12. Sonntag im Jahreskreis – Das Recht auf das Streben nach Glück

Sehr düstere Texte

„Ich höre die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum“, schreibt der Prophet Jeremia. „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt“, schließt sich Paulus an. Und mit „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird“, stimmt Jesus im Evangelium in diese düsteren Worte ein. Und als Prediger, der Ihnen predigt, bzw. als Hörende, die meinen Worten irgendwie auch ausgeliefert ist, dürfen wir uns miteinander fragen, ob es denn nichts Frohmachendes an der heutigen „Frohen Botschaft“ gibt. Wenn Sie die Möglichkeit haben, an die Texte dieses Sontags heranzukommen, schauen Sie mal nach. Frohe Botschaft – das scheint mir heute nicht so einfach, zumindest auf den ersten Blick. Düstere Texte, bei denen es zum Beginn ihrer Lektüre schon mal kalt den Rücken herunterlaufen kann.

Sicher auch deswegen, weil sie einen festen Platz im Leben wahrscheinlich eines jeden Menschen haben. Sie erwischen sich in diesen Texten! „Wohin ich schaue, Grauen ringsum“ – kennen Sie das? Oder: „Durch den, durch die kommt voll die Sünde in die Welt.“ Wie steht es da mit mir? Wie steht es mit Ihnen? Oder die Angst und Scham, die sich einstellt bei Worten wie „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird.“ Das Verhüllte, das Gott sei es gedankt Verborgene: Da kann sich wahrscheinlich jede und jeder an die eigene Nase fassen. Grauen, Sünde, schamvoll Verborgenes – so wollen wir das Leben nicht.

Das Recht auf Streben nach Glück

Wie wollen wir es dann? Wie wollen Menschen ihr Leben? Da kann sehr prominent die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eine Antwort geben. Im Jahr 1766 baut sie auf der Aussage auf, alle Menschen seien gleich geschaffen, seien von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet: dazu gehören das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück (Life, Liberty and the Pursuit of Happiness) gehören. Das „Streben nach Glück“ meint, aufzubrechen von diesen Erlebnispunkten des Grauens ringsum, des sündigen Menschen in und neben mir, der Angst vor Enthüllung meiner schambesetzten Teile der Biographie. Das „Streben nach Glück“ heißt neu zu beginnen, wegzugehen, etwas hinter sich zu lassen, was mir und was anderen nicht guttut.

» Das Recht auf das Streben nach Glück, das ursprünglich als Beschränkung staatlicher Macht gedacht war, hat sich auf fast unmerkliche Weise in ein Recht auf Glück verwandelt – so als hätten menschliche Wesen ein natürliches Recht, glücklich zu sein, und alles, was sie unzufrieden macht, sei eine Verletzung der grundlegenden Menschenrechte, weshalb der Staat etwas dagegen tun müsse. «
Harari, Yuval Noah (2018): Homo Deus. Eine Gescheite von morgen, München, 55.

Das Recht auf Glück?

In unserer westlichen Kultur hat sich mit diesem Aufbrechen, mit diesem Weg im Recht auf das Streben nach Glück ein Denkfehler, eine Verkürzung eingeschlichen. Yuval Noah Harari, Professor an der Hebrew University in Jerusalem, stellt in seinem Buch „Homo Deus“ einige Projekte vor, die der Mensch des 21. Jahrhunderts auf seiner Agenda hat. Das erste Projekt sei die fast schon gelungene Überwindung von Hunger, Krankheit und Krieg – es läge nicht mehr an der Natur, sondern am Handeln des Menschen, ob diese Geißeln der Menschheit überwältigt seien oder wo und wie sie noch herrschten. Das zweite Projekt „wird vermutlich sein, den Schlüssel zum Glück zu finden.“[1] Über Epikur und die römische Antike geht er die Philosophiegeschichte durch und landet dann bei den Gründervätern der USA und ihren drei „unveräußerlichen Menschenrechten, neben dem Recht auf Leben und dem Recht auf Freiheit, das Recht auf das Streben nach Glück. Dabei gilt es freilich zu bedenken, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung das Recht auf das Streben nach Glück (pursuit of happiness) garantierte und nicht das Recht auf Glück als solches.“[2] Das Recht auf Streben nach Glück bedeutet ein immer wiederkehrendes Aufbrechen aus dem Grauen ringsum, das Abkehren von denen, die mir Sünde sind, den Neubeginn auch dann, wenn mein Dunkelstes aufgedeckt wird. Dieses Streben nach Glück darf ich mir nehmen, darf es mir gönnen – und es wird mir im Idealfall gewährt von denen, die mir wohlgesonnen sind und den Weg weiter mit mir gehen. Ein Recht auf Glück habe ich schlichtweg nicht!

Das Bild der Spirale und der Geraden

Wenn ich zu Beginn sagte, uns wären heute sehr düstere Texte vorgelegt, so stimmt das für deren Beginn: Grauen ringsum, durch eine kam die Sünde in die Welt, nichts bleibt verborgen, alles wird aufgedeckt. Die Texte enden alle drei sehr zuversichtlich. Bei Jeremia: „Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Vom Grauen geht es zum Loblied. – Im Paulusbrief geht es von der Sünde zur Gnade Jesu Christ, die die Sünde des Adam aufhebt. – Und im Evangelium geht es von dem, was im Dunkeln verborgen bleiben soll, zu Jesus, der sich beim Vater im Himmel zu uns bekennt. Alle drei Texte gehen einen Weg, und sie gehen ihn vom Schatten zu Licht.

Wollten Sie diese Wege malen, wären Sie vielleicht schnell versucht, eine Gerade zu malen. Sie setzen vielleicht zuerst an beim Grauen, beim Sünder oder bei der Sünde, in Ihren Dunkelheiten – und malen den Weg hin zum Loblied, zur Gnade, zu Christus, der Ihnen die Arme offen entgegenhält. Das wäre der Weg des „Rechtes auf Glück“, und Sie wissen so gut wie ich, dass das Leben so nicht geht.

Oder Sie malen einen Kreis. Irgendwo darauf ist der Punkt des Grauens, der Sünde, des heimlich Verborgenen. Und immer und immer wieder stolpern Sie auf Ihrem Weg über diese Punkte, ohne wirklich weiter zu kommen – und vielleicht haben Sie irgendwann einmal Glück und finden dabei die Gnade, das Loblied, den Sie erwartenden Christus. Sie spüren vielleicht selbst, wie viel Verzweiflung in dieser Sisyphos-Arbeit der Suche nach dem Glück liegt. Dieses Bild führt in Verbitterung und Depression.

Oder, und das wäre mein Bild, Sie brechen immer wieder auf in einer nach oben breiter werdenden Spirale, weg vom Grauen, weg vom Sünder, weg vom im Dunkel Verhüllten, wissend, dass auf diesem spiralförmigen Aufstieg wie eine Gerade all das hochgewachsen ist und mit Ihnen geht, dass sie hinter sich lassen wollen. An die Spirale angelehnt ist eine Linie aus Grauen, aus Sünde, aus Verhülltem, dem Sie immer wieder begegnen werden. Aber gleich vier Punkte sind wichtig: (a) der Ursprung des Grauens, der Sünde, des Verhüllten liegt auf Ihrem Weg immer weiter unten, weiter hinten, weiter zurück; (b) bei einer Spirale werden wie Wegstrecken des Treffens auf die Linie auf die angelehnte Grade immer breiter und weiter, sie begegnen dieser Ihr Leben begleitenden Geraden des Grauens immer später; (c) der Ursprung, die Wurzel des Grauens, der Sünde des Verhüllten liegt immer weiter zurück, das heißt aber auch, dass das, was der Wurzel entwächst, nach oben immer dünner, immer schwächer wird; und (d) Sie sind auf einem Weg, der Sie dem Loblied, der Gnade, dem Ihnen geöffneten Herz des Erlösers entgegenbringt – vorgestern feierten wir dieses Fest. Das kann ein geistlicher Trost sein.

Wir haben das Grauen der Welt um uns und in uns. Wir kennen das Erleben der Sünde um uns und in uns. Wir haben ein Wissen oder wenigstens eine Ahnung um die dunklen Seiten und Geschehnisse um uns und in uns. Und in all dem haben zwar kein Recht auf Glück, aber wir haben ein Recht auf das Streben nach Glück und können uns darin als Menschen und erst recht als Christen unterstützen. Jesus nennt das bei einem anderen Namen. Bei ihm heißt das: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,33)

Bewahren Sie sich an diesem Sonntag das Bild von der Spirale, die immer wieder, aber in größeren Abständen die Geraden des Grauens, der Sünde, des heimlich Verborgenen kreuzt, und die Ihnen Weg zum Loblied, zur Gnade, zum offenen Herzen Jesu ist.

Amen.

Köln, 21.06.2020
Harald Klein

[1] Harari, Yuval Noah (2016): Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München, 52.

[2] a.a.O.,54.

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