Das dreimalige „und“
Wer hätte gedacht, dass ich noch einmal wirklich neugierig nach dem griechischen Urtext eines Evangeliums greife, um zu überprüfen, ob eine Übersetzung vielleicht doch – nennen wir es mal – sehr frei gestaltet wurde, oder ob sie dem Urtext getreu geschehen ist. In zwei Sätzen dreimal das Bindewort „und“ zu benutzen, zeugt von keinem guten literarischen Stil, noch dazu, wenn im dritten Satz der prozentuale Ansatz des „und“ 25 % im griechischen wie im deutschen Text ausmachen.
Dreimal steht das „und“ für eine Folge aus dem Vorangegangenen: Jesus sieht Matthäus, und er spricht ihn an. UndMatthäus fühlt sich angesprochen. Und er steht auf und folgt Jesus.
Das eine führt zum anderen – es gibt einen oder mehrere Auslöser, und es gibt Folgen, die diese Auslöser herauslocken, herausrufen, evozieren. Im Film Monsieur Matthieu und seine Kinder wird das Schema „Aktion – Reaktion“ sehr bitter beschrieben. Da geht es um Strafen, die durch Handlungen der Kinder „evoziert“ werden. Hier ist es anders.
Wer führt das dreimalige „und“ an?
Für einen geistliche wachen Menschen ist das Muster „Aktion – Reaktion“ absolut nicht zureichend, um Grundlage für ein ethisches, ein zwischenmenschlich auf Wachstum und Reifung hin ausgelegtes Handeln zu sein. Dieses Muster beschreibt entweder ein inneres Getriebensein – etwas, dass mich an das Ekel-Spielzug „Slime“ erinnert: du hast diese knallbunte Masse in der Hand, und je nach Handbewegung rutscht dieses schleimige Etwas dahin, wohin es die führende Hand „evoziert.“ Die Hand des anderen hat die Führung, nicht der Einzelne, im Beispiel nicht die „Slime“-Masse selbst.
Oder du schaust dir – pars pro toto – die Pharisäer an, die sich darüber empören, dass Jesus – übrigens nach einem vierten „und“ – dem Matthäus in dessen Haus folgt und dort mit vielen Zöllnern und Sündern isst. Nicht nur das innere Getriebensein ist Zeichen für das Fehlen geistiger Wachheit, sondern auch das starre Festhalten an Verhaltensregeln, Gewohnheiten oder Routinen (bitte lies das „starre Festhalten“ gut mit, sonst wäre der Satz sinnentleert). Man isst halt nicht mit Zöllnern und Sündern, basta! Hier haben Verhaltensregeln, Gewohnheiten oder Routinen die Führung, nicht die beteiligten Menschen selbst.
Die „Inneren Wächter“
Ich schlage dir das Bild einer „Führung“ vor, einer inneren Institution, die dich durchs Leben führen will und der du vertrauen kannst. Dafür gibt es in der Spiritualität verschiedene Bilder. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie wachen über dein Leben, deine Entscheidungen, deine Versuchungen, dein Tun und dein Lassen, und sie unterstützen dich in der Führung deines Lebens (du ahnst, wie herrlich doppeldeutig dieser Begriff ist!). Ich sammle diese Geister und Kräfte gerne unter der Bezeichnung „Innere Wächter.“
Anne Vonjahr verwendet in ihrer „Phönixerfahrung“ gleich 44 (Arche-) Typen von diesen Geistern und Kräften, die (dir) deine Lebensführung erleichtern. Von all denen gefällt mir „der Weggefährte/die Weggefährtin“ aus meiner Erfahrung heraus sehr gut.[1] In der Fasten- und der Osterzeit 2025 und in „verw:ortet 03/2025“ habe ich diese „Inneren Wächter“ unter „auf links gedreht“ mit den Evangelien in Beziehung gesetzt. Heute könnte daraus die Frage erwachsen, welcher „Innere Wächter“ Jesus bewogen hat, ausgerechnet diesen Zöllner Matthäus in seine Gefolgschaft zu rufen, und welcher „Innere Wächter“ Matthäus ihm hat folgen lassen. Die Qualitäten des guten „Inneren Wächters“ sind am Ende von „verw:ortet 03/2025“ aufgelistet – etwas verfremdet in ihrem beschriebenen Gegenteil.
Umgekehrt gilt: Bei den Pharisäern scheint der „Innere Wächter“ seinen Posten verlassen zu haben. Die Pharisäer haben die Tür ihres Lebenshauses von innen verschlossen, wie Gollum im „Herrn der Ringe“ bewahren sie den Schatz ihrer Tradition, der Routinen und Gewohnheiten. Sie haben – anders als Matthäus, vergessen, dass ein Ruf sie ruft, und nicht sie den Ruf“.[2] Da fehlt die Luft zum Wachsen und Reifen, und alles, was außerhalb und neben ihnen wächst und reift, hat für sie die Qualität der Bedrohung.
Neben dem Festhalten an Tradition, Routinen und Gewohnheiten entsteht ein zweites Extrem, wenn der „innere Wächter“ fehlt. Die Tür des Lebenshauses wird nicht von innen verschlossen, sondern, sie wird aus den Angeln gehoben und öffnet so jedem Geist und Ungeist Tür und Tor. An die Stelle des „inneren Wächters“ treten die „Inneren Antreiber“. Die beiden Autoren Ronald Schweppe und Aljoscha Longe geben – ähnlich wie Anne Vonjahr – den „Affen im Kopf“ Namen.[3] Da ist z.B. der „Affe der Vergangenheit“, der Führung durchs Leben schamvoll und verängstet unmöglich macht, oder der Affe der Fantasie, der dich aller Realität zu entziehen vermag. Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.
Mit dem „Inneren Wächter“ in Verbindung bleiben
„Menschen vergessen manchmal“, sagt Anne Vonjahr, „dass ein Ruf sie ruft, nicht sie den Ruf.“ Die Szene dieses Evangeliums vor Augen, kannst du dem Ruf Jesu folgen, der dir wie dem Matthäus gilt. Wenn du magst, lass es den Ruf des Lebens sein, der dir gilt. Wichtiger als der Rufer ist der Ruf, der dich erreicht. Es geht um dich, um dein Leben, um dein Entscheiden oder Lassen.
Und dann sieh zu und sieh nach, ob dein „Innerer Wächter“ auch da und dabei ist. Lass nicht zu, dass die Tür deines Lebenshauses allem Neuen, allem dich Rufenden gegenüber verschlossen bleibt
Und lass nicht zu, dass die „Affen im Kopf“ pharisäerhaft alles Neue zu verhindern wissen, alle Wagnisse und alles Gewagte als abwegig, den „richtigen“ Weg verlassend oder gar nicht einschlagend,
Vielleicht ist die Meditation, ist das Gebet – und dann der Austausch mit deinen „Archetypen“, die hoffentlich über die Karten von Anne Vonjahr hinausgehen, die Namen, Anschrift und Telefonnummer haben, so etwas wie personifizierte „Äußere Wächter“, die du deinem „Inneren Wächter“ getrost zur Seite stellen kannst. Vielleicht findest du im Austausch mit ihnen – Jesus macht das beim Essen – zu deiner ganz eigenen Lebensweisheit, die mit anderen zu teilen lohnt. Ich glaube, dem Matthäus ging es so. Bei den Pharisäern bin ich mir eher unsicher.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 03.06.2026
Harald Klein
[1] vgl. Vonjahr, Anne (2024): Die Phönix-Karten. 44 Archetypen für dein inneres Licht. Anleitungen und Deutungen, Kiel; dies. (2023): Die Phönix-Erfahrung. Wie du auf einer magischen Reise deine Schatten heilst und dein wahres Selbst erkennst, München.
[2] vgl. Vonjahr, Anne (2023): 238.
[3] Schweppe, Roland/Long, Aljoscha (2020): Affen im Kopf. Mentale Gelassenheitsstrategien für einen ruhigen Geist, 2. Aufl., München.