15. Sonntag im Jahreskreis:
Dem Wachstum den Boden bereiten

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Die Kehrseite der Religionslosigkeit ist die mündig gewordene Welt

Seit meiner Abiturzeit begleiten mich die Briefe Dietrich Bonhoeffers (1906-1945), gesammelt von seinem Weggefährten Eberhard Bethge (1909-2000) und herausgegeben unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“. Innerhalb seiner Lebenszeugnisse in den Briefen und seinen theologischen Reflexionen aus dem Gefängnis gibt es einen Text, der mir bereits im Studium in den 80er Jahren sehr nahe ging. Es ist Bonhoeffers „Entwurf einer Arbeit“, in dem es um drei Themen geht: (1) eine Bestandsaufnahme des Christentums; (2) die Frage, was christlicher Glaube eigentlich sei, und (3) die Folgerungen aus den beiden ersten Teilen.[1]

Bonhoeffer setzt hier – um es ganz kurz und damit auch verkürzt zu schildern – bei der Religionslosigkeit der Welt und der Menschen an. Faszinierend dabei: die andere Seite der Medaille der Religionslosigkeit ist eben nicht der Verlust Gottes und des Glaubens an ihn, sondern die Mündigkeit der Welt.

Wenn du das Gleichnis vom Sämann kennst oder es mal in Mt 13,1-23 nachlesen willst, dann schau dir die Figur des Sämanns an. Das Erste, was von ihm gesagt wird, ist, dass er hinausgeht , um zu säen – in Jesu Deutung meint das nichts anders, als das Wort Gottes zu Gehör zu bringen (vgl. Mt 13,18-23). Die das Wort aufnehmenden Ohren sind in dieser Deutung der Boden, auf den der Samen fällt. Aber: der Sämann ist eine Art Missionar, der die ihm von Gott aufgetragene Botschaft den Menschen zuträgt. Der Sämann weiß bereits, wie die Frucht auszusehen hat. das weißt du aber erst aus der Deutung, die Jesus später seinen Jüngern erklärt – erst einmal klingt das Gleichnis ganz wie ein Bild aus der bäuerlichen Welt und Umwelt Jesu.

» Wenn die Religion nur ein Gewand des Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden ausgesehen – was ist dann ein religionsloses Christentum? «
vgl. Bonhoeffer, Dietrich (2015): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge, in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt, Gütersloh, 401-408.

Der Sämann – jetzt mal religionslos betrachtet

Und jetzt lies das Gleichnis mal „religionslos“ – einer der wichtigsten Begriffe Bonhoeffers für mich. Bonhoeffer unterscheidet zwischen Religion und Christentum: „Wenn die Religion nur ein Gewand des Christentums ist – und auch dieses Gewand hat zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden ausgesehen – was ist dann ein religionsloses Christentum? […] Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, d.h. eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit, etc. etc.? Wie sprechen (oder vielleicht kann man nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher) wir ‚weltlich‘ von Gott, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir έκκλήσια, Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige?“[2]

Wenn du bei den Bildern des Gleichnisses religionslos im Sinne Bonhoeffers bleibst, ist das Tun des Sämanns nicht mehr das wichtige, auch nicht der Anteil des Ertrages, der aus dem Wachstum des Saatguts entsteht. Wichtig ist – zumindest für mich – der Boden, auf dem der Sämann, auf dem ich und auf dem du stehst.

Was vermag dich als Sämann in einer mündig gewordenen Welt auszeichnen? Damit in einer mündigen Welt etwas wachsen kann, musst du in der Lage sein, den Boden zu bereiten. Dafür ist Unterscheidung notwendig, die du achtsam lernen kannst. Es geht nicht darum, etwas Vorgefertigtes, Geplantes wachsen zu lassen, sondern zu ernten, was dir entgegenwachsen will. Du bist nicht Herr der Ernte, sondern Helfer des Wachstums. Und es ist sicher gut, umgehen zu lernen mit allem, was dem Wachstum im Wege steht.

» Die zu beantwortenden Fragen wären doch: was bedeutet eine Kirche, eine Gemeinde, eine Predigt, eine Liturgie, ein christliches Leben in einer religionslosen Welt? Wie sprechen wir von Gott – ohne Religion, d.h. eben ohne die zeitbedingten Voraussetzungen der Metaphysik, der Innerlichkeit, etc. etc.? Wie sprechen (oder vielleicht kann man nicht einmal mehr davon ‚sprechen‘ wie bisher) wir ‚weltlich‘ von Gott, wie sind wir ‚religionslos-weltlich‘ Christen, wie sind wir εκ-κλησια, Herausgerufene, ohne uns religiös als Bevorzugte zu verstehen, sondern vielmehr als ganz zur Welt Gehörige? «
vgl. Bonhoeffer, Dietrich (2015): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge, in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt, Gütersloh, 401-408.

„Wer Ohren hat, der höre!“ – auch ohne Worte!

Drei Tage in Berlin mit einem mir lieben Freund haben mir den religionslosen Sämann nähergebracht. Mit einem, der in der mündig gewordenen Welt – wo könntest du sie besser erfahren als in Berlin – viel mehr zu Hause ist als ich, schauten wir gemeinsam auf die verschiedenen Böden, auf denen wir uns bewegen, unterschieden wir, was lebensdienlich ist und was Leben eher verhindert, haben Freude an dem, was wir im Zuspruch füreinander ernten und was in der Zeit unserer Freundschaft uns schon erwachsen ist und wer wir füreinander sind, und konnten gut benennen und einhalten, was einem Wachstum im Wege stünde.

„Wer Ohren hat zu hören…“ – du hörst hier, in dieser mündig gewordenen Welt, kein einziges „religiöses“ Wort. Und doch ist die Welt – um P. Alfred Delp an die Seite Bonhoeffers zu stellen – „Gottes so voll. Aus allen Poren (und ich ergänze und Augen, Worten, Gesten der Freundschaft) quillt er uns gleichsam entgegen […]“[3]

Gemeinsam dem Wachstum den Boden zu bereiten ist ein neues Gewand des Christentums.

So viel für heute und für diese Woche.

Für D.D.
Köln, 10.07.2026
Harald Klein

[1] vgl. Bonhoeffer, Dietrich (2015): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge und Renate Bethge, in Zusammenarbeit mit Ilse Tödt, Gütersloh, 555-561.
[2] vgl. .a.a.O., 401-408.
[3] Alfred Delp SJ am 17.11 1944 mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis Berlin-Tegel.