Zweiter Fastensonntag – Den inneren Goldklumpen freilegen – Tatkräftig und entschieden sein

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Die Erinnerung an den inneren Goldklumpen

Sie haben noch das Gegenbild zu „Staub bist Du und zum Staub kehrst Du zurück“ des Aschermittwochs vor Augen? Den Goldklumpen, der in uns wohnt, der Schatz, der wir sind und immer wieder sein können? Mit der Anleihe an die Ethik des Buddhismus möchte ich auf zwei weitere der „Zehn Vollkommenheiten“ – Großzügigkeit, Energie, Entschiedenheit, Wohlwollen, nichtverletzendes Handeln, Wahrhaftigkeit, Geduld, Weisheit, Gelassenheit und Einfachheit/ Loslassen – zu sprechen kommen, die helfen können, den Goldklumpen in uns zum Leuchten zu bringen – ich bin sicher, dass dieses Licht dem Morgenlicht der Auferstehung sehr nahekommt.

» So wie ein Feuer einen kundigen Wächter braucht, so möchte auch unsere Lebenskraft in den wechselnden Winden des Daseins sorgsam gepflegt und beachtet werden. «
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 39.

Energie/Tatkraft

Kennen Sie jemanden, von dem oder von der Sie sagen: „Die strotzt vor Kraft!“ oder „Der strotzt vor Kraft!“? Spüren Sie mal in sich hinein. Zieht dieser Mensch Sie an? Bleiben Sie von der Wahrnehmung unberührt? Oder stößt der bzw. die Sie eher ab? Stark sein und voller Tatkraft zu leben meint ganz für sich gesehen nur, der oder die hat eine Menge Energie, er oder sie kann ganze Bäume ausreißen und tut das offensichtlich auch, sonst wüssten Sie nichts von deren Stärke.

Wenn Sie heute in die Texte des Sonntags schauen, werden Sie vor lauter Tatkraft und Energie der handelnden Personen vielleicht den Kopf schütteln. Da ist in der ersten Lesung der Abraham, der völlig ohne Zögern und Widerspruch auf Gottes Geheiß seinen Sohn Isaak nimmt, ihn auf den Berg führt, einen Altar aufbaut, das Holz aufschichtet und bereit ist, seinen Sohn zu schlachten – so steht es in der Bibel! Jeder Suche nach Sinn sich entziehend, kann man aber Tatkraft entdecken, mehr als genug.

Oder nehmen Sie das Evangelium, die Szene von der Verklärung Jesu. Seine Kleider verwandeln sich in weiße Gewänder, Elija und Mose tauchen auf und sprechen mit Jesus, und die Reaktion des Petrus: „Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für Dich, eine für Mose und eine für Elija.“ Boote bauen, Netze flicken, und sicher auch Hütten bauen, das kann er, der Petrus. Wenn Jesus zugestimmt hätte, wären aus dem Nichts die Hütten dagestanden, da bin ich mir sicher. Hütten auf dem Berg bauen, da braucht es Tatkraft!

» Mithilfe dieser Entschiedenheit werden wir in die Lage versetzt, konstruktives Handeln von destruktivem Handeln zu unterscheiden, böswilliges Verhalten zu unterlassen und immer aufs neue Wohlwollen zu aktivieren. «
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 61.

Tatkraft braucht Entschiedenheit

Ob Sie nun Ihre Beispiele der tatkräftigen Menschen oder den Abraham oder den Petrus hernehmen – schnell wird klar, dass die Tatkraft gelenkt werden muss, ein gut abgewogenes Woraufhin braucht, um zu dem zu werden, was die buddhistische Ethik „Vollkommenheit“ nennt.

Nicht alles, was wir voller Tatkraft beginnen und dann zum Ende führen, bringt den Goldklumpen in uns zu glänzen, im Gegenteil! Nehmen Sie die beiden biblischen Beispiele – was hätte der Tod des Isaak oder was hätten die drei Hütten letztlich gebracht? Wem hätte der Tod Isaaks oder die Hütten gedient? Tatkraft braucht ein Ziel, eine Bestimmung, ein klares Woraufhin. Beides spielt sich gegenseitig die Bälle zu. Ihre Tat- und Entschlusskraft wird wachsen, wenn Sie in Klarheit und Entschiedenheit dieses Woraufhin, dieses Wofür oder Warum benennen können. Und dieses Woraufhin wird immer greifbarer, je mehr Ihre Tat- und Entschlusskraft wächst und Sie in Bewegung daraufhin bringt.

Wie bei Abraham und bei Petrus gilt es, die Absichten, die Motivationen zu prüfen. Warum richte ich meine Energie daraufhin? Welche Beweggründe leiten und reizen mich? Was hindert mich, anzufangen, einen ersten Schritt zu tun? Was lässt mich zaudern und was bringt mich dazu, den ersten Schritt aufzuschieben?

» Meditation hat mich gelehrt: Der Geist bewegt den Körper. Wenn ich mit innerer Entschiedenheit, mit einer klaren Ausrichtung Tag für Tag einen Schritt vor den anderen setze, dann komme ich voran. Nicht aus dem Müssen, nicht aus dem Wollen, sondern indem ich mich für das öffne, was ich im gegenwärtigen Augenblick erlebe. Ich nenne das engagiertes Gegenwärtigsein. Es bedeutet, mit Herz und Verstand offen und fließend den Anforderungen der jeweiligen Lebenssituation zu begegnen.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 56.

Eine Zeit des Einübens

Im christlichen Kontext sind wir es gewohnt, während der Fastenzeit Dinge sein zu lassen, Verhaltensweisen nicht zu tun. Das mag auch Entschiedenheit trainieren, aber doch am Negativ-Beispiel, z.B.: ich trinke keinen Alkohol, ich verzichte aufs Fernsehen, ich faste Gummibärchen. Mein Einwand gegen solche Fastenopfer ist, dass sie ehr dem persönlichen Heroismus als dem Freilegen des Goldklumpens dienen.

Fasten könnte auch so aussehen, dass Sie herauszufinden suchen, wo bei Ihnen die Tatkraft, die Entschlusskraft „wohnt“ – z.B. in der Kognition, der Vorstellung (also im Kopf), in der Emotion, dem Gefühl (also im Herz) oder im Gestalten (in den Händen). Ich schlage Ihnen als Übungsweg die Reihenfolge „vom Kopf über das Herz in die Hände“[1] vor. Wie spüren Sie diese Tatkraft? Was nährt die Tatkraft, und was tun Sie dafür, dass Ihre Tatkraft genährt wird? Was stört sie, die Tatkraft, und wie gehen Sie mit diesen Störungen um?

Wie steht es um Ihre Entschiedenheit, Ihre Entschlusskraft, Ihre Entscheidungsfreudigkeit? Wenn es Ihnen gelungen ist, Ihrer Tatkraft auf die Spur gekommen zu sein, können Sie ihr eine Richtung, ein Woraufhin geben. Nicht: Sie unterlassen etwas, weil Fastenzeit ist, sondern: Sie tun etwas, weil es Ihrer inneren Überzeugung entspricht, weil es ein kleiner Akt Ihrer Hingabe an das Leben ist und weil die Frucht dieses Tuns gut ist.

Diesen Schritt der „gerichteten Entschiedenheit“ übernimmt in der Lesung Gott selbst, als er dem Abraham sagt, er brauche und wolle das Opfer nicht, stattdessen werde er dem Abraham Nachkommen geben so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer. Diesen Schritt der „gerichteten Entschiedenheit“ übernimmt im Evangelium Jesus, als er dem Petrus und den anderen beiden gebietet, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hätten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.

Die „Richtung“, die Entschiedenheit, das Woraufhin der Tatkraft geht immer auf Fruchtbarkeit und ein Mehr an Leben, durch den Tod hindurch und über den Tod hinaus. Dieser Weg kann Kurven haben, er kennt Dunkelheiten und verlockende Abzweigungen. Und manchmal muss man lernen, dass es kein großes Ziel in der Ferne gibt, das sich nur undeutlich am Horizont abzeichnet, sondern dass es nur um den nächsten kleinen Schritt geht, um den nächsten und wieder um den nächsten. Die drei Jünger fragen sich im Evangelium, was das sei, von den Toten auferstehen, während sie Schritt für Schritt den Berg hinabstiegen. Schritt für Schritt – so zeigt sich Tatkraft, so bewährt sich Entschiedenheit.

Amen

Köln 26.02.2021
Harald Klein

[1] vgl. Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 113.