„Wer glaubst du, das ich bin?“

Wer bin ich für Dich?

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ – Das ist doch mal eine Vorlage für eine Predigt? Aber wie oft werden Sie die schon gehört haben? Da sacken Sie mir gleich in der Bank weg, würde ich so anfangen!

„Wer glaubst du, dass ich bin?“ – Da werden Sie eher hellhörig. Das kennen Sie: Eltern, den Kindern gegenüber, in den wunderbaren Jahren der Pubertät – „wunderbar“ übrigens für beide Seiten! „Wer glaubst du, dass ich bin?“ Sie – ihm gegenüber, oder umgekehrt: er – ihr gegenüber. Der Arbeitnehmer seinem Chef gegenüber – meistens leider nur zu Hause: Wer glaubt der, dass ich bin? So eine Drecksarbeit zu machen, wer bin ich denn?

„Wer glaubst du, dass ich bin?“ – Stellen Sie sich mal ein dreidimensionales Koordinatensystem vor: Länge – Breite – Höhe. Eine Achse gehört Gott Vater, eine Achse gehört Gott Sohn, eine Achse gehört Gott, dem Heiligen Geist. Und alle drei, Vater, Sohn, Geist, fragen Sie genau das: „Wer glaubst du, dass ich bin?“

Die Schnittstelle nennt die Theologie „Trinität“ – spannender sind aber die Außenpunkte der Achsen. Da wohnen nämlich die Extrembilder, die Sie sich von Vater, Sohn, Geist machen, dann, wenn Sie beten, wenn Sie darüber nachdenken oder reden. Und da können große Distanzen dazwischenliegen!

Wenn Gott, der Vater, so fragt…

Stellen Sie sich vor, Gott Vater fragt: „Wer glaubst du, dass ich bin?“ Das wird in jeder Ihrer Lebenssituationen anders klingen, oder? Wie bei einem Pärchen. Wenn die so fragen, kann es einmal ein Kosewort als Antwort sein, zum anderen etwas ganz Abwertendes. Lassen Sie mal die Extreme, lassen Sie sich die Frage von Gott Vater jetzt, hier, heute mal stellen: „Wer glaubst du, dass ich bin?“ Auf der Längsachse kann da links der strenge Gott liegen, der Buch führt über mein Leben, um am Ende auf- und abzurechnen, und rechts mag so ein warmes Gefühl des Aufgehobenseins liegen, das eigentlich keine rechte Kontur hat, sich aber gut anfühlt. Ich biete Ihnen mal meine Antwort an. In Jer 18 gibt es das Töpfergleichnis. Ein Engel lässt den Propheten in die Werkstatt des Töpfers schauen. Wenn das Werk missriet, wirft er den Ton nicht weg, sondern töpfert so lange, bis es die Gestalt gewinnt, die er haben möchte. Gott formt mein Leben, er hinterlässt Eindruck in meinem Leben – solange ich formbar bleibe. Schön, dass jetzt die zwei Domspitzen so in mein Leben eingezeichnet sind!

Wenn Gott, der Sohn, so fragt…

Stellen Sie sich vor, Gott Sohn fragt: „Wer glaubst du, dass ich bin?“ Erinnern Sie sich an die „Jesus bei Tinder“-Predigt aus dem Advent? Welches Profil-Foto von Jesus haben Sie? Da ist links der Weltenrichter, der am Ende die Böcke von den Schafen trennt, und auf der rechten Seite so ein Softie, der alles und jeden versteht; „Jesus, der neue Mann“, hieß mal ein Buch von Franz Alt, oder Jesus, der alle neun Gesichter der Seele aus dem Enneagramm in sich vereint. Ich biete Ihnen auch hier mal meine Antwort an, die eigentlich die von Teresa von Avila ist: „Inneres Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ Jesus als Freund meines Lebens, der da ist, von dem ich weiß, dass er mich will und liebt, der mitgeht, den ich entdecken kann in denen und in dem um mich herum – solange ich mit ihm zusammenkommen will und mit ihm, nach ihm schauend, unterwegs bin.

Wenn der Gott, der Heilige Geist, so fragt…

Und stellen Sie sich vor, der Heilige Geist fragt Sie: „Wer glaubst du, dass ich bin?“ Da ist auf der linken Seite eine Wirkmacht, die in und mit Ihrem Leben macht, was es, was er will, der alle möglichen Situationen auf Sie zukommen lässt und Sie in sie hineinstellt, und den Sie doch irgendwie nie verstehen können. Und da ist auf der anderen Seite eine Wirkmacht in mir, die mich unterscheiden lehrt, in Entscheidung führt und mir Kraft zur Entschiedenheit gibt. Und auch hier biete ich Ihnen mal meine Antwort an. Sie steckt vielfach in den Pfingstliedern: Der Heilige Geist ist für mich der, der Licht in dunkler Nacht gibt, der jedes Herz erhellt, der den Menschen heil und gesund erhält, auch im Dunkel und in der Krankheit, der löst, was in sich erstarrt ist, und wärmt, was kalt und hart ist. Und eine meiner liebsten Antworten steht ebenfalls in einem anderen Pfingstlied, in „Der Geist des Herrn erfüllt die Welt“: „Da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid, Gott lobend: Halleluja!“ – solange ich mich nur führen lasse, mehr Mitgehender als Vorangehender bin, an dem Ort, wo ich bin, in der Situation, in der ich mich vorfinde.

… was ist meine Antwort?

„Wer glaubst du, dass ich bin?“ Gott Vater ist der, der mich formt, der Eindruck in meinem Leben hinterlässt – solange ich formbar bleibe. Gott Sohn ist der, dessen Gegenwart ich suche, einfach weil ich weiß, dass er mich liebt, und den ich in allem und jeder/jedem entdecke – solange ich mit ihm zusammen unterwegs bleibe. Und Gott, der Heilige Geist, ist der, der zum Unterscheiden und zum Entscheiden ruft und der Kraft zur Entschiedenheit gibt – solange ich mich führen lasse. Wo Menschen aus diesem Gott Vater leben, mit diesem Gott Sohn unterwegs sind, in diesem Heiligen Geist leben, da, und nur da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid.

Wenn ich es so sehe, und wenn Sie zu einer guten eigenen Antwort kommen, dann können wir mit Paulus sagen: Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Amen.

Harald Klein, Köln

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