04. Sonntag im Jahreskreis – Ein Tag mit Jesus

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Von Jesu Alltag …

Dem alltäglichen Jesus zuschauen, wenn nicht sogar folgen, oder auch diesen Jesus in Gedanken, Worte und Werken in Deinen Alltag aufnehmen, das waren die Startimpulse der beiden letzten Sonntagspredigten, die sich am Evangelium dieser Sonntage orientierten.

Du erinnerst Dich: Im Evangelium des vergangenen Sonntags predigt Jesus von der Nähe des Reiches Gottes – und mein Versuch des Verstehens ging auf „Gedanken, Worte und Werke“, in denen sich dieses Reich Gottes realisiert. Dafür braucht es Menschen, die sich mit Jesus hoffentlich mehr zusammen- als nur auseinandersetzen. Das mag der Grund sein, warum Jesus am letzten Sonntag im Evangelium Petrus und seinen Bruder Andreas und später Jakobus und seinen Bruder Johannes zu sich rief. „Sogleich“ heißt es im Evangelium ließen sie ihre Netze liegen (die habituelleDimension), ließen Vater und die Tagelöhner zurück (die familiäre Dimension) und folgten Jesus nach. Du könntest sagen, sie verlassen ihre „Komfortzone“.

Genau an diesem Punkt des Verlassens der „Komfortzone“ setzt das Evangelium des heutigen Sonntags (Mk 1,21-28) an – und das Evangelium des kommenden (Mk 1,29-39) und des darauffolgenden Sonntags (Mk 1,40-45) schließt sich diesem Verlassen an. Ich erinnere mich an eine Mappe zur Vorbereitung der Erstkommunion, in der die ersten beiden Bibelstellen (Mk 1,29-39 und Mk 1,40-45) unter der Überschrift „Ein Tag mit Jesus“ bedacht, besprochen, besungen und und natürlich mit Tüchern „gelegt“ wurden. Ziel war es, den Kindern klarzumachen, wie ein Tag im Leben Jesu, wie Jesu Alltag wohl so ausgesehen haben mag.

» Lass alles so sein, wie es jetzt in diesem Moment ist. Und dann richte Deinen inneren Blick einmal nach vorne, so, als ob Du in einen noch leeren Tag hineinschauen würdest. Da tauchen dann vielleicht viele Erwartungen auf, Deine Pläne für den Tag, Deine Wünsche, aber auch die Sorgen, die Probleme. Mach Dir bewusst, dass alles, was in der Zukunft liegt, zunächst nur Optionen sind, also Möglichkeiten. Die Wirklichkeit ist bekanntlich immer voller Überraschungen. «
7mind - Meditations-App "Am Morgen"

Da ist die Rede vom Synagogengottesdienst in Kafarnaum, den Jesus und die Jünger besuchen und in dem er predigt. Sie fanden in biblischer Zeit sowohl morgens als auch abends statt. Vielleicht kannst Du mir in der Annahme folgen, hier ging es um einen Gottesdienst am Morgen. Das heutige Evangelium schildert, was da beim Versuch Jesu, in der Synagoge zu lehren, geschah.

Die Fortsetzung im Evangelium des kommenden Sonntags führt Jesus und die ersten vier Jünger zur Schwiegermutter des Petrus, die mit Fieber im Bett liegt. Jesus heilt sie, und die Genesene sorgt für Jesus und die Seinen. Ob das ein Geschehen am Mittag sein könnte?

Schließlich, am Abend – so sagt es der Evangelist Markus (in Mk 1,32) selbst – brachte man viele Kranke und Besessene zu Jesus, damit er sie heile, und er heilte viele.

Anderntags, „in aller Frühe, als es noch dunkel war“, geht Jesus auf einen einsamen Berg, um zu beten. Als Simon und seine drei Begleiter ihn finden, teilen sie ihm mit, dass alle ihn suchen – und er schlägt vor, anderswohin zu gehen, in die benachbarten Dörfer, damit er auch dort predige; denn dazu sei gekommen. Und er zieht durch ganz Galiläa, predigt in den Synagogen und treibt die Dämonen aus.“ (vgl. Mk 1,39)

Dreimal an diesem „Tag im Leben Jesu“ und am „Folgetag“ weist Markus, der Evangelist, Dich darauf hin, dass Jesu Ruf sich im ganzen Gebiet von Galiläa verbreitet“ (Mk 1,28), dass Jesus anderswo hin gehen (vgl. Mk 1,38) möchte, um dort zu predigen, und dass er sich schließlich „in keiner Stadt mehr zeigen kann; er hält sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kommen die Leute von überall her zu ihm. (vgl. Mk 1,45)

Mit diesem Vers endet das erste Kapitel des Evangeliums nach Markus, endet auch die Beschreibung eines „Tages mit Jesus“ und die des Alltags Jesu, der ihm und seinen Jüngern zuwächst, und die Darstellung der „Ein-Stimmung“ auf ihn durch die Jünger, die „Stimmung“, die er unter Kranken, Geheilten, Neugierigen, aber auch von Dämonen Besessenen, bewirkt oder auch erleidet.

Was an diesem einen Tag ausführlich erzählt wird, wird künftig für Jesus „all-täglich“! M.a.W.: Ab dem zweiten Kapitel im Markus-Evangelium wird all das zum Alltag Jesu und seiner Jünger gehören!

» In der Vielfalt liegt das Potential. Sehen wir nur Inhalte, die unseren Interessen entsprechen und unsere Meinung stärken, kann das negative Konsequenzen haben. Wir werden dazu verleitet, stur in eine Richtung zu denken, ohne nach links und rechts zu schauen. Indem sich Menschen beispielsweise in den politischen Randgruppen in ihrer Meinung gegenseitig bekräftigen, besteht die Gefahr des Verlusts gesellschaftlichen Zusammenhalts. In seiner Abschiedsrede warnte sogar der ehemalige US-Präsident Barack Obama, dass es für zu viele von uns sicherer geworden ist, sich in unsere eigenen Filterblasen zurückzuziehen, anstatt sich mit abweichenden Perspektiven auseinanderzusetzen. «
Klose, Julia (2022) [online] https://klimareporter.in/in-welcher-bubble-lebst-du/ [27.01.2024]

… zu Deinem Alltag

Lass uns einen Schnitt machen, weg von Jesu Alltag hin zu Deinem Alltag. Gönne Dir, sagen wir mal, zehn Atemzüge und lass in Deiner Vorstellung in Dir aufsteigen, was Du mit Deinem „All-Tag“ verbindest, was Dir „all-täglich“ ist. Achte gerne auch auf die Stimmung, die diese Bilder bei Dir erzeugen.

Zwei Zugänge zum „All-Täglichen“ möchte ich unterscheiden. Beim ersten Zugang zum „All-Täglichen“ ist das Erleben und die Stimmung, die dieses Erleben oder vielleicht auch Ertragen in Dir auslöst, die Ausgangsstimmung: Über das immer Gleiche, über den Alltagstrott, über die gleichen Menschen an der Uni oder am Arbeitsplatz, die gleichen Arbeitsabläufe, die gleichen Wege, die abgegangen werden müssen, die gleichen Sprüche der Eltern, der Kolleg*innen, die immer gleichen Gerüche um Dich herum. Die einen mögen es „Komfortzone“ nennen, ich der Du Dich Tag für Tag gut auskennst, die Dich aber auch – gewollt oder ungewollt – sehr einzugrenzen vermag. Die anderen sprechen eher von einer „bubble“, einer Filterblase, in die Du Dich zurückziehen kannst, ohne die Außenwelt und die anderen „bubbles“ – geschweige denn die Menschen in diesen anderen „bubbles“ wahrzunehmen.

In der Synagoge, die Jesus am Morgen besucht, um zu lehren, sitzt ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der schreit Jesus an: „Was haben wir mit Dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist Du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer Du bist: Der Heilige Gottes.“ Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei (vgl. Mk 1,24-26).

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mir fällt es leicht, in dem vom Dämon besessene Mann in der Synagoge jemanden zu sehen, der in der „bubble“ seines Alltags festsitzt, der nicht mehr heraus kann oder nicht mehr heraus will. Einer, der sich eingerichtet hat in seiner Komfortzone und dem alles Drumherum und jede Form von Veränderung schon der Panikzone zugehörig ist. Fällt Dir auf, dass der unreine Geist von sich im Plural spricht: „Was haben wir mit Dir zu tun? Bist Du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen?“ Gleich im ersten geschilderten Alltag , in der ersten Begegnung Jesu in der Öffentlichkeit steht die Kritik Jesu am Bleiben in der Komfortzone, am Sich-Einrichten in der eigenen „bubble“ – und es nicht nur der eine Mann, der vom unreinen Geist besessen ist, es sind alle die mitgemeint – daher die Rede im Plural – die ihren Alltag so verstehen. Das „Schweig“ Jesu gilt den Stimmen in Dir, die Angst vor Aufbruch aus der „Komfortzone“ haben oder die Zusicherung echter Sicherheit in der „bubble“ suchen. Die Gegenbilder zum vom unreinen Geist besessenen Mann sind Simon und Andreas, Jakobus und Johannes, die – wie es scheint – tags zuvor ihre „Komfortzonen“ und „bubbles“ habituell und familiär hinter sich gelassen haben.

In den Predigten zu Beginn des Kirchenjahres, das Dir den Alltag Jesu vor Augen stellt und das Dich einlädt, Jesus einen Platz in Deinem Alltag zu geben, könntest Du dieser Begegnung ohne Weiteres entsprechen, indem Du einen Ort, eine Zeit in Deiner „bubble“ fürs Gebet, für die Meditation oder die Bibellektüre reservierst. Sei gewiss: Dann wird es Deine „bubble“, Deine Komfortzone bleiben und es wird sich einreihen in all das, was ich oben schon über das immer Gleiche und über den Alltagstrott geschrieben habe – verboten ist das nicht! Ob es gewinnbringend für die Gestaltung des Alltags ist, das wage ich zu bezweifeln.

» Jeder Tag ist ein unbeschriebenes Blatt und bietet eine Chance für neue Erfahrungen. Egal, was für den Tag geplant ist und welche Aufgaben anstehen, es ist nie wirklich gewiss, welche wertvollen Momente der heutige Tag mit sich bringen wird. «
7mind - Meditations-App "Ein neuer Tag"

Die „bubble“ erkennen und auflösen: Den Tag wie ein unbeschriebenes Blatt nehmen…

Ich bin Dir aber noch den zweiten Zugang zum „All-Täglichen“ schuldig. Er unterscheidet sich nicht in den Begegnungen, den Abläufen, und Du könntest wieder das immer Gleiche, den Alltagstrott, die gleichen Menschen an der Uni oder am Arbeitsplatz, die gleichen Arbeitsabläufe, die gleichen Wege, die abgegangen werden müssen, die gleichen Sprüche der Eltern, der Kolleg*innen, der immer gleichen Gerüche um Dich herum zum Ausgangspunkt nehmen.

Was anders ist, ist die Einstellung dazu! Die Morgen-Meditation „Ein neuer Tag“ der Meditations-App „7mind“ beginnt im Intro mit der Zusage: „Jeder Tag ist ein unbeschriebenes Blatt und bietet eine Chance für neue Erfahrungen. Egal, was für den Tag geplant ist und welche Aufgaben anstehen, es ist nie wirklich gewiss, welche wertvollen Momente der heutige Tag mit sich bringen wird. Daher lass uns einmal gemeinsam üben, sich für alles, was kommt zu öffnen.“

Dieser zweite Zugang zum „All-Täglichen“ kann auch mal im Umräumen  oder Abstauben in er eigenen „bubble“ geschehen. Ihr wirklicher Ort ist aber draußen. Du kannst diesen Tag in Form des „unbeschriebenen Blattes“ heute im Evangelium erkennen. Jesus will in der Synagoge lehren, stattdessen treibt er einen unreinen Geist aus. Ich will nicht zuviel versprechen oder spoilern, aber dieses „stattdessen“ kennzeichnen auch die Evangelien der kommenden beiden Sonntage, mehr noch. Es kennzeichnet den Alltag, das „All-Tägliche“ Jesu. Da ist viel Platz auf dem beinahe unbeschriebenen Blatt.

Du darfst den Dreischritt des letzten Sonntages gerne nochmal aufgreifen, wenn die Frage umgekehrt wird: Wie kann es gelingen, Jesus in Deinen Alltag aufzunehmen, ihm den Raum zu geben, der ihm zusteht, ihn im „All-Täglichen“ zu finden? Schlicht, indem Du Freiraum auf dem Blatt lässt, das Deinen Tag beschreibt. Es ist eben nicht das immer Gleiche, der Alltagstrott, die gleichen Menschen an der Uni oder am Arbeitsplatz, die gleichen Arbeitsabläufe, die gleichen Wege, die abgegangen werden müssen, die gleichen Sprüche der Eltern, der Kolleg*innen, die immer gleichen Gerüche um Dich herum, in denen bzw. dann, wenn Dir Jesus nahe ist! Du brauchst einen Schlüssel, etwas, was Dir all das aufschließt, so, dass Du hinein- oder dahinter schauen kannst. Dieser Schlüssel ist die Annahme – Du weißt: doppelte Bedeutung des Wortes! – dass da immer etwas dahinter ist, dass da immer eine Tiefe ist, die zu suchen sich lohnt.

„Jeder Tag ist ein unbeschriebenes Blatt und bietet Chancen für neue Erfahrungen.“ Mit diesem Bild zu leben ist Meditation, ist eine geistliche Übung gleich nach dem Aufwachen, die auch am Abend – zumindest im Geiste – notieren will, welche neuen Erfahrungen dieser Tag mit sich brachte, wie und wo Dir Jesus begegnet ist oder Du ihn mitgenommen hast. Das gelingt nur, wenn Du in Deinem „Tagebuch“, wie immer es aussehen mag, nicht selbst alles beschreibst, sondern Raum lässt, im Vertrauen, dass sich dieser Raum den Tag über füllt.

Man könnte doch meinen, dass das auch die Art und Weise Jesu gewesen ist, mit seinem „All-Täglichen“ und mit seinen„All-Täglichen“ umzugehen, oder?

Amen.

Köln, 27.01.2024
Harald Klein