14. Sonntag im Jahreskreis:
Die Jesus-Therapie

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
  • –   
  • –   

Du musst nicht krank sein, um eine Therapie zu beginnen

Der in den Viersener LVR-Kliniken tätige Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Ingo Spitczok von Brisinski definiert den Begriff der Therapie in der Medizin als „Behandlungen von Krankheiten und Verletzungen, in anderen Arbeitskontexten auch von Problemen, die nicht immer einer Störung von Krankheitswert zugeordnet werden. Ziel des Therapeuten ist Heilung bzw. Beschleunigung der Heilung, Beseitigung und Linderung von Symptomen bzw. Wiederherstellung körperlicher (Körper) und psychischer (Psyche) Funktionen und/oder Reorganisation des Selbstkonzepts.“ [1]

Es braucht, wenn ich den Autoren richtig verstehe, nicht unbedingt einen Krankheitswert. eine Störung sagen wir mal im „guten“ oder im „heilen“ Leben genügt.

Spitczok von Brisinski fährt fort: „Unterschiede zwischen Therapie und Beratung ergeben sich aus Kontext, und Zielsetzung. Während in der Therapie die Behandlung einer Störung im Fokus steht, geht es in der Beratung eher um Vermittlung von Wissen. Beratung betont Problemlösungen (Lösung), Psychotherapie die Gestaltung von Beziehung und die Erforschung des Selbst […].“ [2]

Wenn du dir die Kranken und deren Heilungsgeschichten im NT anschaust, oder aber auch die Geschichten derer um dich herum, die nach Heilung (welcher Art auch immer) lechzen, oder vielleicht auch dich selbst … – was glaubst du: Geht die Suche eher nach Beratung i.S.v. „Vermittlung von Wissen“, oder nach Therapie i.S.v. Behandlung einer Störung? Spätestens der Begriff der Störung zeigt: Du musst nicht krank sein, um eine Therapie zu beginnen, wie auch immer die dann aussieht. Und du kannst – auch wenn es manchmal wegen der vielen blinden Flecken gewagt ist, dein eigener Therapeut, deine eigene Therapeutin sein. Dann ist Meditation, Achtsamkeitstagebuch und das eine oder andere Gespräch mit dir vertrauten Menschen eine gute Unterstützung. Und – dazu lädt das Evangelium ein – auch das Gespräch mit Jesus: „„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28). Und dann komm selbst ins Tun – im Tun wohnt die Therapie!

Das eine tun, das andere nicht lassen

Die Schnittmenge zwischen Beratung und Therapie liegt in der Veränderung, auf die beides zielt. Gut ist es, mit der ehrlichen Beratung deiner selbst zu beginnen. Die Philosophin Heidemarie Bennent-Vahle hat das Modell einer Angemessenheitsprüfung entwickelt, mit dessen Hilfe ein bewusstes Wissen an die Stelle des unbewussten Erleidensvon belastenden oder störenden Emotionen treten kann.[3]

Es beginnt (1) mit der Innenschau, in der du das innere Geschehen genau zu erfassen versuchst und es möglichst differenzierend und zutreffend beschreibst. Es kostet manchmal Mut, sich die emotionalen Erregungszustände wahrzunehmen und zuzugestehen.

Von hier aus geht es (2) mit dem Abgleich der Realität weiter. Besitzt das Geschehen, das Ereignis, der Zustand, worauf sich die Emotion bezieht, einen realen Gehalt? Ist dieser Zustand adäquat interpretiert?

Es folgt (3) die Überprüfung, die kritische Beurteilung, ob das Geschehen, das Ereignis, der Zustand tatsächlich diese in dir vorherrschende Emotion oder Störung verdient. Stimmt dein Gefühl, deine innere und/oder äußere Reaktion?

Abschließend zeigt sich (4) im Ausdruck der Emotion entweder die Weise, wie du genau dieser Emotion Ausdruck verleihen willst – oder ob die Besonnenheit im Handeln eine andere Reaktion angemessener erscheinen lässt.

Das alles spielt sich im Feld der (Selbst-) Beratung ab! Und es ist die Voraussetzung für den zweiten Teil – die Heilung.

„auf links gedreht…“ – wie Heilung beginnt

Hier möchte ich dir anbieten, das Jesus-Zitat einfach mal spiegelverkehrt, „auf links gedreht“ zu lesen. Auf den ersten Blick heißt es ja, du muss ‚“nur“ zu Jesus kommen, mit all deiner Last und allem, was dir Mühe bereitet, und er wird dir Ruhe verschaffen. Wie wäre es umgekehrt: Du findest heraus, was dir Ruhe verschafft – ich überlasse dir das Füllen dieses Terminus – und ahnst: Hier hast du Jesus gefunden. Und vielleicht auch: Dahin hat er dich in seiner Güte geführt. Darin besteht seine „Demut von Herzen“, dass ihm dein Wohlergehen wichtiger ist als alles kirchlich gebotene Tun oder Lassen. Auf den Punkt gebracht heißt es „auf links gedreht“: Du musst nicht dahin gehen, wo alle Jesus zu finden meinen – geh zu all dem, was bzw. zu all denen, die du gefunden hast und was dir bzw. wo du Ruhe findest; oder noch einfacher: Geh mit aller Mühsal, in aller Beladenheit dahin und zu denen, die dich „ erquicken“ – und du findest Jesus dort (wenn du das willst). Ich nenne das mal die Jesus-Therapie, im „Von weg“ das Hin zu“ erleben.

Friedrich Schiller schreibt im Wilhelm Tell: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Manchmal leben ach, zwei Seelen in deiner Brust. Unterscheide gut, wer der „böse Nachbar“ ist, und folge dem anderen. Berate dich mit dir selbst oder mit anderen, und dann komm ins Tun – und du wirst Heilung, wirst Ruhe finden.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 03.07.2026
Harald Klein

[1] vgl. [online] https://www.carl-auer.de/magazin/systemisches-lexikon/therapie [03.07.2026]
[2] ebd.
[3] vgl. [online] https://ethik-heute.org/mit-mitgefuehl-aergerlich-sein/ [03.07.2026]