Zeugnis des Lebens – Rupert Neudeck (1939-2016)

Vier Bücher

Vier Bücher habe ich mir ausgeliehen, um mich Rupert Neudeck nähern zu können. Alle vier Bücher zeigen auf ihrem Titel einen älteren Herrn mit weißem Haar und weißem Bart, mit wachem Blick und einer Art Entschlossenheit, die aus dem Buchdeckel herausspringt. Neudecks Bart ist als „Schifferkrause“ rasiert, dieselbe Form hatte Abraham Lincoln, und Neudeck symbolisiert damit so etwas wie einen Kapitän. In der Lektüre bestätigt sich das – Rupert Neudeck ist der Kapitän seines Lebens, zeitlebens und stets mutig unterwegs dorthin gewesen, wohin „es“ ihn gerufen hat, wer auch immer und was auch immer dieses „es“ gewesen sein mag. Dem soll hier nachgegangen werden.

„Ich habe mich gesund studiert.“

In Danzig 1939 geboren, wird die Flucht im Januar 1945 mit Mutter, drei Brüdern und einer Schwester in den Westen zu einem Erlebnis, dessen Bilder zeitlebens gegenwärtig sind. Die Familie findet in Hagen zusammen, hier macht Neudeck 1958 das Abitur. Stets und ständig auf der Suche nach einem – noch recht unbestimmten – „Mehr“, beginnt Neudeck das Studium der Philosophie, der Germanistik, der Soziologie und der Theologie, um es 1961 abzubrechen. Jesuit möchte er werden; in diese Zeit fallen Bußübungen mit einem Bußgürtel und andere Demutsübungen, die für Neudeck eine Art „Mutprobe“ zu sein scheinen, die er für Christus auf sich nimmt und immer wieder in einem Übermaß erfüllt. Weil der Orden und die Institution Kirche sich für Neudeck zu wenig der Wirklichkeit der Welt öffnen, verlässt er den Orden und nimmt das Studium in Münster wieder auf. 1972 promoviert er in Münster mit einer Arbeit über Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus. In den Auseinandersetzungen, wo sein Platz sei, sagt Neudeck von sich selbst: „Ich habe mich gesund studiert“ (39). Die Existenzphilosophie von Albert Camus, die selbstlose Hilfe des Dr. Rieux aus Camus‘ Werk „Die Pest“ werden dem 33jährigen Philosophen zu einem Vorbild. Neudeck findet eine Anstellung bei der Katholischen Funkkorrespondenz in Köln und wechselt 1977 als Redakteur zum Deutschlandfunk.

In dieser Zeit begegnen ihm, den Redakteur, Menschen, die in Politik, in Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche Verantwortung tragen. Neudeck spricht sich gegen jedes Herumhantieren aus, es geht ihm um die Radikalität des Lebens. „Radikal leben heißt: Leben ohne Randbemerkungen, verzichten auf gescheite Einwände und lange theoretische Phrasen, heißt: es jetzt tun. Radikal leben heißt: Leben von der Wurzel her. Und wenn die Bäume in den Himmel wachsen, sich immer noch an die Wurzel erinnern. Von dort her kommt die Kraft“ (45).

Zunehmend wird Neudeck politischer. „In dieser Zeit habe ich die Politik entdeckt. Ich habe entdeckt, dass man Radikalität nicht nur gegen sich selbst richten, sondern auch auf die Welt- und Europapolitik übertragen muss.“ (54)

Die Boat People und Hilfsorganisation Cap Anamur

Diese Haltung trägt Frucht. Auf die Nachricht über die Not vietnamesischer Flüchtlinge im Südchinesischen Meer 1979 lies Neudeck sofort den Kontakt mit dem Kölner Schriftsteller Heinrich Böll aufnehmen; zusammen mit Neudecks Frau Christel und Heinrich Böll kam er mit der Aktion „Ein Schiff für Vietnam“ diesen Flüchtlingen zu Hilfe, drei Jahre später erwächst aus dieser spontanen und gesellschaftlich sehr unterstützen Hilfe die Hilfsorganisation Cap Anamur. Jenseits aller staatlichen und kirchlichen Hilfen können in diesen Jahren mehr als 10.000 Menschen, sog. „Boat people“ gerettet werden. Anlässlich des 30jähirgen Jubiläums zur Motivation seines Handelns sagt Neudeck: „Ich möchte nie mehr feige sein. Cap Anamur ist das schönste Ergebnis des deutschen Verlangens, niemals wieder feige, sondern immer mutig zu sein.“ (Quelle: Wikipedia)

„Grünhelme“ bauen auf

Ein zweites ebenfalls international auftretendes Unterfangen geht auf die Gründung Neudecks zurück. Gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, rief Neudeck 2003 das Internationale Friedenskorps der Grünhelme ev. Ins Leben. Drei Aufgaben haben die „Grünhelme“: sich in islamischen Ländern in interreligiösen Teams zu engagieren, z.B. Christen, Muslime, Menschen guten Willens und ohne Bekenntnis; Inhalte des Islam und seiner Kultur bekannt zu machen und Ängste vor dem Islam abzubauen.

Es zeichnet Neudeck aus, dass er zur Unterstützung seiner Projekte einen gesellschaftlichen Rückhalt eher sucht als einen politischen oder kirchlichen. Ein wenig resigniert sagt er: „Die Kirchen hatten seit der französischen Revolution die entscheidenden gesellschaftlichen Entwicklungen verschlafen. Öffentlichkeit, Kommunikation, Demokratie, demokratische Gesellschaften, Transparenz – das alles war den Kirchen fremd. Der katholischen Kirche noch mehr als der evangelischen“ (49).

„… die Institutionen zur Not ertragen.“

Immer wieder kritisiert Neudeck die Starrheit und Unbeweglichkeit der Institutionen. Gleichzeitig ist er mit einigen Politiker und Bischöfen gut befreundet. Auf die Frage, wie das zusammenginge, antwortet er: „Ich würde mir auch wünschen (…), dass es auch eine wirkliche Umkehr der Kirche und in der Kirche gibt, die das alles, die Institution, hinter sich lässt. Das ist anarchisch, das weiß ich. Ich werde es meinem theologischen Lehrer in Münster, Johann Baptist Metz, nie vergessen, dass er mit das beigebracht hat. Die Botschaft von Jesus trägt einen Großteil von Anarchie in sich. Nicht Hierarchie, sondern Anarchie. Und da ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass es das eines Tages geben kann, kann ich diese Institution zur Not ertragen“ (78).

Es ist dieses „anarchische Moment“, den zu erfassen und zu gestalten Rupert Neudeck zu einem mutigen Menschen werden lässt. Ob es nun der Wechsel vom Lehramtsstudium zum Eintritt in das Noviziat der Jesuiten war, später dann der Wechsel von der kirchlichen „Funkkorrespondenz“ zum Deutschlandfunk, ob es die Botschaft von den geflüchteten „Boat People“ war und die direkte Überlegung, er müsse da etwas unternehmen: Rupert Neudecks Wunsch und Erwartung an sein Leben „Ich wollte mitgestalten“ (24) setzt sich immer wieder durch, wird zur Triebfeder seines Lebens. Und das ist eine Sache, die nur ihn angeht; seine Ehefrau Christel unterstützt ihn dabei, geht mit und trägt die gemeinsam gefassten Aktionen mit.

Albert Camus und sein „Dr. Rieux“

Zwei Momente des französischen Existentialismus stehen für diese Haltung Pate. Wie oben erwähnt: Rupert Neudeck hat sich in Philosophie promoviert mit einer Arbeit zum Thema „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“. Zeitlebens war die Hauptfigur des von Albert Camus geschriebenen Roman „Die Pest“ für Neudeck ein ihn treibendes und begleitendes Vorbild. Dieser „Dr. Rieux“ half den Menschen in der von der Pest befallenen Stadt Oran in Algerien, so gut er konnte, ohne auf Religion, Stand oder Herkunft zu achten. Dr. Rieux verkörpert einen Humanismus und eine Art von Solidarität, die sich Rupert Neudeck zu eigen macht. Mutig ist dieser Humanismus und diese Solidarität aus einem zweifachen Grund: Sie helfen, sie verändern Verhältnisse, oft auf die beschriebene anarchische Weise. „Institutionen sind mir egal“ (76), Neudeck setzt auf mehr auf einzelne Menschen denn auf Institutionen, die diesen Humanismus und diese Solidarität mit ihm teilen. Und In Heinrich Böll, im Limburger Bischof Franz Kamphaus und in Politikern wie Norbert Blüm, Heinrich Geißler und Ernst Albrecht findet er diese Weggefährten.

Ein Wort aus einem Interview mit Jean-Paul Sartre, das Rupert Neudeck am 31.01.1979 in Paris führt, wird von Neudeck im Anschluss an Camus immer wieder zitiert: „Man muss sich schämen, allein glücklich zu sein“ (58). Diese Scham ist für ihn eine Haltung, aus der heraus alles humanistische Arbeiten, alles humanistische Tun entspringt. Und noch einmal taucht Sartre bei ihm auf. In aller Freiheit geht Rupert Neudeck diese mutigen Schritte, und auf das hin gefragt, was denn Freiheit für ihn bedeute, zitiert er eben Sartre: „Freiheit ist das, was ich aus dem mache, was aus mir gemacht worden ist.“ (vgl. 11).

„Wie stellst Du Dir Dein weiteres Leben vor?“

Rupert Neudeck ist da, wo Flucht gegenwärtig ist, mit all den schmerzhaften und unschönen Gesichtern, die sie hat, hoffend auf genau diesen beschriebenen Humanismus und die damit einhergehende Solidarität, zu der er anstiftet. , Neudeck besucht die palästinensischen Autonomiegebiete, seine Reisen führen ihn nach nach Kurdistan, nach Afghanistan, nach Syrien. Er arbeitet als Beiratsmitglied in der Gesellschaft für bedrohte Völker mit, ist wach gegenüber Menschenrechtsverletzungen aller Art und allerorts.

Wie stellst du dir dein weiteres Leben vor?“ (116), fragt der Publizist Michael Albus 2015 für sein Buch Rupert Neudeck. Es ist nicht der lang ersehnte Lebensabend in Afrika, es ist auch nicht die Rückkehr nach Danzig, an den Ort seiner Kindheit, oder ein gemeinsames Projekt mit zweihundert jungen Afrikanerinnen und Afrikanern, die in Deutschland ausgebildet werden sollen, um dann zurückzukehren. Im Interview reißt Neudeck viele Ideen an, schaut gerne und mit einem lachenden Auge zurück, und für sein eigenes Sterben hat er zwei Wünsche: „Deswegen wäre es schön, das Leben würde damit enden, wir könnten endlich einmal davon absehen, wer wir eigentlich sind. Ob wir Deutsche oder Polen oder Franzosen sind. Wenn es gelingt, dass wir demnächst Europäer sind, dann wäre mir schon sehr viel wohler“ (119) . Und der zweite Wunsch: „Der eigentliche Friedensschluss ist am Ende die Versöhnung mit mir selber. Das ist die entscheidende Wende im Leben eines Menschen. Sonst wird er ganz verrückt.“ (122).

Rupert Neudeck stirbt am 31. Mai 2016 an den Folgen einer Herzoperation, er ist auf dem Friedhof in Spich, einem Ortsteil von Troisdorf nahe Siegburg, beerdigt.

Literatur:

Die Zitate sind entnommen aus Albus, Michael (2015): Rupert Neudeck. Man muss etwas riskieren. Menschlichkeit ohne Kompromisse, München (Seitenangaben in Klammern)

Sonstige Literatur:

Neudeck, Rupert (2016): In uns allen steckt ein Flüchtling. Ein Vermächtnis, München.

Neudeck, Rupert (2007): Abenteuer Menschlichkeit. Erinnerungen, Köln.

Neudeck, Rupert (2005): Die Flüchtlinge kommen. Warum sich unsere Asylpolitik ändern muss, 2005.

 

Köln, 01.04.2020
Harald Klein

 

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