns heute.  Sie kennen den Spruch von Angelus Silesius: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in Dir, so wärst Du doch verloren.“ Oder den Bach-Choral aus dem Weihnachtsoratorium: „Zwar ist solche Herzenstube wohl keine schöner Freudensaal, sondern eine finstre Grube; doch sobald dein Gnadenstrahl in dieselbe nur wird blinken, wird sie voller Sonnen dünken.“

Das Dritte ist jetzt nichts mehr für die Predigt, das ist Ihrer eigenen Betrachtung, Ihrem Gebet an und vor der Krippe zugehörig, oder auch, wenn Sie sich trauen, dem gemeinsamen Gespräch in der Familie, in der Gemeinschaft, im Freundes- und Gefährtenkreis überlassen. Es geht um die Frage, wie da die Maria in Ihnen, der Josef, der Engel, der Hirte, der Ochse und der Esel und die Könige in Ihnen auf den Jesus schauen, der in Ihrer Mitte, in Ihnen geboren wird, der Mensch werden will, der Fleisch werden will – suchen Sie sich das Wort aus, dass Ihnen am meisten zusagt. Hören Sie auf innere Stimme, z.B. des Ochsen, der zwar voller Energie ist, aber der nicht weiß, wohin damit, an diesem leisen und stillen Abend. Oder auf die Stimme der Maria, die ganz leise ist, und die in ihrem Herzen bewegt oder erwägt, was da in ihr geschieht. (Nochmal etwas in Klammern gesagt: „bewegt“ schreibt man mit „e“ – da geht es um Wege, die Sie mit diesem „Gott ist im Fleische“ gehen; und „erwägen“ schreibt man mit „ä“ – da geht es um Wagnisse, die Sie mit diesem „Gott ist im Fleische“ eingehen.) Wessen Stimme ist laut in Ihnen, wenn es um die Menschwerdung Gottes in Ihnen geht, welche Stimme kommt nicht zu Wort, wozu locken die Stimmen der Vielen?

» Wird Christus tausendmal
in Bethlehem geboren,
und nicht in Dir,
so wärst Du doch verloren. «
Aus: Angelus Silesius (1624-1677): Der cherubinische Wandersmann

Noch einmal: Die Krippe unter dem Baum

Ich habe begonnen mit den Weihnachtsbaumkugeln, die zum ersten Weihnachten in mein Elternhaus eingezogen sind, und mit der kleinen Krippe, die in meiner Kindheit dazukam. Der Kreis soll sich schließen mit dem Blick auf Ihre Krippe, die Sie zu Hause stehen haben, und den acht Figuren bzw. Figurengruppen, die zur Krippe gehören. Da ist einmal die Frage, wie es denen, die da an der Krippe stehen, wohl mit diesem Kind gehen mag. Fühlen Sie sich doch einmal in die Figuren ein. Da ist zum Zweiten die Fragen nach Ihren Krippenerfahrungen: Was ist Ihnen – wie denen in Bethlehem – in den vergangenen Monaten in die Wiege, in die Krippe Ihres Lebens gelegt worden? Schauen Sie sich das eine oder das andere gut an, und schauen Sie, was sich Ihnen zeigt, wenn Sie dabei verweilen. Da ist zum Dritten die Frage, was geschieht, wenn Sie sich selbst als Krippe für Jesu Geburt sehen, weil er in Ihnen Mensch werden will. Wenn Sie ganz still werden, wessen Stimme hören Sie dann in Ihnen? Oder wessen Stimme – bezogen auf die Krippenfiguren – vernehmen die Ihnen Vertrauten, wenn es um Menschwerdung Gottes durch Sie und bei Ihnen geht?

Sie merken, weihnachtlich predigen, weihnachtlich leben mag und seinen Anfang in der Vergangenheit haben. Aber es geschieht gegenwärtig, und es eröffnet Zukunft. Wie Angelus Silesius sagt: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in Dir, so wärst Du doch verloren.“ Machen Sie es wie Maria: Gehen Sie schwanger mit Gott, und bringen Sie ihn zur Welt, bringen Sie ihn denen, die um Ihre Krippe herum stehen, und denken Sie groß dabei.

Amen.

Köln, 17.12.2020
Harald Klein