Worte zum Leben: Hermann Hesse, Siddartha

Inhalt

Siddhartha, die Legende von der Selbstbefreiung eines jungen Menschen aus familiärer und gesellschaftlicher Fremdbestimmung zu einem selbständigen Leben, zeigt, dass Erkenntnis nicht durch Lehren zu vermitteln ist, sondern nur durch eigene Erfahrung erworben werden kann. „Ein Buch, dessen Tiefe in der kunstvoll einfachen und klaren Sprache verborgen liegt, einer Klarheit, die vermutlich die geistige Erstarrung jener literarischen Philister aus dem Konzept bringt, die immer so genau wissen, was gute und was schlechte Literatur ist. Einen Buddha zu schaffen, der den allgemein anerkannten Buddha übertrifft, das ist eine unerhörte Tat, gerade für einen Deutschen. Siddhartha ist für mich eine wirksamere Medizin als das Neue Testament.“(Henry Miller)

Quelle: https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID2816256.html [05.08.3030]

Die Zitate sind entnommen aus: Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 155-270.

Eine inhaltliche Zusammenfassung findet man auf https://de.wikipedia.org/wiki/Siddhartha_(Hermann_Hesse)[05.08.2020]

Die Zitate:

Erster Teil

Erstes Kapitel: Der Sohn des Brahmanen

Die Liebe des Freundes Govinda zum weisen Siddartha, die die Liebe von dessen Vater und Mutter übersteigt: „Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der Brahmanensohn. Er liebte Siddarthas Auge und holde Stimme, er liebte seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte alles, was Siddartha tat und sagte, und am meisten liebte er seinen Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen glühenden Willen, seine hohe Berufung. Govinda wusste: dieser wird kein gemeiner Brahmane werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Händler mit Zaubersprüchen, kein eitler, leerer Redner, kein böser, hinterlistiger Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen. Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane, wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddartha folgen, dem Geliebten, dem Herrlichen. Und wenn Siddartha einstmals ein Gott würde, wenn er einstmals eingehen würde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein Speerträger, sein Schatten.“ (158)

„Siddartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte begonnen zu fühlen, dass die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govinda, nicht immer und für alle Zeit ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen werde. Er hatte begonnen zu ahnen, dass sein ehrwürdiger Vater und seine anderen Lehrer, dass die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und beste schon mitgeteilt, dass sie ihre Fülle schon in sein wartendes Gefäß gegossen hatten, und das Gefäß war nicht voll, der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz war nicht gestillt.“ (159)

Siddartha erbittet und erzwingt sich die Erlaubnis seines Vaters, zu den Waldmönchen, den Samanas zu gehen. Er „durchsteht“ eine ganze Nacht, bleibt am Ort stehen, im Regen, in der Kälte, wird tun, was der Vater ihm aufträgt, („Siddartha wird tun, was der Vater ihm sagen wird“, S. 164) ist bereit, zu sterben. Der Vater lässt ihn schließlich ziehen. Govinda zieht mit ihm.

» Lange Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit am Ende, um dies zu lernen, o Govinda: dass man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich, in der Tat jenes Ding nicht, das wir Lernen nennen. Es gibt, o mein Freund, nur ein Wissen, das ist überall, das ist Atman, das ist in mir und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben: dies Wissen hat keinen ärgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen.«
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 170.

Zweites Kapitel: Bei den Samanas

„Eisig wurde sein Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler handeln, Fürsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, Huren sich anbieten, Ärzte sich um Kranke bemühen, Priester den Tag für die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mütter ihre Kinder stillen – und alles war nicht dem Blick seines Auges wert, alles log, alles stank, alles stank nach Lüge, alles täuschte Sinn und Glück und Schönheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter schmeckte die Welt, Qual war das Leben.“ (165f)

„Vieles lernte Siddartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, durch das freiwillige Erleiden und Überwinden des Schmerzes, des Hungers, des Durstes, der Müdigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal verließ er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom ich hinwegführten, ihr Ende führte doch immer zum Ich zurück.“ (167)

„‘Ich leide Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedürstet, immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda, wäre es ebenso gut, wäre es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen, wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hätte. Lange Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit am Ende, um dies zu lernen, o Govinda: dass man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich, in der Tat jenes Ding nicht, das wir Lernen nennen. Es gibt, o mein Freund, nur ein Wissen, das ist überall, das ist Atman, das ist in mir und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben: dies Wissen hat keinen ärgeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen.‘“ (170)

Govinda weist Siddartha auf den erschienenen Buddha hin und ermuntert, zu ihm zu gehen.

„‘Mögest du doch auch des anderen dich erinnern, das du von mir gehört hast, dass ich nämlich misstrauisch und müde gegen Lehre und Lernen geworden bin, und dass mein Glaube klein ist an Worte, die von Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene Lehre zu hören – obschon ich im Herzen glaube, dass wir die beste Frucht jener Jahre schon gekostet haben.‘ Sprach Govinda: ‚Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe wir sie vernommen, und schon ihre beste Frucht erschlossen haben?‘ Sprach Siddartha: ‚Lass diese Frucht uns genießen und das weitere abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die schon jetzt dem Gotama verdanken, besteht darin, dass er uns von den Samanas hinwegruft! Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf lass uns ruhigen Herzens warten.‘“ (173f)

Nachdem Siddartha durch seinen Blick und seine Haltung den alten Samana beim Abschied gütig gestimmt hat:

„Unterwegs sagte Govinda: ‚O Siddartha, du hast bei den Samanas mehr gelernt als ich wusste. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich wärest du dort geblieben, du hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen.‘ ‚Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen‘, sagte Siddartha. ‚Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufriedengeben.‘“ (174f)

» Das ist es, was Siddartha bei den Samanas gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt. Nichts wird von Dämonen bewirkt; es gibt keine Dämonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er fasten kann. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 201.

Drittes Kapitel: Gotama

„So wandelte Gotama der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe, an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen, kein Nachahmen, kein Bemühen zu erkennen war, nur Licht und Frieden.“ (177)

„Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene, lehrte die vier Hauptsätze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen, hell und still schwebte seine Stimme über den Hörenden, wie Licht, wie ein Sternenhimmel.“ (178)

Siddartha sucht das Gespräch mit Gotama und bringt seine Fragen vor:

„‘Du hast die Erlösung vom Tode gefunden. Sie ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und – so ist mein Gedanke, o Erhabener – keinem wird Erlösung zuteil durch Lehre! Keinem, o Ehrwürdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen können, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtung! Vieles enthält die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie, rechtschaffen zu leben, Böses zu meiden. Eines aber enthält die so klare, die so ehrwürdige Lehre nicht: sie enthält nicht das Geheimnis dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als ich die Lehre hörte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft fortsetze – nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn ich weiß, es gibt keine, sondern um alle Lehre und alle Lehrer zu verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals aber werde ich dieses Tages gedenken, o Erhabener, und dieser Stunde, da meine Augen einen Heiligen sahen.‘“ (183f)

Nachdem sich Govinda von Siddartha verabschiedet hat, weil er bei Gotama und im Hain bleibt:

„Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddartha, beraubt hat er mich und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist. Geschenkt aber hat er mir Siddartha, mich selbst.“ (184)

Viertes Kapitel: Erwachen

„Als Siddartha den Hain verließ, in welchem der Buddha, der Vollendete, zurückblieb, da fühlte er, dass in diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfüllte, sann er im langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser ließ er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien es ihm, das eben ist Denken, und dadurch alleine werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.“ (184)

„‘Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehrer. Bei mir selbst will ich lernen, will ich Schüler sein, will ich mich kennenlernen, das Geheimnis Siddartha.‘“ (186)

„Regungslos blieb Siddartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug lang fror sein Herz, er fühlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefühlt. Nun fühlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddartha, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern gehörte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zählte und mit ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine Zuflucht fand, und auch der verlorene Einsiedler im Walde war nicht einer und allein, auch ihn umgab Zugehörigkeit, auch er gehörte einem Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Mönch geworden, und tausend Mönche waren seine Brüder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddartha, wo war er zugehörig? Wessen Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er sprechen“ (187f)

» So zu gehorchen, nicht äußerem Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 191.

Zweiter Teil

Fünftes Kapitel: Kamala

„Schön war die Welt, wenn man sie betrachtete, so ohne suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen.“ (189)

„All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war nicht dabei gewesen. Jetzt aber war er dabei, er gehörte dazu. Durch sein Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.“ (190)

Siddartha sinnt über Gotama nach: „Er hatte eine Stimme gehört, eine Stimme im eigenen Herzen, die ihm befahl, unter diesem Baum Rast zu suchen, und er hatte nicht Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu gehorchen, nicht äußerem Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.“ (191)

Nach der Begegnung mit der Kurtisane Kamala und dem ersten Kuss: „‘Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier führt‘, dachte Siddartha. ‚Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, mühsam und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles leicht, leicht wie der Unterricht im Küssen, den mir Kamala gibt. Ich brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele, sie stören einem nicht den Schlaf.‘“ (200)

„‘Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst, so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist es, wenn Siddartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddartha tut nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne sich zu rühren; er wird gezogen, er lässt sich fallen. Sein Ziel zieht ihn an sich, denn er lässt nichts in seine Seele ein, was dem Ziel widerstreben könnte. Das ist es, was Siddartha bei den Samanas gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie meinen, es werde durch die Dämonen bewirkt. Nichts wird von Dämonen bewirkt; es gibt keine Dämonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er fasten kann.‘“ (201)

Kamala vermittelt Siddartha den Kontakt zum Kaufmann Kamaswami, bei dem er erfolgreich den Kaufmannsberuf erlernt du einige Jahre bleibt.

Sechstes Kapitel: Bei den Kindermenschen

Kamaswami in der Auseinandersetzung, ob Siddartha bleiben kann: „‘Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische.‘ – ‚Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du gelernt hast, das du kannst?‘ – ‚Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.‘ – ‚Das ist alles?‘ – ‚Ich glaube, es ist alles.‘“ (203)

Zum Wesen der „Kindermenschen“: „Kamaswami betrieb seine Geschäfte mit Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddartha aber betrachtete dies alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemüht war, dessen Inhalt aber sein Herz nicht berührte. Nicht lange war er in Kamaswanis Haus, da nahm er schon an seines Hausherrn Handel teil. Täglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte, besuchte er die schöne Kamala, in hübschen Kleidern, in feinen Schuhen, und bald brachte er auch Geschenke mit. Vieles lehrte ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte, geschmeidige Hand. Ihn, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu neigte, sich blindlings und unersättlich in die Lust zu stürzen wie ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, dass man Lust nicht nehmen kann, ohne Lust zu geben, und dass jede Gebärde, jedes Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glück bereitet.“ (204f)

Siddartha gerät in Zweifel: „Er sah die Menschen auf eine kindliche und tierhafte Art dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie sich mühen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren, er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen wehklagen, über die der Samana lächelt, und unter Entbehrungen leiden, die ein Samana nicht fühlt.“ (207f)

„‘Du bist der beste Liebende‘, sagte sie nachdenklich, ‚den ich gesehen habe. Du bist stärker als andere, biegsamer, williger. Gut hast du meine Kunst gelernt, Siddartha. Einst, wenn ich älter bin, will ich von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen. Ist es nicht so?‘ – ‚Es mag wohl so sein‘, sagte Siddartha müde. ‚Ich bin wie du. Auch du liebst nicht – wie könntest du sonst die Liebe als eine Kunst betreiben? Die Menschen von unserer Art können vielleicht nicht lieben. Die Kindermenschen können es; das ist ihr Geheimnis.‘“ (210)

Siebtes Kapitel: Sansara

„Lange Zeit hatte Siddartha das Leben der Welt und der Lüste geliebt, ohne ihm doch anzugehören. Seine Sinne, die er in heißen Samana-Jahren ertötet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die Kluge, richtig erkannt. Immer war es die Kunst des Denkens, des Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben, wie er ihnen fremd war.“ (210f)

Siddarthas Neid und Zorn auf die Kindermenschen: „Langsam nur, zwischen seinen wachsenden Reichtümern, hatte Siddartha selbst etwas von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer Kindlichkeit und von ihrer Ängstlichkeit. Und doch beneidete er sie, beneidete sie desto mehr, je ähnlicher er ihnen wurde. Er beneidete sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit, welche sie ihrem Leben eizulegen vermochten, um die Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Ängste, um das bange, aber süße Glück ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre Kinder, in Ehre oder Geld, in Pläne oder Hoffnungen verliebt waren diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer öfter, dass er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegenblieb und sich dumm und müde fühlte. Es geschah, dass er ärgerlich und ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen langweilte. Es geschah, dass er allzu laut lachte, wenn er im Würfelspiel verlor. Sein Gesicht war noch immer klüger und geistiger als andre, aber er lachte selten, und nahm einen um den deren jene Züge an, die man im Gesicht reicher Leute so häufig findet, jene Züge der Unzufriedenheit, der Kränklichkeit, des Missmutes der Trägheit, der Lieblosigkeit. Langsam ergriff ihn die Seelenkrankheit der Reichen.“ (212f)

» Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das törichste stets am meisten verachtet und verhöhnt hatte: die Habgier. Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schließlich eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last geworden. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 213.

„Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das törichste stets am meisten verachtet und verhöhnt hatte: die Habgier. Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schließlich eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddartha in diese letzte und schnödeste Abhängigkeit geraten, durch das Würfelspiel. Seit der Zeit nämlich, da er im Herzen aufgehört hatte, ein Samana zu sein, begann Siddartha das Spiel um Geld und Kostbarkeiten, das er sonst lächelnd und lässig als eine Sitte der Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefürchteter Spieler, wenige wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsätze.“ (213f)

„Wie wenn einer, der allzuviel gegessen und getrunken hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh ist, so wünschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von Ekel sich dieser Genüsse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens und dem Erwachen der ersten Geschäftigkeit auf der Straße vor seinem Stadthause war er eingeschlummert, hatte für wenige Augenblicke eine halbe Betäubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen Augenblicken hatte er einen Traum:  Kamala besaß in einem goldenen Käfig einen kleinen goldenen Singvogel. Von diesem Vogel träumte er. Er träumte: dieser Vogel war stumm geworden, der sonst stets in der Morgensonne sang, und da dies ihm auffiel, trat er vor den Käfig und blickte hinein, da war der kleine Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute von sich geworfen. Aus diesem Traum auffahrend, fühlte er sich von tiefer Traurigkeit umfangen. Wertlos, so schien es ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben dahingeführt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches oder Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er und leer, wie ein Schiffbrüchiger am Ufer.“ (216f)

„Da wusste Siddartha, dass das Spiel zu Ende war, dass er es nicht mehr spielen konnte. Ein Schauder lief ihm über den Leib, in seinem Innern, so fühlte er, war etwas gestorben. Jenen ganzen Tag saß er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend, Govinda gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen müssen, um ein Kamaswami zu werden? Er saß noch, als die Nacht angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er: ‚Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten.‘ Er lächelte ein wenig – war es denn notwendig, war es richtig, war es nicht ein törichtes Spiel, dass er einen Mangobaum, dass er einen Garten besaß“ (218)

Siddartha verlässt noch in derselben Nacht die Stadt und geht zum Fluss. Die Nachricht erhaltend, öffnet Kamala den Käfig und lässt den kleinen Singvogel fliegen, bald darauf stellt sie fest, dass sie ein Kind von Siddartha erwartet, wie sie es sich gewünscht hatte.

» Langsam blühte, langsam reifte in Siddartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was eines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können. Langsam blühte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der Welt, Lächeln, Einheit. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 254.

Achtes Kapitel: Am Flusse

„Siddartha wanderte im Wald, schon fern von der Stadt, und wusste nichts als das eine, dass er nicht mehr zurückkonnte, dass dies Leben, wie er es nun viele Jahre geführt, vorüber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war.“ (219)

„Müdigkeit und Hunger hatten ihn geschwächt, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn, zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr als diese tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wüsten Traum von sich zu schütteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem jämmerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.“ (220)

Siddartha trifft Govinda auf dem Weg zum Krankenbett des Gotama: „Govinda sprach: ‚Du sagst, du pilgerst, und ich glaube dir. Doch verzeih, Siddartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du trägst das Kleid eines Reichen, du trägt die Schuhe eines Vornehmen, und dein Haar, das nach wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar eines Pilgers, nicht das Haar eines Samanas.‘  – ‚Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge. Doch habe ich nicht zu dir gesagt, dass ich ein Samana sei. Ich sagte: ich pilgere. Und so ist es: ich pilgere.‘ – ‚Du pilgerst‘, sagte Govinda. Aber wenige pilgern in solchem Kleide, wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich, der ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen.‘ – ‚Ich glaube dir, mein Govinda. Aber nun heute hast du einen solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande. Erinnere dich, Lieber: vergänglich ist die Welt der Gestaltungen, vergänglich, höchst vergänglich sind unsere Gewänder, und die Tracht unserer Haare, und unsere Haare und Körper selbst. Ich trage die Kleider eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn ich bin ein Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und Lüstlinge, denn einer von ihnen bin ich gewesen.‘ – ‚Und jetzt, Siddartha, was bist du jetzt?‘ – ‚Ich weiß es nicht, ich weiß es so wenig wie du. Ich bin unterwegs. Ich war ein Reicher und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein werde, weiß ich nicht.‘ – ‚Du hast deinen Reichtum verloren?‘ – ‚Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhandengekommen. Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen., Govinda. Wo ist der Brahmane Siddartha? Wo ist der Samana Siddartha? Wo ist der Reiche Siddartha? Schnell wechselt das Vergängliche, Govinda, du weißt es.‘ Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge. Darauf grüßte er ihn, wie man Vornehme grüßt, und ging seines Weges.“ (224-226)

Nach einem Impuls, sich am Fluss und im Fluss das Leben zu nehmen: „Lange noch hätte er bei Kamaswami bleien können, Geld erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch mästen und seine Seele verdursten lassen, lange noch hätte er in dieser sanften, wohlgepolsterten Hölle wohnen können, wäre dies nicht gekommen: der Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener äußerste Augenblick, da er über dem strömenden Wasser hing und bereit war, sich zu vernichten. Dass er diese Verzweiflung, diesen tiefsten Ekel gefühlt hatte, und dass er ihm nicht erlegen war, dass der Vogel, die frohe Quelle und Stimme in ihm doch noch lebendig waren, darüber fühlte er diese Freude, darüber lachte er, darüber strahlte sein Gesicht unter den ergrauten Haaren.“ (229)

„Nun sah er, dass die heimliche Stimme in ihm recht gehabt hatte, dass kein Lehrer ihn je hätte erlösen können. Darum hatte er in die Welt gehen müssen, sich an Lust und Macht, an Weib und Geld verlieren müssen, hatte ein Händler, ein Würfelspieler, Trinker und Habgieriger werden müssen, bis der Priester und Samana in ihm tot war. Darum hatte er weiter diese hässlichen Jahre ertragen müssen, den Ekel ertragen, die Sinnlosigkeit eines öden und verlorenen Lebens, bis zum Ende, bis zur bitteren Verzweiflung, bis auch der Lüstling Siddartha, der der Habgierige Siddartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer Siddartha aus dem Schlaf erwacht. Auch er würde alt werden, auch er würde sterben müssen, vergänglich war Siddartha, vergänglich war jede Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddartha, und war voll Freude.“ (230f)

Neuntes Kapitel: Der Fährmann

Siddartha wendet sich dem Fährmann Vasudeva zu, um von ihm zu lernen. „‘Es ist so, wie ich dachte. Der Fluss hat zu dir gesprochen. Auch dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist gut, das ist sehr gut. Bleibe bei mir, Siddartha, mein Freund. Ich hatte einst eine Frau, ihr Lager war neben dem meinen, doch ist sie schon lange gestorben, lange habe ich allein gelebt. Lebe nun du mit mir, es ist Raum und Essen für beide vorhanden.‘ – ‚Ich danke dir‘, sagte Siddartha, ‚ich danke dir und nehme an. Und auch dafür danke ich dir, Vasudeva, dass du mir so gut zugehört hast! Selten sind die Menschen, welche das Zuhören verstehen, und keinen traf ich, der es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir lernen.‘ – ‚Du wirst es lernen‘, sprach Vasudeva ‚aber nicht von mir. Das Zuhören hat mich der Fluss gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er weiß alles, der Fluss, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch das hast du schon vom Wasser gelernt, dass es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme Siddartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte Brahmane Siddartha wird ein Fährmann: auch dies ist dir vom Fluss gesagt worden. Du wirst auch das andere von ihm lernen.‘ – Sprach Siddartha, nach einer langen Pause: ‚Welches andere, Vasudeva?‘ – Vasudeva erhob sich. ‚Spät ist es geworden‘, sagte er, ‚lass uns schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du wirst es lernen, vielleicht auch weißt du es schon. Sieh, ich bin kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch nicht zu denken. Ich verstehe nur zuzuhören und fromm zu sein, sonst habe ich nichts gelernt. Könnte ich es sagen und lehren, so wäre ich vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein Fährmann, und meine Aufgabe ist es, Menschen über diesen Fluss zu setzen. ‚“ (234f)

„Mehr aber, als Vasudeva ihn lehrte, lehrte ihn der Fluss. Von ihm lernte er unaufhörlich. Vor allem lernte er von ihm das Zuhören, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geöffneter Seele, ohne Leidenschaften, ohne Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.“ (236)

„Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund der Worte, selten gelang es Siddartha, ihn zum Sprechen zu bewegen. ‚Hast du‘, so fragte er ihn einst, ‚hast du auch vom Flusse jenes Geheime gelernt: dass es keine Zeit gibt?“ – Vasudevas Gesicht über zog sich mit einem hellen Lächeln. ‚Ja, Siddartha‘, sprach er. ‚Es ist doch dieses, was du meinst: dass der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall, zugleich, und dass es für ihn nur die Gegenwart gibt, nicht den Schatten Zukunft?‘ – ‚Dies ist es‘, sagte Siddartha. ‚Und als ich es gelernt hatte, da sah ich mein Leben an, und es war auch ein Fluss und es war der Knabe Siddartha vom Manne Siddartha und vom Greis Siddartha nur durch Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddarthas frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart.‘“ (236)

Die am Schlangenbiss sterbende Kamala zu Siddartha: „Ihn anblickend, sagte sie: ‚Nun sehe ich, dass auch deine Augen sich verändert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran denn erkenne ich noch, dass du Siddartha bist? Du bist es, und du bist es nicht.‘ Siddartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren. ‚Du hast es erreicht?‘ fragte sie. Du hast Friede gefunden?‘ Er lächelte und legte seine Hand auf ihre. ‚Ich sehe es‘, sagte sie, ‚ich sehe es. Auch ich werde Friede finden.‘ – ‚Du hast ihn gefunden‘, sprach Siddartha flüsternd.“ (242)

Zehntes Kapitel: Der Sohn

Nach dem Tode Kamalas nimmt Siddartha seinen gleichnamigen Sohn mit zu Vasudeva an den Fluss. Der Junge sträubt sich gegen die Lebensweise der beiden Alten. Vasudeva spricht mit dem Vater über seine Erziehung: „‘Sage mir, mein Lieber, du erziehst deinen Sohn nicht? Du zwingst ihn nicht? Schlägst ihn nicht? Strafst ihn nicht?‘ – ‚Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht.‘ – ‚Ich wusste es. Du zwingst ihn nicht, schlägst ihn nicht, befiehlst ihm nicht, weil du weißt, das Weich stärker ist als Hart, Wasser stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich. Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, dass du ihn nicht zwingst, nicht strafst? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner Liebe? Beschämst du ihn nicht täglich, und machst es ihm noch schwerer, mit deiner Güte und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den hochmütigen und verwöhnten Knaben, in einer Hütte mit zwei alten Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren Gedanken nicht seine sein können, deren Herz alt und still ist und anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen, nicht gestraft?‘“ (245f)

„In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen ganz verlieren und hingeben können, sich selbst vergessen, Torheiten der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und dies war, wie ihm damals schien, der große Unterschied gewesen, der ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war, nun war auch er, Siddartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren, einer Liebe wegen en Tor geworden. Nun fühlte auch er, spät, einmal im Leben diese stärkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt kläglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas reicher.“ (248)

» In dieser Stunde hörte Siddartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen, hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, das einverstanden ist mit dem Fluss des Geschehens, mit dem Strom des Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der Einheit zugehörig. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 259.

Elftes Kapitel: Om

„Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende der gewöhnlichen Art übersetzte, Kindermenschen, Geschäftsleute, Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wünschen geleitetes Leben, er fühlte wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen seien seine Brüder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und Lächerlichkeiten verloren das Lächerliche für ihn, wurden begreiflich, wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswürdig. […] Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer blinden Treue, ihrer blinden Stärke und Zähigkeit. Nichts fehlte ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine einzige Kleinigkeit, eine einzige winzige kleine Sache: das Bewusstsein, den bewussten Gedanken der Einheit allen Lebens.““ (253)

„Langsam blühte, langsam reifte in Siddartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was eines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können. Langsam blühte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der Welt, Lächeln, Einheit.“ (254)

„Siddartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz in Zuhören vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fühlte, dass er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehört, diese vielen Stimmen im Fluss, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von männlichen, sie gehörten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen der Wissenden, Schrei des Zorns und Stöhnen der Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und verknüpft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluss des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddartha aufmerksam diesem Fluss, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle hörte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das große Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hieß Om: die Vollendung.“ (258)

„In dieser Stunde hörte Siddartha auf, mit dem Schicksal zu kämpfen, hörte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht blühte die Heiterkeit des Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, das einverstanden ist mit dem Fluss des Geschehens, mit dem Strom des Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Strömen hingegeben, der Einheit zugehörig.“ (259)

» Auch bei ihm, bei deinem großen Lehrer, sind mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen. Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im Leben. «
Hesse, Hermann (1996): Siddartha. Eine indische Dichtung, Reihe „Die Romane und die großen Erzählungen, Bd.4, Frankfurt/Main, 267.

Zwölftes Kapitel: Govinda

Govinda hört von dem berühmten Fährmann am Fluss und macht sich auf, ihn zu suchen. Er findet Siddartha, ohne ihn zu erkennen, Siddartha weiß jedoch, wen er vor sich hat. „‘Wohl bin ich alt‘, sprach Govinda, ‚zu suchen aber habe ich nicht aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine Bestimmung. Auch du, scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir ein Wort sagen, Verehrter?‘  Sprach Siddartha: ‚Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen haben? Vielleicht das, dass du allzuviel suchst? Dass du vor Suchen nicht zum Finden kommst?‘ – ‚Wie denn?‘, fragte Govinda. ‚Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht; dass er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat ein Sucher, denn deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht.“ (260)

„‘Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welcher ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.‘“ (262)

„‘Die Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich, alle Säuglinge den Tod, alle Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen möglich, vom anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Weg sei, im Räuber und Würfelspieler wartet Buddha, im Brahmanen wartet der Räuber. Es gibt in der tiefen Meditation die Möglichkeit die Zeit aufzuheben, alles gewesene, seiende und sei werdende Leben als gleichzeitig zu sehen, und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahman. Darum scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sünde wie Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles muss so sein, alles bedarf nur meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden Einverständnisses, so ist es für mich gut, kann mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele erfahren, dass ich der Sünde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust, des Strebens nach Gütern, der Eitelkeit und bedurfte der schmählichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen, um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von mir gewünschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von mir ausgedachten Art der Vollkommenheit, sondern sie zu lassen, wie sie ist, und sie zu lieben und ihr gerne anzugehören. – Dies, o Govinda, sind einige von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen sind.‘ (263f)

Siddartha zu Govinda, mit Blick auf Gotama: „‘Auch bei ihm, bei deinem großen Lehrer, sind mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger als sein Reden, die Gebärde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen. Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im Leben.‘“ (267)

„Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts wusste, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der innigsten Liebe, der demütigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.“ (270)

Köln, 01.07.2020
Harald Klein

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