Wenn doch Christus nur seine Hände darüber hielte…

Eindrücke aus Indien

Ich schreibe diese Predigt um vier und eine halbe Stunde zeitversetzt. Heute früh um 8:00 h indischer Zeit feiert unsere Reisegruppe einen Sonntagsgottesdienst im syro-malabarischen Ritus in einem kleinen Dorf nahe unserem Kloster der Philipp-Neri-Schwestern, wo wir untergebracht sind. Knapp 300 Menschen empfangen uns, wir werden mit Blumen begrüßt, sitzen auf Stühlen – die Gemeinde sitzt auf dem Boden – und lauschen den Wechselgebeten und den Gesängen der feiernden Gemeinde.

Anschließend sind wir in Gruppen zu fünft eingeteilt. Wir besuchen einzelne Menschen und Familien in ihren Häusern. Meine Gruppe wird von Rahul und Neels begleitet, zwei Studenten, die sichtlich aus wohlhabenden Familien kommen. Fünf Kurzbesuche stehen an. Zunächst besuchen wir den Hausmeister der Kirche, des Kindergartens und der Schule, der mit Frau und zwei Kindern in einem unverputzten Haus ohne Fenster lebt. Kokosnüsse werden aufgebrochen, es gibt Kokoswasser zur Begrüßung. Danach sind wir beim Nachbarn, einem Hindu, der mit drei kleinen Kindern, seiner Frau und seiner Mutter eine „Farm“ betreibt: drei Kühe, ein Kälbchen, eine Ziege, ein paar Gänse, ein dunkler Verschlag, durch Zeltbahnen in Zimmer geteilt. Dann zwei Besuche bei einer verwitweten und dann bei einer verstoßenen Frau. Sie leben unter Zeltplanen, die an Baumzweigen aufgehängt sind. Eine von beiden nimmt Brigitta, unsere Älteste, in den Arm, streichelt ihr das Haar, lässt sich am Arm streicheln. Der uns begleitende Franziskaner erzählt ihre Geschichte. Und schließlich besuchen wir ein Ehepaar, dessen Haus vor drei Jahren zusammenfiel, die jetzt unter einer Plane leben. Der Staat versprach einen Neubau, aber bislang geschah nichts. Ameisen auf Lehmfußboden, ich möchte nicht wissen, wie es hier bei einem Regenguss aussieht. – So viel Armut in knapp zweieinhalb Stunden ist mir lange nicht mehr begegnet.

Die Hochzeit von Kana

Und dann das heutige Evangelium. Für mich ist diese kleine Erzählung aus dem Johannesevangelium immer wieder eine der liebsten Geschichten des Neuen Testamentes. Ich habe die Figur des Jesus und der sechs Krüge vor Augen, die in der Leben-Jesu-Ausstellung des Kloster Heiligenbronn nahe Schramberg zu sehen sind. Aber heute klingt das „Herr, sie haben keinen Wein mehr“ wie ein Luxusproblem. Herr, sie haben nicht einmal einen Ofen, fließendes Wasser, eine Toilette, und niemand, der sich sorgt um sie. Meine beiden treuen Begleiter, Rahul und Neels, sagen mir, dass sie auf der anderen Seite des Berges wohnen und hier noch nie waren, hier wohnten ja die Armen. Man gehe dort nicht hin.

Ich frage sie, was diese Armut und ihr Erleben denn bei ihnen auslöse. Sie zucken die Schultern. Die Franziskaner kümmerten sich gut um die Menschen hier, egal, ob es sich um Christen, Moslems oder Hindi handele. Und wir unterstützen die Franziskaner darin, sagen sie.

Wenn doch Christus nur die Hand darüber hielte…

Die Hochzeit von Kana einmal anders: Ich habe seit vielen Jahren meine Freude daran, dass es auf der einen Seite um eine Hoch-Zeit geht, um die Hochzeit zu Kana eben, dass hier das Wunder aber nicht auf ein Jenseits verweist, sondern mitten im Alltäglichen, besser vielleicht: im Werktäglichen geschieht. Heute höre ich das Evangelien aus den wirklichen Niederungen des Lebens, es klingt nach in der Erfahrung tiefster Not, Armut, Einsamkeit und Verlassenheit, die ich unmittelbar nach dem Gottesdienst mache. Es klingt nach in der Freundschaft zu zwei jungen, intelligenten und studierenden Christen, die eben auf der anderen Seite des Berges wohnen, bei den Bessergestellten.

Im Austausch über unser Erleben und über das Evangelium kommen wir überein: Die Krüge mit Wasser sind hier und heute die Krüge, gefüllt mit eben dieser Not, der Armut, der Einsamkeit und der Verlassenheit der Menschen hier. Und wir kommen darin überein, dass sie nur gewandelt werden kann, wenn Christus seine Hände darüber hält.

Wie das aussehen kann, fragen wir uns. Das Erste: Die Dankbarkeit hochschätzen, dass wir „Wein“ statt „Wasser“ haben, das wir uns hier gefunden haben, Zeit, Leben, Träume miteinander teilen können. Das ist das erste, der Motor, die Motivation: unsere Dankbarkeit. Dann das Zweite: Nicht wegschauen, sich berühren lassen, selbst – im wahrsten Sinne des Wortes – berühren. „This are people of us“, sagt Rahul, das sind Menschen, die zu uns gehören. Und dann das Dritte: Es geschehen lassen, dass wir zur „Hand Christi“ werden. Christus hat keine anderen Hände als unsere, so steht es in der Ludgerkirche in Münster. Wir werden keine Häuser bauen können, wir werden die Frau nicht zu ihrem Manne zurückführen können, und wir werden die Zeltplane der alleinlebenden alten Frau nicht mit einem Platz in einem Mehrfamilienhaus ersetzen können. Aber Hinsehen, die Hand geben, Teilen, das geht. Das Leben teilen, „sharing our life“ – wir drei von der anderen Seite des Berges versprechen es uns, Facebook- und WhatsApp-Accounts werden ausgetauscht. Auf diese Weise ist das „sharing our lives“ mit denen, die diesseits des Berges leben nicht getan. Aber Marias Wort an Jesus gilt hier ganz besonders: „Herr, sie haben keinen Wein mehr.“ Es sind die einfachen Menschen, die Diener dessen, der das Fest austrägt, und nicht der Austragende selbst. So bleibt am Ende: In die Einfachheit des Lebens gehen, Hinsehen, Hinhören, Hingehen – das zweite Wort Mariens ist vielleicht das Wichtigste an diesem Sonntag: „Was er Euch sagt, das tut!“

Chipillitode/Kerala/Indien, 20.01.2019
Harald Klein

 

 

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