Erster Adventssonntag: Wer ist das „Wir“?

Hilde Domin – Indischer Falter

Ein Gedicht habe ich mir ausgesucht, das mir in diesem Jahr ein Schlüssel sein soll für das „Erschließen“ des Advents. War es in der Heiligen Woche Hilde Domins Gedicht „Bitte“, so ist es in den kommenden Wochen das Gedicht „Indischer Falter“.

Vielleicht sind wir nichts als
Schalen
womit der Augenblick
geschöpft wird.

In einem alten Mann,
der umfällt in Hamburg oder Manhattan
stirbt ein Schmetterling
die blauen Flügel öffnend
– seit dreißig Jahren
in Ankhor-Vath.

Vielleicht wird nichts verlangt
von uns
als ein Gesicht
leuchten zu machen,
bis es durchsichtig wird.

Und das Leuchten dieses einen Gesichts
aufzubewahren
wie der alte Mann
den Glanz seines indischen Falters.
Bis wir hingelegt werden
und alles für immer

erinnern – oder vergessen.[1]

Die Wege gehen im Licht des Herrn

Es ist an diesem ersten Sonntag im Advent vor allem die Zusage und die Aufforderung des Jesaja, auf die ich mich freue und die gut klingt in meinen Ohren. Besonders den Schlusssatz höre ich gern: „Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.“

Drei Fragen laufen da aber im Hintergrund mit:

Da sind zuerst „unsere Wege“. Es geht nicht darum, andere, neue Wege zu gehen, sondern bei den althergebrachten, alltäglichen Wegen zu bleiben. Im Advent meine Wege zu gehen, meint nicht, neue Wege zu suchen, sondern die alten Wege anders zu gehen, sie zu gehen im Licht des Herrn.

Ein Zweites: Was ist da anders? Was geschieht mit meinen Wegen, auf meinen Wegen, wenn ich sie „im Licht des Herrn“ gehe? Ich stelle mir vor, Christus selbst würde mit mir die alltäglichen Wege gehen. Er will meinen Blick lenken auf Menschen, auf Gegebenheiten, die ich bisher übersehen habe. Er bietet mir an, Menschen und Dinge neu schätzen zu lernen. Ich habe die Möglichkeit, das, was ist, in einem anderen Licht zu sehen. Er erhellt meinen Blick.

Und ein Drittes: Ich bin dabei nicht allein. Bei Jesaja ist vom „Haus Jakob“ die Rede, ihnen gilt die Aufforderung oder auch die Einladung. Ich frage mich, wer in dieser Weise mit mir unterwegs ist, oder besser: ich frage andere, ob sie mit mir in diesem Licht die Wege teilen wollen.

Wer ist das „Wir“ – und wie ist das „Wir“?

Gruppen entstehen, weil Menschen gleiche Ziele haben, gleich Werte, gleiche Interessen, oder schlicht, weil sie sich sympathisch sind. Das wäre eine erste heilsame Aufgabe an diesem 1. Advent: Menschen finden, denen Sie ein „Türchen öffnen“, nicht (oder nicht nur), um etwas Schokolade zu teilen, sondern um sich mit ihnen auszutauschen über Ihre Wege, die Sie im Licht des Herrn gehen, und wenn es nur für diese eine Woche ist. In den Begegnungen so miteinander umzugehen, als hätten Sie – um Paulus aus der Lesung im Römerbrief zu zitieren, „den Herrn Jesus Christus als neues Gewand angelegt“ (Röm 13,14a).

Und wie ist dieses „Wir“, wie geht es, dieses „Wir“: Noch einmal Paulus: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit. Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden“ (Röm 13,11). Das ist der Weg des „Wir“: Gegenwärtig sein in dem, was wir tun, ganz da sein, wo wir unsere Wege gehen, im Licht des Herrn. Hilde Domins Gedichtanfang fasst es in vier Zeilen zusammen:

Vielleicht sind wir nichts als
Schalen
womit der Augenblick
geschöpft wird.

So können wir unseren Weg durch diesen Advent gehen, auf Weihnachten zu: als Schale, die den Augenblick schöpft, der sich im Licht des Herrn auf unseren alltäglichen Wegen schenkt. Nicht andere Wege gehen, sondern Wege anders gehen. Schale sein – zum Schöpfen ist mehr als genug da.

Amen.

Köln, 28.11.2019
Harald Klein

[1] Domin, Hilde Domin (1987), Gesammelte Gedichte, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 176.

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