13. Sonntag im Jahreskreis:
Jesus „mehr lieben“?

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Die kindlich-pubertäre Vorstellung des „mehr liebhaben / mehr liebgehabt werden“

Wenn das Evangelium des Matthäus letzten Sonntag schon ein Quasi-BILD-Zeitungs-Niveau erreicht hat – du erinnerst dich vielleicht an das „Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, nicht ist verborgen, was nicht bekannt wird“ -, so ist die Fortsetzung im gleichen 10. Kapitel noch eine Nummer schärfer. Da werden Jesus folgende Worte in den Mund gelegt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ (Mt 10,37)

Mich erinnert es an die Frage von Geschwistern, wen von beiden Mama und/oder Papa denn „mehr“ liebhätten, den einen oder die andere – und an die vielleicht einzige Antwortmöglichkeit, die allerdings nicht wirklich zu beruhigen vermag: „Wir haben euch beide alle gleich lieb!“ Kennst du die Situation?

Was im Kindesalter erfragt und mit Antwort erbeten wird, wird in der Pubertät mit der ihr eigentümlichen und oft wandelnden Sicherheit von den Jugendlichen beantwortet mit „Ihr versteht mich sowieso nicht“ oder „Ich bin euch doch sowieso egal“. Da ist es ratsam, die Eltern schweigen und antworten durch ihr Handeln. Kennst du auch diese Situation?

Aber Jesus spricht im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums nicht mit Kindern oder Jugendlichen, sondern zu seinen engsten Freunden und Gefährten. Es geht um deren Aussendung zu den Menschen in der Umgebung, und es geht darum, die Botschaft vom kommenden Reiches Gottes zu vermitteln. In dieser Situation fordert Jesus als Zeichen von Zugehörigkeit ihm gegenüber eine je größere Liebe ein: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert…“

Die einzig mögliche Antwort auf so einen Satz kann nur sein, sich auf dem Absatz umzudrehen und zu gehen – jemand, selbst Jesus, der meine größte (i.S.v. multum, also Masse) Liebe fordert, der ist meiner und meiner Liebe nicht wert!

Ein Rettungsversuch – bei/mit Jesus (und Erich Fromm) lieben lernen

Spannend wird dieses „Vater und Mutter lieben“ oder „Sohn und Tochter lieben“ vermutlich dann, wenn es gerade mal (oder auf lange Zeit hin) schwierig ist mit dieser Liebe. Von hier aus lässt sich dieses Wort Jesu retten – zumindest möchte ich es versuchen.

Du weißt, wie wichtig mir der Begriff der Spiritualität ist. Neben Religion (i.S.v. Lehre, die geglaubt wird/werden soll) und Frömmigkeit (der Glaube, wie er geglaubt wird/werden soll) meint Spiritualität einen Geist, in dem ich mich sowohl zu Religion und Frömmigkeit verhalte, in dem ich aber auch meinen Alltag gestalte, so, dass ich auskunftsfähig bin, warum ich das so und nicht anders sehe; ein meinem Leben Gestalt gebender Geist, durch den ich mehr Mensch, in dem ichmenschlicher werde (im Humanum reifen, sagt die spirituelle Theologie dazu). So, und jetzt kommt es: zu all dem brauche ich Jesus nicht! Wenn ich mich aber in den drei Punkten auf Jesus berufe, dann ist es eine christliche Spiritualität.

Du ahnst schon die Verbindung zum Evangelium? In christlicher Spiritualität, im Blick auf den liebenden Jesus, kann es kein „mehr“ im Sinne der kindlich-pubertären Frage geben; was geht, ist z.B. der Punkt, dass ich bei dir, mit dir und auf dich hin mehr Mensch sein kann und werde als anderen gegenüber bzw. bei anderen. Es ist aber – und hier kommt Erich Fromm ins Spiel – die ein und dieselbe Liebe, die sich in diesem Verhalten ausdrückt.[1]

Liebe als Haltung

Wenn du Fromms „Kunst des Liebens“ liest, findest du vier Grundelemente der Liebe beschrieben: (1) Fürsorge – als aktive Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben; (2) Verantwortung – als freiwilliger Akt, auf die Bedürfnisse des anderen und seiner Entwicklung zu reagieren; (3) Achtung/Respekt – als die Haltung, die anderen so zu sehen, wie sie sind, ohne sie für eigene Zwecke beherrschen oder formen zu wollen; und (4) Erkenntnis/Verstehen – i.S.v. den anderen tiefgründig verstehen, um ggf. Fassaden durchschauen zu können. Die von Fromm propagierte Grundhaltung der Selbstliebe ist dafür Voraussetzung, denn Selbstliebe ist alles andere als Selbstsucht. Nur wer sich selbst lieben kann, kann den Nächsten und kann Gott lieben – das „was“, „wann“, „wieviel“ dieser drei „Formen“ der Liebe und ihr gelebtes Verhältnis zueinander bleibt offen.

Entscheidend bei Erich Fromm – wie auch bei Jesus – ist, dass Liebe aus der Welt des Schlagers, des Honeymoon, der Gefühlsduselei herausgeholt wird. Liebe im Fromm’schen und auch in Jesu Sinn ist kein Gefühl, sondern eine Haltung! Diese Haltung der Liebe kann für dich und mich zu einer Grundeinstellung werden, die sich auf die ganze Welt und das Leben an sich erstreckt. Sie bleibt und wirkt auch dann – ich erinnere an Eltern und Geschwister – wenn es mit denen um mich oder mit mir selbst schwierig ist. Ich versuche mir den Satz Jesu im Evangelium so zu retten, dass ich meinen Blick mehr und weiterhin und immer wieder auf Jesus richte – um der Spiritualität, um seines Geistes willen – und ihn dann auch wieder den und dem Schwierigen zuwende. Bei Jesus gibt es kein „wen hast du mehr lieb.“

Die kürzestes Lerneinheit im 9. Schuljahr im Fach Katholische Religion war in meiner Zeit auf der Schule die Frage nach dem „Sinn des Lebens“. Sie ist für mich schnell abgeschlossen, denn der Sinn des Lebens ist mit Blick auf Jesus an den fünf fingern meiner Hand abzählbar: „Ein liebender Mensch zu werden“ – du hast es in der Hand.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 23.06.2026
Harald Klein

[1] vgl. dazu einen Klassiker der Philosophie: Fromm, Erich (2000): Die Kunst des Liebens, 50. Aufl., Berlin.