„Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“
Da steht Jesus vor den Jüngern und verhält sich wie ein Reporter der BILD: „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, nicht ist verborgen, was nicht bekannt wird.“ Und dann der Aufruf zum Tratschen und Ausplaudern: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!“ (Mt 10,26f)
Diese Worte als Frohe Botschaft hören, schlägt all denen die Hand ins Gesicht, die sich z.B. über ein Verbot von Social Media, bezogen auf Gewaltverherrlichung o.ä., Gedanken machen – und all denen, die auf welche Weise auch immer Opfer von Deepfake, Mobbing oder Stalking usw. geworden sind, sei es im Internet, sei es im alltäglichen Leben. Oder nehmen Sie den Datenschutz und seine Grundordnung – es geht ja nicht zuerst darum, keine Werbung ins Email-Postfach oder „gutgemeinte“ Hinweise auf effektive Hörgeräte, verbunden mit einem Gewinnspiel, zu bekommen, oder – so ätzend es ist – Opfer von finanziellem Betrug im Netz zu werden. Es geht um den Schutz einer Privatsphäre, der Grundrechte, der informellen Selbstbestimmung – und all das geht vor die Hunde, wenn alles, was „verhüllt“ gehört, grundlos „enthüllt“ wird; wenn das, was du mir leise ins Ohr anvertraust, von mir von den Dächern anderen gegenüber herausposaunt und z.B. übers Netz oder auch aufgrund von Indiskretion „verkündet“ würde.
Wenn Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht vor Menschen!“ (Mt 10,26), möchte ich ihn lieber fragen: „Vor wem denn bitte sonst?“ Die Schlagzeilen – wohl nicht nur der BILD – sind doch voll der Namen von Menschen, vor denen mir fürchtet, u d da weiß ich mich nicht allein.
Der Tod des Leibes – der Tod der Seele
Also: „Jesus, vor wem denn sonst?“ Und Jesus hat auf meine Nachfrage eine Antwort parat. „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“ (Mt 10,28) Auch diesen Dualismus, mein lieber Jesus, teile ich nicht mit dir, ist der Mensch doch viel zu sehr eine Leib-Seele-Einheit, und frohen Mutes sterben, weil es ja nur der Leib ist, und die Seele vermutlich weiterlebt – das hilft mir nicht wirklich.
Eugen Drewermann hat noch einen anderen Blickwinkel auf diese seltsame Perikope und kommentiert sie wie folgt:
„Es ist Jesus selber, der findet, dass es etwas Schlimmeres gibt als den Tod. Dieses wirkliche Schlimme, der wirkliche ‚Tod‘, besteht in seinen Augen darin, mit dem Leben gar nicht erst richtig zu beginnen, indem man aus lauter Angst vor dem Sterben alles vermeidet, was das menschliche Leben ausmacht an großer und starker Hoffnung und Leidenschaft, an Perspektive und Verlangen, an Sehnsucht und Würde. In der Angst vor dem Tod, wenn man ihn endgültig nimmt, verkrümmt und verkümmert das Leben immer mehr; es ist kein Leben mehr, es ist ein schleichender Tod. Daher ,meint Jesus, sollten wir im Blick auf Gott Vertrauen gewinnen in die Wahrheit, die wir sehen können.“[1]
Die Frage nach dem Wert meines Lebens
Mich spricht dieser Hinweis Drewermann sehr an: (1) im Blick auf Gott (2) Vertrauen gewinnen (3) in die Wahrheit, die wir sehen können.
Zum Ende des Evangeliums hin bringt Jesus den Vergleich des Lebens eines Menschen mit zwei Spatzen, die man um einen Pfennig verkaufen kann, und doch, so Jesus, fiele keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen des himmlischen Vaters. (Mt 10,29). Und er fährt fort: Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid viel mehr wert als viele Spatzen. (Mt 10,30f)
Ehrlich gesagt hat für mich auch dieses Gleichnis ein BILD-Niveau. Das bekomme ich auch ohne Jesus hin, dass ich mehr „Wert“ habe als zwei oder mehr Spatzen. Die Frage nach dem „Materialwert“ des Menschen ist ernüchternd,[2] auf „elementarer“ Ebene ist z.B. ein Mann mit 80 kg Körpergewicht ca. 660 € wert. Aber danach wird ja – quasi ökonomisch oder rein nutzenorientiert – nicht gefragt. Gefragt wird z.B. nach dem Wert eines Menschen für die Gesellschaft, für die Kirche, für seine Familie oder seine Freundinnen und Freunde. Wert ist eben eine ökonomische Kategorie – etwa i.S.v. „Was springt raus für mich, wenn ich mit dir zusammen bin?“ o.ä. Aus gesellschaftlicher oder kirchlicher Ebene: „Welchen Wert hat es für den sozialen Frieden bzw. für die Weitergabe des Evangeliums, wenn dieser oder jene in die Verantwortung genommen wird? Was soll am Ende dabei herausspringen?“ Vielleicht kann man sagen, dass, wenn Beziehungen und Verhältnisse zueinander berechenbar sind, sie der Tiefe und des Geheimnisses entbehren. Vom Wert eines Menschen reden, heißt ihn in Dienst zu nehmen, ihn für die eigenen Zwecke zu gebrauchen. Oder anders: jemanden liebenswert zu finden heißt, eine Sichtweise auf jemanden haben, aber noch lange nicht, ihn zu lieben; umgekehrt heißt jemanden als verachtenswert zu labeln eben genau das: er bekommt ein „Etikett“, was nicht heißen muss, dass du ihn verachtest oder dass er es objektiv sei. . Beide Beispiele erfüllen den dritten Teil des Drewermann’schen Hinweises: jemandem einen Wert zusprechen, heiß auszugehen von einer Wahrheit, die du siehst oder sehen kannst oder zumindest vermutest – die aber vor allem als Bild in deinem Kopf, in deiner Deutung und Interpretation dieses Menschen existiert.
Die Frage nach der Würde meines Lebens
Von daher hilft es, sich vom Bewerten der Menschen möglichst freizuhalten und statt beim Wert bei der Würde des Menschen anzusetzen. Der evangelische Theologe Hermann Barth (1945-2017) hat in einer Ökumenischen Ringvorlesung 2007 in Hannover über „Würde und Werte im Verfassungsrecht“ referiert[3] und dabei den Menschen in seiner Würde mit sechs Grundhaltungen umschrieben.
Menschenwürde konkretisiert sich darin, dass ein Mensch „(1) als Zweck und nicht als bloßes Mittel gebraucht wird, (2) als Person geachtet und nicht zum Objekt herabgewürdigt wird, (3) Selbstbestimmung üben kann und nicht völlig fremdbestimmt wird, (4) Entscheidungsfreiheit behält und nicht durch Zwangsmaßnahmen gefügig gemacht wird, (5) in der Sphäre seiner Intimität bleiben kann und nicht bloßgestellt wird und (6) als gleichberechtigt behandelt und nicht diskriminiert wird.“[4]
Das, lieber Jesus, mag keine religiöse i.S.v. der Lehre entsprechende Sicht des Menschen, eine spirituelle i.S.v. geistgewirkte und geistdurchtränkte, dialogische und auf Entwicklung des Menschlichen ausgerichtete Sicht ist es allemal. Aber vielleicht brauchte es erst einige Jahrhunderte Philosophie, einen Immanuel Kant und einen P. Christian Schütz OSB[5], um das zu erkennen. Du siehst, das Evangelium schreit sich weiter.
So viel für heute und für diese Woche.
Köln, 19.06.2026
Harald Klein
[1] Drewermann, Eugen (1994): Das Matthäus-Evangelium. Bilder der Erfüllung, Bd. 2, Düsseldorf, 167f; Hervorhebungen im Original.
[2] vgl. z.B. [online] https://www.youtube.com/watch?v=2IKyVVU1yXo [17.06.2026], das Erklär-Video schlüsselt die elf Kern- und einige Spurenlemente in unsere Körper auf.
[3] vgl. [online] https://www.ekd.de/070625_barth_hannover.htm [17.06.2026]
[4] ebd.
[5] vgl. [online] https://www.harald-klein.koeln/wp-admin/post.php?post=4161&action=edit [19.06.2026]