„Die Grenzen meiner Sprache…“
Wenn du ein wenig bewandert in der Philosophie des 20. Jahrhunderts bist, kennst du mit Sicherheit den oben zitierten Satzanfang. Die Ergänzung, die den Satz vollendet, ist in der nächsten Überschrift zu finden.[1]
Ich will beginnen mit den Grenzen der Sprache Jesu. Ich meine nicht nur die aramäische Muttersprache, die seinen Alltag ins Wort und Worte in seinen Alltag brachte. Die hat er mit der Muttermilch aufgenommen. Ich meine auch seine Bilderwelt, mit der er seine Predigten und seine Gleichnisse lehrend und doch auch freilassend den Menschen vorstellte. Es ist eine Binsenweisheit: Jesu Gleichnisse und Predigten haben nur Bilder aus seiner Lebenswelt – denn andere hatte er nicht! Anders ausgedrückt: Seine Lebenswelt und das, was er darin beschreiben und benennen kann, beschreiben die Grenzen seiner Sprache. Da geht es dir und mir wie ihm.
„… bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Das drückt dieser zweite Teil des Zitates von Ludwig Wittgenstein aus. Du und ich – und Jesus mit den Seinen – können nur über die Dinge nachdenken, sie verstehen und ausdrücken, für die wir auch sprachliche Begriffe besitzen, die mit anderen im Gespräch verständlich geteilt werden. Wittgenstein würde sagen, dass unsre eigene, aber auch unsere geteilte Welt da aufhört, wo unser Wortschatz endet.
bedeuten die Grenzen meiner Welt. «
Jesus sendet die Seinen in „seine“ Welt
Das im Kopf, klingt das Evangelium gleich ganz anders. Da ist die Rede von müden und erschöpften Menschen, da ist die Rede vom Mitleid Jesu mit ihnen, die wie Schafe ohne Hirten sind. Schafe ohne Hirten: Alltags- und Lebenswelt Jesu und Alltags- und Lebenswelt seiner Jünger.
Jesus blickt auf diese Menschen, blickt auf die Jünger und ruft zwölf davon namentlich heraus – jeder einzelne in dieser engen Lebenswelt Jesu hat eben auch seine Gaben und seine Begrenzung. Das läuft auch bei dir immer mit, wenn du an einen Menschen namentlich denkst. Zurück zu Jesus: Den Zwölfen überträgt er die Vollmacht, unreine Geister auszutreiben, und denen trägt er auf: „Geht nicht den Weg zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,5-8)
Wie von Wittgenstein behauptet: In den Grenzen der Sprache Jesu werden auch die Grenzen seiner Welt deutlich. Unsere Sprache hat sich verändert, erweitert, in einer Schnelligkeit und mit Begriffen, die es mir schwer machen, noch mitzukommen. Und mit der Sprache, mit den Begriffen wird eine Welt und eine Weltsicht gefasst, die mich schwindelnd machen kann.
Zwei Beispiele möchte ich dir mitgeben: Individualität und Selbstmitgefühl.
Individualität: Eine inhaltliche Erweiterung in der Lebenswelt Jesu
„…wie Schafe, die keinen Hirten haben!“, so beschreibt Jesus die Menschen, denen er begegnet. Da klingt Herde mit, vielleicht auch Schutzlosigkeit und Heimatlosigkeit, aber auch der Stab und der Hund des Hirten, der den Weg vorgibt. Der Gewinn der Individualität, der eigenen Persönlichkeit spricht in unserer Lebenswelt gegen die Herde, in die du gesteckt wirst, in der du mitzulaufen hast. Mir ist es ein großer Gewinn, meine „Herde“ selbst suchen und zusammenstellen zu können, und den gemeinsamen Weg dann ohne Stab und Hund eines Hirten zu gehen, dem ich mich, dem wir uns unterzuordnen haben – es sei denn, ich entschließe mich, mich von ihm führen zu lassen. Wer sich heute als Hirte sieht und aufspielt, darf sich nicht wundern, wenn die aufgeklärten Schafe ihm davonlaufen.
Selbstmitgefühl: Eine methodische Erweiterung in der Lebenswelt Jesu
„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen“, schreibt Matthäus zu Beginn des heutigen Evangeliums. Mitleid bedeutet, mit dem anderen zu leiden, was oft in eine eigene Hilflosigkeit führt und den, der mitleidig ist, auch schmerzt. Mitleid kann zu emotionaler Überwältigung führen, das Leid des anderen lässt ihn als Opfer erscheinen, drängt ihn in eine Opferrolle, was im schlimmsten Falle von ihm als herablassend empfunden wird. Das ist die Lebenswelt Jesu – am Ende heißt es: geht, heilt, verkündet, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus. Mitleid wird zum Motor eines Erfüllungsauftrages; der, dem Mitleid gilt, dient am Ende dem, der aus Mitleid handelt. Der Mitleidende heilt sein eigenes (Mit-) Leiden.
Eine perverse Steigerung davon ist das Selbstmitleid. Kurz gesagt arbeitest du dich im Selbstmitleid an den Symptomendes Leidens ab, kommst aber nicht dahin, die Wurzel zu heilen. Und oft führt das Selbstmitleid in einen passiven, opferzentrierten Zustand, der in Isolation, Hilflosigkeit und Energieverlust münden kann.
Ganz anders das Mitgefühl: In dieser Haltung spürst du die Emotionen des anderen, bewahrst dir aber einen klaren Kopf und deine eigene emotionale Stabilität. Hier taucht eine Wertschätzung auf, die dem Mitleid fehlt. Die Anteilnahme, die dem Mitgefühl entspringt, spendet Kraft und dazu eine wirkliche, lösungsorientierte Hilfe auf Augenhöhe. – Im Beispiel von der Lebenswelt Jesu: entweder treffen sich hier zwei Hirten, oder zwei Schafe – aber das Gefälle Hirt-Schaf ist aufgehoben.
Und damit ist glaube ich klar, was das Evangelium mir heute mitgibt und was ich dir gerne mitgeben möchte. Es fehlt noch das Selbstmitgefühl. Selbstmitgefühl ist eine konstruktive, verständnisvolle Haltung dir selbst gegenüber, die Kraft gibt und mit anderen verbindet. Für die amerikanische Psychologin Kristin Neff sind Achtsamkeit, Menschlichkeit und Freundlichkeit die drei Säulen des Selbstmitgefühls[2]. Nicht Stock und Stab oder der Hirtenhund helfen dir, dich selbst zu leiten, zu führen, zu heilen, sondern eben deine eigene Achtsamkeit, deine eigene Menschlichkeit und deine eigene Freundlichkeit dir selbst gegenüber.
Und hier schließt sich der Keis: In der stetigen Entwicklung von Lebenswelt und Sprache kannst du ahnen, was Jesus in seiner Welt, in seiner Sprache auszudrücken versuchte und warum bzw. zu wem er die Seinen sandte. Aber in deinerWelt und in deiner Sprache sind es nicht zuerst biblische oder kirchliche Wege und Weisungen, die dich führen und leiten. Es sind Worte und Begriffe, es ist eine Sprache, die über die der alten Heiligen Schriften hinausgehen und die der Lebenswirklichkeit der Gegenwart entsprechen. Und nur die, die achtsam, menschlich, freundlich zu sich und über sich hinaus zu anderen sind, erfüllten in der Gegenwart, was Jesus in seiner Lebenswelt ausdrückte: „Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,7f).
Lass dein Selbstmitleid, ergründe dein Selbstmitgefühl, und du beginnst, dich, die Menschen und die Welt um dich herum mit Jesu Augen zu sehen.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 12.06.2026
Harald Klein
[1] „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ – Das Zitat findet sich als „Satz 5.6.“ des „Tractatus logico-philosophicus“ in Sloterdijk, Peter (1970): Wittgenstein. Ausgewählt und vorgestellt von Thomas H. Macho, Reihe Philosophie jetzt!, Göttingen 1984, 148.
[2] Die Bücher von Kristin Neff sind im Arbor-Verlag Freiburg erschienen, eine Übersicht findest du hier. Am Ende der Seite ist eine 20min Übung zum Selbstmitgefühl angeboten.