12. Sonntag im Jahreskreis – „Jesus betete für sich allein, und seine Jünger waren bei ihm“, oder: Beten und Resonanz

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Das Einordnen des Evangeliums

Das neunte Kapitel des Lukasevangeliums hat es in sich, da ist Bewegung drin. Hier unterbricht Lukas die Erzählungen von Jesu Wirksamkeit in Galiläa – die Zwölf werden ausgesandt mit Jesu Kraft und Vollmacht, Dämonen zu vertreiben und Kranke zu heilen. Ihre Rückkehr wird beschrieben, und ihre Erzählungen über das, was sie in ihrer Mission getan haben. Ein „Zwischenspiel“: Während sie unterwegs sind, spricht Herodes das Todesurteil über Johannes. Der Zusammenkunft Jesu mit seinen zurückgekehrten Jüngern schließen sich viele Menschen an, das Brotwunder der Speisung der Fünftausend beendet in Lk 9,17 die Darstellung der Wirksamkeit Jesu.

Mit Lk 9,18 beginnt Jesu Weg zur Passion, sein Wandern mit den Jüngern Jerusalem entgegen.

» An Stellen, wo wir nicht mehr weiterwissen, soll Gott uns sagen, wie es weitergeht; in Situationen, da für uns nichts mehr zu machen ist, soll Gott zu unseren Gunsten etwas machen. «
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium Bd.1: Bilder erinnerter Zukunft, Düsseldorf, 646.

Das Beten Jesu

Diesen Aufbruch ins Neue, in Neues, dieses Wagnis des Gewagten lässt Lukas mit einem eigenartigen Bild beginnen. Dem Aufbruch geht ein Gebet voran. Drei Bibelübersetzungen geben denselben Vers in Lk 9,18 verschieden wieder. Die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 schreibt: „In jener Zeit betete Jesus für sich allein und die Jünger waren bei ihm.“[1] – Die nicht-revidierte Vorgänger-Einheitsübersetzung schreibt: „Jesus betete einmal in der Einsamkeit, und die Jünger waren bei ihm.“[2] – Eugen Drewermann übersetzt den Vers: „Und es geschah, indem er im Gebet war, für sich allein, waren (nur) bei ihm die Jünger.“[3]

Dieser eine Satz soll für die Predigt genügen – das sich anschließende berühmte Messias-Bekenntnis des Petrus und die Frage Jesu, für wen die Menschen und für wen die Jünger ihn wohl halten, ist oft genug bedacht worden.

Eines haben alle diese drei Sätze gemeinsam: Es geht um das Beten, genauer: es geht um das Beten Jesu. Das Spannende: Jede dieser drei Übersetzungsmöglichkeiten lässt andere Facetten des Betens Jeu aufscheinen – und, so zumindest die These – alle haben Bestand, dürfen sein, habe ihre eigene Wirklichkeit, gerade auch für unsereigenes Beten.

» Gebet als Mittel, die Gottheit mit unseren Bedürfnissen zu konfrontieren und unsere eigenen Interessen auszudehnen bis zum Himmel – wenn es so steht, ist Beten nur ein erster Akt, auf sich selbst aufmerksam zu machen;... «
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium Bd.1: Bilder erinnerter Zukunft, Düsseldorf, 646.

Beten „für sich allein“

Wenn jemand für sich allein betet – so die revidierte Einheitsübersetzung und Eugen Drewermann –, kann das zum einen subjektiv heißen, dass dieser Mensch Gott mit seinem Leben und Erleben, und zwar nur mit seinem Leben und Erleben konfrontiert. Sie kennen das von Jesus im Garten Gethsemane am Ölberg vor seiner Verhaftung. Es kann aber auch objektiv heißen, dass der betende Mensch eben alleine betend in eine Abgeschiedenheit, in die Kammer seines Herzes geht, um zu beten; jemand betet für sich allein, auch und wenn die Seinen gleich nebenan dabei sind.

Alle drei Versionen weisen auf die dabei seienden Jünger hin, vielleicht ist hier die räumliche Nähe zum betenden Jesus gemeint; ich kenne aber auch den Satz: „Ich habe gebetet, und Du warst dabei!“ – mitten im „Für-sich-allein-Sein“ Jesu drückt sich die menschliche Nähe zu den Seinen betend aus.

» ... weit wichtiger indessen ist es, im Gebet auf sich selbst aufmerksam zu werden. Und das geschieht! Kein Mensch würde sich an die Gottheit wenden ohne Vertrauen, irgendwie gehört zu werden – gehört, nicht unbedingt erhört. «
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium Bd.1: Bilder erinnerter Zukunft, Düsseldorf, 646.

Beten in der Einsamkeit

Das gleiche Vorgehen gelingt bei der Formulierung, Jesus betete „in der Einsamkeit“, wie es die nicht-revidierte Einheitsübersetzung vorschlägt. Es kann der lokale und räumlich einsam gelegene äußere Rückzugsort ebenso gemeint sein wie die gefühlte, erlebte innere Einsamkeit als Zustand erfahrener Leere und Sinnlosigkeit, der zum Beten drängt. Wenn in diesem Zustand die Jünger lokal bei Jesus sind, greifbar für ihn und doch ungreifbar, weil sie – wie im Garten Gethsemane – schlafen, dann werden Sie gut nachspüren können, dass dieser innere Zustand kaum zum Aushalten ist.

Eugen Drewermann fasst diese vielen Facetten des Betens – nicht nur Jesu, sondern auch unseres – zusammen und kommt zum Schluss: „An Stellen, wo wir nicht mehr weiterwissen, soll Gott uns sagen, wie es weitergeht; in Situationen, da für uns nichts mehr zu machen ist, soll Gott zu unseren Gunsten etwas machen. Gebet als Mittel, die Gottheit mit unseren Bedürfnissen zu konfrontieren und unsere eigenen Interessen auszudehnen bis zum Himmel – wenn es so steht, ist Beten nur ein erster Akt, auf sich selbst aufmerksam zu machen; weit wichtiger indessen ist es, im Gebet auf sich selbst aufmerksam zu werden. Und das geschieht! Kein Mensch würde sich an die Gottheit wenden ohne Vertrauen, irgendwie gehört zu werden – gehört, nicht unbedingt erhört.“[4]

»Resonanz [...] bezeichnet ein wechselseitiges Antwortverhältnis, bei dem die Subjekte sich nicht nur berühren lassen, sondern ihrerseits zugleich zu berühren, das heißt handelnd Welt zu erreichen vermögen. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 270.

Gebet und Resonanz: Berühren und berühren lassen

Sie haben den betenden Jesus vor Augen – für sich allein (zweifacher Sinn!) betend, in der Einsamkeit (zweifacher Sinn!) betend, seine Jünger waren bei ihm (zweifacher Sinn!). Das sind sechs Weisen des Gebetes – vielleicht ist eine davon mehr, eine andere weniger die Ihre. Im Beten nicht nur Gott auf sich aufmerksam machen, sondern im Beten vor Gott aufmerksam auf mich selbst werden – das kann mit dem Resonanz-Begriff von Hartmut Rosa umschrieben werden: „Resonanz […] bezeichnet ein wechselseitiges Antwortverhältnis, bei dem die Subjekte sich nicht nur berühren lassen, sondern ihrerseits zugleich zu berühren, das heißt handelnd Welt zu erreichenvermögen.“[5]

So betend kann der Aufbruch Jesu in seine Passion, kann jeder Aufbruch gestärkt  werden und gelingen – am Beispiel Jesu heißt das: (1) sich (vor) Gott allein stellen; (2) für sich allein die Resonanz zu Gott erspüren; (3) die eigene innere Einsamkeit, vielleicht im Erleben von Unverständnis, vielleicht als Angst, im Kreis derer um ihn herum erleiden; (4) an der äußeren Einsamkeit zerbrechen, mehr ahnend als wissend, wohin der Weg geht; (5) trotz all dem in das Resonanzverhältnis Gott seine Jünger innerlich hineinnehmen; (4) mit ihnen und an ihnen, die lokal bei ihm sind, handelnd und gestaltend die Welt erreichen.

„In jener Zeit betete Jesus für sich allein und die Jünger waren bei ihm“: Was ein einziger kleiner Satz so alles an Aussagen und Impulsen mit sich bringen kann – manchmal kann ich nur staunen.

Amen.

Köln 16.06.2022
Harald Klein

[1] vgl. das Tagesevangelium [online] https://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz/index.html?datum=2022-06-19 [16.06.2022]

[2] vgl. [online] https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/lk9.html [16.06.2022]

[3] Drewermann, Eugen (2009): Das Lukas-Evangelium. Bd. 1: Bilder erinnerter Zukunft, Düsseldorf, 644.

[4] Drewermann, Eugen (2009): Das Lukas-Evangelium. Bd. 1: Bilder erinnerter Zukunft, Düsseldorf, 646.

[5] Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., Berlin, 270.