Zweiter Adventssonntag: Von der Schönheit des Schmetterlings

Es braucht Vorbereitungszeiten

Sie kennen das von großen Ereignissen, dem 60. Geburtstag, einer Hochzeit, aber auch einem Urlaub, einem Umzug – all das braucht Vorbereitung. Da steht was aus, da steht etwas an, da reicht von der Zukunft herkommend etwas in die Gegenwart und treibt uns an, treibt uns um. Und dieses An- und Umtreiben hat meist beides: Einen (eher positiven) Vorgeschmack auf das, was aussteht oder ansteht; und eine (eher negative) Mühe, was denn noch alles bedacht, besprochen, getan werden müsse. Ein Bild für dieses Geschehen ist das des Propheten Jesaja in der 1. Lesung: Ein kleiner Trieb, auf dem sich das Ganze des Geistes der Weisheit und des Rates, der Stärke und der Erkenntnis und der Gottesfurcht niederlässt. Und jetzt sieh zu, wie Du wächst und was Dich zum Wachsen bringt, Du kleiner Trieb. Allemal gilt: mit dem, was ihm auf die Zweige gelegt wurde, was er geschultert hat, braucht er Zeit, um zum Blühen zu kommen.

Auf was schauen?

Sie merken jetzt schon den Unterschied – ob der Blick auf die „Last“ in der Vorbereitungszeit geht, oder auf die „Lust“ auf das, was eben vorbereitet wird. Die Blickrichtung macht es schwer – oder leicht. Beides ist da.

In Hilde Domins Gedicht „Indischer Falter“ schreibt sie:

„In einem alten Mann,
der umfällt in Hamburg oder Manhattan
stirbt ein Schmetterling
die blauen Flügel öffnend
– seit dreißig Jahren
in Ankhor-Vath.“

Zugegeben, den Hinweis auf Ankhor-Vath, eine der größten Hindu-Tempelanlagen in Kambodscha, verstehe ich nicht. Aber in der Polarität „stirbt ein Schmetterling, die blauen Flügel öffnend“, da erahne ich etwas von dem positiven Vorgeschmack auf etwas und der Mühe, die es kostet, es zu erreichen. Auf der einen Seite ein dreißigjähriges Sterben (vielleicht zu lesen als auf das Sterben zugehend), auf der anderen Seite die geöffneten blauen Flügel, die sich gerade dadurch zeigen. Es braucht Vorbereitungszeit, die blauen Flügel, die Prachtseiten des Lebens und des Lebendigen zu entfalten und zu zeigen. In aller Vorbereitungszeit ist beides – die Verlockung und der Vorgeschmack dessen, auf das an sich vorbereitet, und die Mühe, die es kostet, bis sich die blauen Flügel wirklich öffnen und entfalten können. Auf was schauen? Auf das Sterben, den Sterbensweg des Schmetterlings – ist doch all unser Leben ein Zugehen auf ein Sterben! Oder auf die sich zeigenden, sich öffnenden blauen Flügel, über Jahre hinweg?

„Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“

Das alles im Hinterkopf haltend, höre ich jetzt den Ruf des Täufers: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe.“ Und wenn ich sowohl des Täufers als auch Jesu Botschaft richtig deute, ist dieses „ist nahe“ ganz anders als eine zeitliche  Vorhersage. Es meint eine räumliche Vorhersage, eine, die im wahrsten Sinne zum Greifen nahe ist.

Die beiden Momente – Vorgeschmack auf das, was aussteht, und das zu Erledigende, damit das, was aussteht, kommen kann – greifen in dieser Art der Vorbereitungszeit nicht. Es geht schlicht um Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Entdeckergeist. Das Himmelreich ist nahe, ist gegenwärtig – wie der blaue Flügel des sterbenden Schmetterlings. Die Frage ist: schaue ich eher aufs Sterben oder auf die Farbigkeit der Lebendigkeit? Mit dieser Frage können Sie Ihr ganzes Leben betrachten, oder das derer, die zu Ihnen gehören. Sie können die gegenwärtige kirchliche Situation damit unter die Lupe nehmen. “Kehrt um!“ – das meint eher die Ordnung der Blicke und die Blickrichtung als ein Tun, eher ein darstellendes als ein herstellendes Tun. Wir können Das Reich Gottes nicht „machen“ oder „herstellen“, wir können es „erahnen“ und es „ertasten“, auf es „verweisen“ – wie auf den sich öffnenden blauen Flügel des Schmetterlings.

» Je mehr wir vom 'Advent' begreifen, lernen wir eigentlich, dass es eine solche 'Ankunftszeit' nicht geben dürfte. Gott steht nicht aus, Gott wartet, dass wir endlich einstehen und anfangen! Nicht 'Zuwarten' ist da angesagt, sondern Losmachen. Glauben ist keine Angelegenheit für die Zukunft, sondern für die Gegenwart. «
Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern, 38.

Advent: Bei Gott ankommen

Von da aus wird deutlich, was Advent bedeuten kann. Keine „Ankunftszeit“ in der wir und auf die Geburt Christi vorbereiten sollen, kein zeitliches oder zukünftiges Geschehen, das wir in vier Wochen abarbeiten oder herstellen. Stattdessen ein räumliches und gegenwärtiges Geschehen, das in den vier Wochen besonders bedacht und über die vier Wochen hinaus dargestellt werden darf: Gott ist da, ist gegenwärtig, und es gilt, bei ihm anzukommen. Das kann zur Folge haben, dass alte Vorstellungen und Bilder, dass der alte Mann in mir umfällt – in Hamburg, Manhattan oder Köln, dass aber gerade so ein Sterbeprozess eingeleitet wird, durch den erst und durch den allein meine blauen Flügel sich öffnen können, auch wenn es 30 Jahre und mehr dauert.

Dankbar bin ich für die Deutung Eugen Drewermanns zum Advent, die er in seinem Buch über die sieben Tugenden schreibt:

„Je mehr wir vom ‚Advent‘ begreifen, lernen wir eigentlich, dass es eine solche ‚Ankunftszeit‘ nicht geben dürfte. Gott steht nicht aus, Gott wartet, dass wir endlich einstehen und anfangen! Nicht ‚Zuwarten‘ ist da angesagt, sondern Losmachen. Glauben ist keine Angelegenheit für die Zukunft, sondern für die Gegenwart.“ [1]

Gott steht nicht aus, Gott wartet, dass wir endlich einstehen und anfangen. Dass wir endlich darstellen, nicht meinen, herstellen zu müssen. Die Blickrichtung wechseln und zuerst die sich öffnenden blauen Flügel sehen, nicht die Notwendigkeit des Sterbens. Nicht in der Zukunft, jetzt!

Amen.

Köln 07.12.2019
Harald Klein

[1] Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern, 38.

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