06. Sonntag im Jahreskreis – „Compassion“: Leben aus Leidenschaft

  • Predigten
  • –   
  • –   

Jesu offener Blick: Ein Kapitel geht zu Ende, ein neues Kapitel tut sich auf

Du erinnerst Dich? Die Evangelien der vergangenen vier Sonntage hatten alle nur knappe Texte aus dem ersten Kapitel des Markusevangeliums zum Inhalt. In knappen Versen wird hier auch ein Tag im Leben Jesu in dieser Anfangszeit dargestellt: die Begegnung der beiden Jünger mit Jesus, vielleicht am Vortag; die Berufung der ersten Jünger frühmorgens; der Besuch am Vormittag in der Synagoge, wo Jesus in Vollmacht lehrt und aus einem Besessenen einen Dämon, einen „Aber-Geist“ austreibt; dann der Besuch bei der kranken Schwiegermutter des Petrus am Mittag und des Abends das Austreiben vieler Dämonen, vieler „Aber-Geister“ von Menschen, die ihn aufsuchen; am frühen Morgen das einsame Gebet auf dem Berg und der Beginn des Weges durch ganz Galiläa; heute dann die Begegnung mit dem Aussätzigen, der zu Jesus kommt und ihn um Hilfe bittet. „Wenn Du willst, kannst Du machen, dass ich heil werde“, sagt er, und der Evangelist Markus fährt fort: „Jesus hatte Mitleid mit ihm, er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: „Ich will es – werde rein!“

» Die Sünde war ihm vor allem Verweigerung der Teilnahme am Leid der Anderen, war ihm Weigerung, über den Horizont der eigenen Leidensgeschichte hinauszudenken, war ihm, wie Augustinus das nennen wird‚ ,Selbstverkrümmung des Herzens’, Auslieferung an den heimlichen Narzissmus der Kreatur. «
Metz, Johann Baptist (2001): Im Eingedenken fremden Leids. Zu einer Basiskategorie christlicher Gottesrede. In: Metz u.a.: Gottesrede, Münster 2/2001, 11.

Mit dieser Episode endet der – zugegeben: etwas verlängerte – „Tag“ im Leben Jesu. Dieses erste Kapitel des Markus-Evangeliums vermag in den wenigen Versen das zusammenzufassen, was den Alltag Jesu von Anfang an und bis zu seinem Sterben, was seine Identität ausmacht:

  • er hat eine Ausstrahlung, die Menschen anzieht, herausruft, wenn nicht sogar herausfordert und mitnimmt;
  • er spricht die an, die er bei sich haben möchte – oder anders: er verhält sich ansprechend und dabei das Entscheidende aussprechend;
  • er lehrt, wovon das Herz ihm voll ist, und unterscheidet darin klar die Geister;
  • er ist ganz zu Hause bei denen, die zu ihm gehören;
  • eine heilsame, heilende Gegenwart ist für die Leidenden erfahrbar, sie suchen ihn auf;
  • er gebietet über die „Aber-Geister“ in den Menschen um ihn herum;
  • er sucht die Einsamkeit – vor allem die des Morgens – um sich betend seiner Berufung und seines klarer zu werden;
  • er handelt aus Mitleid, in der Haltung der „Compassion“, der Barmherzigkeit, des Mitgefühls – ihm geht es nicht primär um das Erleichtern z.B. der Folgen des Aussatzes, wie heute im Evangelium; ihm geht es um das neue Aufrichten oder Errichten der Würde des ganzen Menschen, der zu ich kommt bzw. der ihm begegnet und um Hilfe bittet.

Wie ein langes Vorwort, wie ein Aufzeigen der Linien, die Jesu Alltag und den Alltag derer, die ihn begleiten, ausmalen, endet dieses erste Kapitel. In allem, was jetzt kommt, kannst Du auf irgendeine Weise diese Punkte, diese Linien wiedererkennen. Blättere gerne mal im Markus-Evangelium herum.

» Die Mystik des Christentums, sagt Metz, ist dagegen eine Mystik der „Mitleidenschaft“ (Compassion), in der ich mich vom Leid der anderen anrühren lasse und daraufhin engagiere. Der Imperativ des Christentums lautet nach Metz: „Aufwachen, die Augen öffnen. Das Christentum ist kein blinder Seelenzauber. Es lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen, sondern eine Mystik der offenen Augen. Im Entdecken, im Sehen von Menschen, die im alltäglichen Gesichtskreis unsichtbar bleiben, beginnt die Sichtbarkeit Gottes, öffnet sich seine Spur."«
Metz, Johann, Baptist (1997): Zum Begriff der neuen Politischen Theologie 1967-1997, Mainz, 57, zit. in: Kuld, Lothar (o.J.): Theologie der Compassion. Biblische Grundlagen und theologische Reflexion sozialen Handelns [online]https://www.schulstiftung-freiburg.de/eip/media/forum/pdf_182.pdf [08.02.2024]

Dein erstes Kapitel: Die Mystik Deiner offenen Augen

In diesem Jahr fällt dieses Evangelium auf den Karnevalssonntag. Ab Mittwoch geht es spirituell in die Fasten- oder die Österliche Bußzeit. Du kannst dieses erste Kapitel des Markus-Evangelium gut als „Anlauf“ nehmen, um Dir selber einmal Linien Deiner Identität, Dir „auszumalen“, was Deinen Alltag gerade ausmacht, du in Kontakt mit dem Alltag Jesu zu bringen. Das gäbe doch einen richtig guten Startpunkt für die Fastenzeit, oder?

Die Aussagen, die der Evangelist Markus über Jesus trifft, kannst Du auf Dich übertragen. Ich liste sie der Einfachheit halber mal in Frageform auf Dich hin auf:

  • wie steht es um Deine Ausstrahlung auf die Menschen in Deinem engsten oder auch im weiteren Umfeld? Was strahlst Du Deiner Meinung nach aus?
  • sprichst Du Menschen an, die Du um Dich haben möchtest, und verhältst Du Dich in dieser Weise ansprechend und dabei das Entscheidende aussprechend?
  • lässt Du die anderen teilhaben an dem, wovon Dein Herz voll ist, und kannst Du in dem die Geister unterscheiden, d.h. was mehr oder was weniger dem Leben dient?
  • bist Du – vor allem innerlich – bei denen zu Hause, die zu Dir gehören? Sind sie zu Hause bei Dir?
  • kannst – und willst – Du den Leidenden um Dich herum heilsam begegnen?
  • bist Du hellhörig, hast Du einen klaren Blick und ein deutliches Wort für die „Aber-Geister“, die Dir an vielen Stellen Deines Lebens begegnen?
  • gönnst Du Dir Zeiten, Gelegenheiten, Orte, an und in denen Du der Frage Raum gibst, was das Leben für Dichund auch von Dir will, was es für Dich bereithält und wovor es Dich warnt?
  • und abschließend die Haltung der Compassion, mit „Mitleid“ völlig falsch und zu kurz gegriffen übersetzt! Es geht um den Blick der Barmherzigkeit auf andere – und auf Dich; um die Haltung des Mitgefühl – auf andere und auf Dich; um Leidenschaft – für andere und für Dich. Es geht darum, leidenschaftlich, aus Deiner eigenen Passion i.S.v. Leidenschaftlichkeit heraus zu leben, auf Dich hin und auf andere hin.

„ Passion“ meint im Christentum das Leiden und Sterben Jesu, aber beides war die Folge seiner Leidenschaft für die Menschen und für Gottes Reich. Es wäre zu kurz gegriffen, in der Passionszeit nur nach dem zu fragen, worauf Du verzichten willst – Gott macht sich wenig aus dem Verzicht auf Wein und Bier und Gummibärchen in den Tagen vor Ostern! Die spirituelle Deutung der Bußzeit will weniger ein Weniger als mehr ein Mehr! Auf den Punkt gebracht: es könnte um ein Mehr an leidenschaftlicherem Leben gehen. Wertvoller als die Frage „Wovon weg?“ ist die Frage „Wohin und zu wem?“ Wohin und zu wem führt Dich Deine Leidenschaft? Oder anders: ob es Deine Leidenschaft ist, die Dich führt!

Aber dafür haben wir, haben Du und ich, jetzt ja einige Kapitel, Tage, Wochen Zeit. In diesem Sinne heute schon mal eine gute Passionszeit für Dich.

Amen.

Köln, 08.02.2024
Harald Klein