Worte zum Leben: Hermann Hesse, Demian

Die Idee:

„Demian. Die Geschichte einer Jugend“ ist eine von Hermann Hesse 1919 – nach dem Ende des Ersten Weltkrieges -unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichte Erzählung. Hesse stellt die Entwicklung seines Protagonisten vom Zehnjährigen bis zum reifen und selbstreflexivem Erwachsenen dar. Für den Austausch ist es sicher hilfreich, immer wieder den Wechsel in den Ansichten, oft verkörpert durch Sinclair und seinem Freund Demian, später durch dessen Mutter, aber auch durch den Wissenschaftler Pistorius, in den Blick zu nehmen. Die Sachverhalte, die betrachtet werden, die Menschen, die sich hier begegnen, die Welt, in die sie geworfen sind, können verschiedenen gesehen und gedeutet werden. Sinclair lernt, dass es ein Kampf ist, zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu werden.

Die Zitate dienen dem Austausch über das eigene Werden und Gewordensein. Sie sind entnommen aus: Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main.Die sechsseitige Sammlung kann hier  heruntergeladen werden.

Eine gute Zusammenfassung und Gliederung findet sich auf https://de.wikipedia.org/wiki/Demian

Die Zitate:

Aus dem Vorwort:

„Was das ist, ein wirklich lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man jeden von uns mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.“ (7f)

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ (8)

» Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andere weiß das – dann hat er Macht über Dich. Du kapierst? «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 39.

Erstes Kapitel: Zwei Welten

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Zweites Kapitel: Kain

Demians Interpretation des Kain: „‘So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie werden nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß, weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute herumschwätzen, und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine Art Zeichen trugen und anders waren als die meisten Leute.‘ Ich war sehr erstaunt. ‚Und dann glaubst du, dass auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?‘, fragte ich ergriffen. ‚O doch, sicher ist das wahr. Der Starke hat einen Schwachen erschlagen. Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker hat einen Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch nicht. Jedenfalls aber waren die anderen Schwachen jetzt voller Angst, sie beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte. ‚Warum schlagt ihr ihn nicht einfach auch tot?‘, dann sagten sie nicht: ‚Weil wir Feiglinge sind‘, sondern sie sagten: ‚Man kann nicht, er hat ein Zeichen. Gott hat ihn gezeichnet. Etwa so muss der Schwindel entstanden sein.‘“ (31f)

„Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war ein fremder Geist über mich gekommen, ich passte nicht mehr in unsere Gemeinschaft, die so innig gewesen war. Und nach der mich oft ein rasendes Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war, und mich dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, dass ich eine Art von Besessener war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte, dass man für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus, dass ich weder Vater noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären können. Ich wusste, man würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als eine Art Entgleisung angesehen werden, während es doch Schicksal war.“ (36)

Demian im Gespräch mit Emil Sinclair: „‘Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für dich und möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt – du bist also schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst hast. Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andere weiß das – dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?‘ Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder etwas Ähnliches lag darin. Ich wusste nicht, wie mir geschah; er stand wie ein Zauberer vor mir.“ (39)

„Hier ist der Punkt, aus dem sich mir meine Vergesslichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend, aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, passte nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben – auch er war ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen, schlechten Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen. Ich konnte und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen, jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.“ (46)

» Darum muss jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten – ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotenes tun und kann ein großer Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 63.

Drittes Kapitel: Der Schächer

„Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs Neue entdecken musste, dass in mir selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich verkriechen und verstecken musste. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an, als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das passte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind mehr ist. Mein Bewusstsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein Bewusstsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in Träumen, Trieben, Wünschen von unterirdischer Art, über welches jenes bewusste Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in mir fiel zusammen.“ (48)

„‘Ich weiß schon‘, sagte er resigniert, ‘es ist die alte Geschichte. Nur nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen -: hier ist einer von den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann. Es handelt sich darum, dass dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und auch Hohe, das Sentimentale – ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären. Ich habe nichts dagegen, dass man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich meine, wir sollten alles verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht bloß diese künstlich abgegrenzte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich richtig. Oder aber, man müsste sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muss, wenn die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.‘“ (61)

„‘Darum muss jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten – ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotenes tun und kann ein großer Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. – Eigentlich ist es bloß eine Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muss für sich selber stehen.‘“ (63)

» Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte. Warum war das so schwer? «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 94.

Viertes Kapitel: Beatrice

„‘Lieber Sinclair‘, sagte er, ‚es war nicht meine Absicht, die Unangenehmes zu sagen. Übrigens – zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, weiß es schon. Es ist so gut, das zu wissen: dass in uns drinnen einer ist, der alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber.“ (85)

» Alles, was er spielte, war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die Kirchgänger und Pastoren, sondern fromm wie die Pilger und Bettler im Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über allen Bekenntnissen stand. «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 97.

Fünftes Kapitel. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir herauswollte. Warum war das so schwer? Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes zu malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt an Demian gesandt. Wo war er? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, er war mit mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen?“ (94)

„Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals – durch einen ‚Zufall‘, wie man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.“ (95)

„Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche oder ging auf und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe Stunde fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich verwandt zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er spielte, war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die Kirchgänger und Pastoren, sondern fromm wie die Pilger und Bettler im Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt, und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare.“ (96f)

„‘Halt‘, rief Pistorius. ‚Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein, bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er ein Mensch. Sie werden doch nicht alle Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen? Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewusst machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.“ (104)

» Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen! «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 104.

Sechstes Kapitel: Jakobs Kampf

Pistorius zu Sinclair: „‘Sie haben mir erzählt‘, sagte er, ‚dass Sie die Musik darum lieben, weil sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen, und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Seite in sich. Abraxas hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verlässt Sie, wenn Sie einmal tadellos und normal geworden sind. Dann verlässt er Sie und sucht sich einen neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.‘“ (106f)

„Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, dass ich zusammenzuckte. ‚Junge‘, sagte er eindringlich, ‚auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, dass Sie träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich sage Ihnen: leben Sie diese Träume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahre alt, Sinclair. Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen Liebesträume, Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, dass sie sich vor ihnen fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, dass ich in Ihren Jahren meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muss das nicht tun. Wenn man von Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts fürchten und nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.‘“ (108f)

„Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: – es gab für jeden ein ‚Amt‘, aber für keinen eines, das er selber wählen, umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei, wohin er führte. – Das erschütterte mich tief, und das war die Frucht dieses Erlebnisses für mich.“ (124)

„Ich schrieb auf ein Papier: ‚Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!‘ Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah jedesmal, wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wusste das kleine Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.“ (126)

» Heim kommt man nie [...] Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus! «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 136.

Siebtes Kapitel: Frau Eva

„‘Gemeinsamkeit‘, sagte Demian, ‚ist eine schöne Sache. Aber was wir da überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem Voneinanderwissen der Einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben – die Herren für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selbst nicht einig ist. Sie haben Angst, weil sie sich nie zu sich selbst bekannt haben. Eine Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber Angst haben! Sie fühlen alle, dass ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, dass sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre Sittlichkeit, nichts von alledem ist dem angemessen, was wir brauchen. Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen Leute hinkommen! Hoffnungslos! – Lieber Sinclair, aus all dem kann nichts Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun, sind voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem anderen. Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt. Ich spüre, dass es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir, sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt nicht verbessern. Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Russland und Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben. Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und sie wird es.“ (131f)

„Ich hatte nicht gewusst, dass diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, dass mir der Sinn für das da draußen eben verlorengegangen sei, dass der Verlust der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit zusammenhänge, und dass man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit der Seele mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse. Nun sah ich entzückt, dass dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen war und dass es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück Verzichtender die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu kosten.“ (134)

Demians Mutter zu Sinclair: „‘Heim kommt man nie‘, sagte sie freundlich. ‚Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.‘“ (136)

„‘Man muss seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man festhalten wollen.‘“ (138)

„Unsere Aufgabe war, in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich ist, welche das völlige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten anderer sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche ‚das Zeichen‘ an sich trugen.“ (140)

„Als ich einst mehrere Tage wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte. ‚Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich weiß, was sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, dass Sie der Erfüllung in sich ganz gewiss sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muss alles überwunden werden.“ (144)

»Liebe muss nicht bitten, [...] auch nicht fordern. Liebe muss die Kraft haben, in sich selbst zur Gewissheit zu kommen. Dann wird sie nicht mehr gezogen, sondern zieht. «
Hesse, Hermann (1996): Demian, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen Bd.3, Frankfurt/Main, 144.

Achtes Kapitel: Anfang vom Ende

„Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen Qualen herumzuschlagen, dass diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, dass dies der Vorklang jener neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wusste wohl, es konnte nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder alleine stehen, ganz allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.“ (152)

Demian zu Sinclair, nachdem klar ist, dass es einen Krieg geben wird: „‘Aber du wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein.’“ (154)

Köln, 19.07.2020
Harald Klein

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