Zum Menschsein berufen – an der Seite Jesu

Von Selbstbildern und Zuschreibungen

Sie hören sie oft, oder Sie sagen sie selbst, Sätze wie: „Der ist alt.“ Oder: „Die ist alleinerziehend.“ Oder: „Der ist arbeitslos.“ Vielleicht auch: „Die sind geschieden.“ Oder: „Der ist nicht von hier.“ Und mit solchen Sätzen geht dann ein Kopfkino los, Schubladen gehen auf, und die, von denen man spricht, sind abgestempelt.

Schlimm genug, aber noch schlimmer ist es, wenn ich das von mir selbst sage und denke: „Ich bin alt.“ Oder: „Ich bin krank – einsam – allein.“ Das mag alles stimmen, was nicht stimmt, ist das „Ich bin“, das wie ein Vorzeichen vor allem steht, was mich ausmacht oder ausmachen kann. Dieses „Ich bin“ nimmt wie bei einem Computer den gesamten Speicherplatz ein, und neue „Dateien“ können da keinen Platz mehr finden, können nicht „gespeichert“ werden.

„Ich bin Fischer…“, könnten Petrus und Andreas sagen, „…mehr nicht.“ „ich bin der Sohn des Zebedäus…“, könnten Johannes und Jakobus sagen, „… mehr nicht.“ Da spinnt sich ein soziologisches Netz um Petrus und Andreas: sie scheinen nicht mehr zu sein, als ihr Beruf für sie zulässt. Und da spinnt sich ein biographisches Netz um Johannes und Jakobus; sie scheinen nicht mehr zu sein, zu haben, zu können als das, was ihnen ihr Erzieher, ihre Erziehung mitgibt. Darin sind die vier uns verwandt. Wie oft sehe ich in den Spiegel und sehe nur das, was ich arbeite und leiste, und den, der in vielen Jahren eben durch sein alltägliches Tun, sein routinemäßiges Denken und Bewerten genau diese Persönlichkeit geworden ist – als ob es nichts anderes gäbe. Und wenn es anders gäbe, würde es mich aus der Bahn werfen.

Begegnung mit Jesus

Und denen begegnet jetzt Jesus. Und mir, Ihnen begegnet jetzt, heute, in diesem Moment Jesus. Und er ruft sie zu sich. Achtung: Er ruft sie zu sich – Sie können das „sie“ mit einem kleinen Buchstaben vorne schreiben: dann geht es um Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus. Sie können das „sie“ aber auch mit einem großen Buchstaben vorne schreiben: dann geht es um Sie! Dann geht es um mich!

Ich weiß Ihre Vornamen nicht, aber ich kenne meinen. Und ich stelle mir vor, bei meinem täglichen Arbeiten am Schreibtisch, in der Hochschule, beim Predigen sehe ich Jesus auf mich zukommen und höre seinen Ruf: „Folge mir nach.“ Und jetzt? Kopfkino und Schublade: Ich bin alt. Ich bin krank. Ich bin an der Hochschule beschäftigt. Ich – was kann ich denn anders als… oder: was kann ich denn überhaupt oder überhaupt noch…

Anders Petrus und Andreas: sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Sie brechen aus aus dem Netz, dass die Soziologie, das die Gesellschaft über sie wirft. Anders auch Johannes und Jakobus: sie brechen aus aus dem Netz, dass ihre Erziehung, ihre Biographie über sie geworfen hat. Sie brechen aus, sie brechen auf – innerlich wie äußerlich, und sie folgen ihm nach. Sogleich, sofort, jetzt, in diesem Moment.

Was meint Berufung? »Es geht um das Ende, um die vollkommene Widerlegung dessen, das Wesen eines Menschen sei identisch mit der Weise seiner Tätigkeiten und Beschäftigungen. «
Eugen Drewermann (1987): Das Markusevangelium, Erster Teil: Bilder von Erlösung, Olten, 164

Das nennt man Berufung! Da geht es nicht um die Entscheidung, Priester, Ordensmann oder Ordensfrau zu werden. Da geht es darum, sich auf den Ruf Jesu hin aus den Netzen zu befreien, die die ganze feine Gesellschaft um Sie herum gesponnen und gelegt hat, das ihnen vielleicht sogar Halt gibt im Leben, das Sie aber von einem Größeren, an einem Tieferen an Leben hindert. Da geht es darum, sich auf den Ruf Jesu hin aus den Netzen zu befreien, die Ihre Erziehung, ihr bisheriges Leben und auch die dunklen Seiten Ihrer Biographie um Sie herum gelegt haben. Da geht es um die Frage, ob Jesus eine solche Ausstrahlung auf mein, auf Ihr Leben hat, dass Sie sich und ich mich von ihm in ein Leben an seiner Seite einlasse.

» Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind. «
P. Alfred Delp SJ (1907-1945)

Das ist der Anfang: Die Netze hinter sich lassen, damit auch den Halt, die Selbstsicherheit, die Rolle, in die ich mich eigefunden habe, und Neuland unter die Füße nehmen. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus dem Vertrauen heraus, dass ich mehr Mensch werden kann an der Seite Jesu. Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, Sie und ich, wir sind jetzt, heute, von Jesus berufen zum Menschsein, in aller Weite, Tiefe, Offenheit, Schönheit, zu allen Formen der Begegnungen, die uns Tag für Tag angeboten sind. Da müssen die vier aus dem heutigen Evangelium vieles lernen: Gebot werden neu gedeutet, mit Fremden muss gesprochen werden, sie begegnen Kranken, Sterbenden, sie erleben den einen Kreuzweg Jesu und die vielen Kreuzwege anderer Menschen. Da Leben an Jesu Seite ist kein reines Zuckerschlecken, aber es ist geprägt von Weite, von Tiefe, von Offenheit, von Schönheit in vielen Begegnungen. Und ich möchte mich nicht herausreden mit biographischen Selbstzuschreibungen wie „ich bin alt“ oder „ich bin krank“. Ich möchte mich nicht herausreden mit gesellschaftlichen Zuschreibungen wie „der ist ja auch Pfarrer“ oder „wer weiß, was der alles an Dreck am Stecken hat“.

Heute Jesu Ruf hören…

Ich möchte heute, jetzt, im Moment diesen Ruf Jesu hören: „Folge mir nach!“ Und ich vertraue fest darauf, dass ich sogleich beginnen kann, in dieses Mehr an Menschsein hinein aufzubrechen. Alfred Delp, Jesuitenpater und Märtyrer der NS-Zeit, hat in einer Meditation zum Fest Epiphanie 1945 geschrieben: „Man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.“ Es braucht einen Vertrauensvorschuss, aber ich meine, Jesus wäre ihn wert.

Harald Klein, Köln

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