Zeichenhandlungen Jesu

Die Kraft der ersten Worte

Wenn Menschen ein erstes Interesse aneinander finden, wenn der oder die eine „ein Auge auf die oder den andren wirft“, werden sie sich einander in irgendeiner Art annähern. Blicke, Gesten, ein beinahe zufälliges Zusammenstehen oder Zusammenkommen am gleichen Ort – aber am spannendsten ist dann der Moment, wo der eine die andere anspricht. Die ersten Worte: wie ist der Klang der Stimme? Welche Worte wählt der, der anspricht, und welche der oder die, die antworten? Der erste (auch akustische) Eindruck zählt und stellt Weichen für den weiteren Fortgang der Geschichte! Die ersten Worte überbrücken eine Distanz und stellen eine erste direkte und beidseitige Nähe her.

„Die Zeit ist erfüllt…“-„Warum sucht ihr mich?“-„Was sucht ihr?“-„Lass es nur zu!“

Es lohnt, unter diesem Aspekt einmal mit den ersten Worten Jesu zu beten, die uns die Evangelisten überliefern. Im Markusevangelium ist es Mk 1,15: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe! Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Jesus stellt eine Nähe her zwischen denen, die ihm zuhören, und dem Kommen des Reiches Gottes. Erst später   werden die ihm Zuhörenden verstehen, dass die Nähe zu ihm, die er anbietet, die Erfüllung dieser Verheißung beginnen lässt. – Im Lukasevangelium sind die ersten Worte Jesu im Jerusalemer Tempel bei der Wallfahrt der Heiligen Familie notiert. Der zwölfjährige Jesus ist verschwunden Die Eltern suchen ihn, und auf den Vorwurf seiner Mutter: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ antwortet er: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Auf den ersten Blick scheint es um den Tempel zu gehen. Aber lassen Sie sich doch einmal von dem „in dem, was meinem Vater gehört“ betend ansprechen, und dann fragen Sie sich, wo Sie Jesus suchen. Da wird Ihnen manchen ganz neu ganz nahekommen! – Im Johannesevangelium sind wohl die bekanntesten „ersten Worte“ zu finden. In Joh 1,37f sieht Jesus sei Jünger, die ihm folgen und fragt sie: „Was sucht ihr?“, und sie antworten: „Rabbi, wo wohnst Du?“ mit den drei Worten „Kommt und seht!“ Hier geht es um ein ganz klares Angebot, einen Weg mit ihm und in seiner Nähe zu gehen. Wieder gilt für das Gebet die Frage: wohin werden Sie kommen, wenn Sie Jesus auf seinem Weg begleiten, anstatt ihn zu bitten, Ihren Weg mit Ihnen zu gehen?

Nähe zulassen

Für das Themenheft „Dimensionen des Christseins: Nähe“ schlage ich Ihnen aber besonders die ersten Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium zur betenden Betrachtung vor. Sie finden sich in der Perikope von der Taufe Jesu in Mt 3,13-15. Johannes der Täufer sieht Jesus auf sich zukommen. Er will sich von Johannes taufen lassen, er will das nicht zulassen und sagt zu Jesus: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortet ihm: „Lass es nur zu! Nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen.“

Lesen Sie, beten Sie mit diesen wenigen Versen einmal aus der Perspektive des Täufers. Es sind dann nicht Sie, der/die die Nähe Jesu sucht. Im Gegenteil: Jesus kommt auf Sie zu. Nicht Sie suchen die Nähe zu Jesus, sondern Jesus sucht die Nähe zu Ihnen. Wie viele Gründe aus Ihrer Sicht sprechen wohl dagegen, dies zuzulassen? Und welche Gründe werden Sie – wie der Täufer – anführen, dass das doch nicht geschehen kann? Und doch, die Kraft die in diesen ersten Worten liegt, ist einladend und überwältigend zugleich: „Lass es nur zu!“ Mehr braucht es nicht!

Nähe zulassen, das kann nicht nur Jesus gegenüber eine Herausforderung sein. Nähe denen gegenüber zulassen, die mir vertraut und lieb sind, na klar! Aber mir Menschen, Situationen, Informationen nahekommen lassen, die mir nicht passen – da muss man sich abgrenzen, auf Distanz gehen. Dem soll hier gar nicht widersprochen werden. Aber die Frage ist, wie eng Sie die Grenzen der Wahrnehmung und damit die Grenzen der Nähe ziehen. Können Sie einem Menschen nahe bleiben, auch dann, wenn Sie von seinen Schattenseiten erfahren und sie vielleicht an sich selbst erleben? Können Sie zulassen, dass Menschen andere Wege gehen, als Sie es sich gedacht und erhofft haben? Können Sie Wahrheiten aus Politik und Gesellschaft so annehmen, dass sie Sie berühren und einen Impuls, eine Antwort in Ihnen hervorruft? Oder machen Sie dann dicht?

Jesus und die Fremden

Ist Jesus Ihnen nur dort nahe, wo Sie von sich aus gewohnt sind, ihn zu suchen und zu finden? Oder darf er Ihnen entgegenkommen, ganz unerwartet und ungewohnt, etwa in den Herausforderungen, die sich in Ihrem Leben zeigen, in Ihrer Familie, in Ihrer Verwandtschaft und Ihrer Nachbarschaft, in Ihrer Stadt und in der Gesellschaft, deren Teil Sie sind? Darf er Ihnen jenseits des Vertrauten auch im Fremden entgegenkommen wie der Besessene aus dem heidnischen Gerasa (Mk 5,1-20), wie der römische Hauptmann Jairus oder wie die ihm fremde blutflüssige Frau (Mk 5,21-43), wie die Sünderin im Haus des Pharisäers Simon (Lk 7,36-50) oder wie die kanaanäische Frau (Mt 15,21-28). Es sind alles Menschen, die ihm fremd sind oder die so anders leben, als es seinen Vorstellungen, seinem Glauben, selbst seiner Kultur entspricht. Und doch: immer ist es hier Jesus, der die Nähe des/der Fremden zulässt, um so die Gerechtigkeit ganz zu erfüllen, die Gott fordert. Hören Sie dann Jesu „Lass es nur zu!“?

„Wer nur halb liebt, liebt gar nicht“ (Erich Fried)

In seinem Gedicht „Dich“ schreibt Erich Fried: „Wer nur die Hälfte liebt / der liebt dich nicht halb / sondern gar nicht / der will dich zurechtschneiden / amputieren / verstümmeln.“ Vielleicht vermag das Gebet mit diesen ersten Worten Jesu bewirken, dass Sie Jesus nicht nur „halb“ lieben, sondern Ihre Grenzen weit(er) machen. „Lass es nur zu!“, sagt Jesus dem Johannes und Ihnen. Das Gebet des Jabez in 1 Chron 4,10 mag betende Antwort auf diesen Anruf Jesu sein: „Mögest du mich segnen und mein Gebiet erweitern!“

Harald Klein, Köln

Quellenhinweis: Das Gedicht „Dich“ von Erich Fried ist entnommen aus https://www.deutschelyrik.de/index.php/dich-1277.html [19.11.2017]

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