15. Sonntag im Jahreskreis: Zeugnisausgabe!

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Raus aus der Schule Jesu

Es mag verwegen klingen, in den Sommerferien von Schule und noch mehr von der Zeugnisausgabe am letzten Schultag zur reden, aber zum Evangelium des heutigen Sonntags passt es so gut – von daher bitte ich um Nachsicht.

Erzählt wird die Sendung der Jünger durch Jesus, deren Wortlaut zum Ende hin in der neueren Einheitsübersetzung auf einmal anders klingt als in der mir so geläufigen Ausgabe. Solltest Du Dich in den Evangelien ein wenig auskennen, könnte es sein, dass Du die Aufforderung Jesu an die Jünger denen gegenüber, die sie nicht aufnehmen, im Ohr hast: „Wenn man Euch aber in einem Ort nicht aufnimmt, und Euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt …“ – weißt Du, was kommt?

Zum Raten habe ich die Lösung unten in die Fußnoten geschrieben[1] (Verflixt, schon wieder ein Wort, das in den Sommerferien besser nicht gebraucht werden sollte: „Noten“).

Wenn Du die neue Übersetzung liest oder hörst, heißt derselbe Vers jetzt… – Du weißt schon, siehe unten in den Fußnoten![2]

Es geht um die Aussendung der Jünger, vergleichbar etwa mit der vierten Klasse der Grundschule, dem Schulabschluss in Haupt-, Realschule und Gymnasium oder einer anderen Form von Abschluss. Wie oft habe ich das gehört: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ In der Schule Jesu haben die Jünger als Hauptfach „Jesus“ gehabt, die Inhalte seiner Verkündigung, die Weise seines Lebens und Betens, die ihm eigene Form zu Umgang mit Tradition, sicher auch die Vielfalt der Möglichkeiten der Begegnung mit Menschen unterschiedlichster Art, Prägung oder Stellung in der Gesellschaft. Jetzt heißt das Hauptfach: „Wir!“

Jesus sendet sie aus, je zwei zusammen – sie benötigen nicht mehr der „Unterricht“ in seiner Schule, sie haben ihr Handwerkzeug gelernt und treten jetzt selbst als Lehrende auf, an Jesu statt, an seiner Stelle, für ihn. Das ist nichts anderes als das, was Du und ich tun sollen, auch tun können, und bei Paulus heißt das dann: „Wir sind Gesandte an Christi statt!“ (vgl. 2 Kor 5,20). Damit könnte es – zumindest von der inhaltlichen Aussage, vom Gehalt dieser Bibelstelle her – für heute schon genügen.

Wenn, ja wenn da nicht die Unklarheit des ersten Lesens dieses Evangeliums bliebe: Was soll das eigentlich mit dem Staub, der von den Füßen abgeschüttelt werden soll, sei es „zum Zeugnis gegen sie“ (alt) oder sei es „ihnen zum Zeugnis“ (neu)? Wenn da eine neue Übersetzung gewählt wurde, muss die ja einen Sinn haben, oder?

» Wenn also jemand in Christus ist,
dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen,
siehe, Neues ist geworden. «
2 Kor 5,17

„Das Alte ist vergangen…“ – den Staub abschütteln zum Zeugnis gegen sie

Im gleichen Kapitel, in dem Paulus von den Jüngern als „Gesandte an Christis statt“ spricht – in 2 Kor 5 – fasst er in einem Wort zusammen, was sich auch und vor allem in der Gefolgschaft Jesu, aus seiner Schule kommend, geändert hat: „Wenn also jemand in Jesus Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). In Fall des abgeschüttelten Staubes zum Zeugnis gegen die, die aus „anderen Schulen“ kommen und darin bleiben wollen, könnte das „Alte“ meinen, dass das Trennende, das Unterscheidende betont wird. Schon beinahe hochnäsig sieht es aus, wenn die Jünger Jesu vor denen, die sie nicht aufnehmen, ihren Staub von den Schuhen, vielleicht auch von den Gewändern ausschütteln. „Wir brauchen Euch nicht“, könnte das heißen, „wir gehen, und ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt.“

Mich erinnert das an meine Westerwälder Herkunft, wo die Katholiken den Karfreitag nutzten, um ihre Autos zu putzen, die Reifen zu wechseln oder die Wiesen zu mähen, um so den Protestanten im Dorf gegenüber „ihren“ Karfreitag zu nehmen, was durch Gartenarbeit und ebenfalls Autowäsche und Teppichklopfen der Protestanten an „unserem“ Fronleichnam und während der Prozession beantwortet wurde. Wie gesagt: Das „wir sind Gesandte an Christi statt“ musste sicher in beiden Konfessionen erst einmal neu verstanden und auch gelebt werden – und es geht heute über alles Konfessionelle hinaus!

» In der modernen Ethik galt es, Regeln zu gehorchen. Die postmoderne Ethik hingegen verlangt von jedem, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Der Mensch wird zum Vagabunden, der selbst entscheiden muss, was Gut und Böse ist. Das wäre in Ordnung, wären die zwischenmenschlichen Beziehungen heute nicht vom Konsumismus geprägt.«
Bauman, Zygmunt (2017): Das Vertraute unvertraut machen. Ein Gespräch mit Peter Haffner, Hamburg, 170.

„Neues ist geworden…“ – den Staub abschütteln , ihnen zum Zeugnis

So ganz anders ist das „Den Staub abschütteln, ihnen zum Zeugnis“. Hier gibt es kein Gefälle zwischen zwei Seiten, hier gibt es auch kein „Wenn ihr nicht wollt, wir können auch ohne euch!“ Als Gesandte an Christi statt – wie Du und ich welche sind – geht es um die Einsicht, hier nicht gut und auf die Dauer, unbeschwert, glücklich, schwungvoll leben und sein zu können; es geht um den Entschluss, woanders hinzugehen und da das Glück zu versuchen. Den Staub ihnen gegenüber zum Zeugnis abzuschütteln ist Bild meiner/unserer Entschiedenheit und Zeichen meines/unseres Aufbruchs. Mitnehmen werden wir den Wanderstab, nichts anderes sollen wir besitzen, gebietet Jesus. Und vor allem gibt Jesus denen, die er sendet, gibt er uns die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben!

Das ist unser Pfund! Die Gabe der Unterscheidung, die Kraft zur Entscheidung und Entschiedenheit, und den Mut aufzubrechen und zu gehen. Und sie tun das „ihnen zum Zeugnis“ – den Staub von den Füßen schütteln sagt nichts über die anderen, sagt nicht über die Beziehung zu den anderen, sondern ist ein Zeugnis über die Gesandten selbst.

Das heutige Evangelium endet in einem „Summarium“, in einem Sammelbericht: Sie zogen aus, aus der Schule Jesu; sie verkünden Umkehr – sicher nicht nur mit Worten; sie treiben Dämonen aus – durch das rechte Wort und durch offene Arme, die den rückkehrenden Geheilten willkommen heißen; und sie salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie – da habe ich eher das schweigende Mitgehen und Dasein vor Augen, dass eine Heilung anstoßen kann.

Rose Ausländer: Noch bist du da

» Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends
Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da
Sei was du bist
Gib was du hast «

Aus: Ausländer, Rose (1992): Im Atemhaus wohnen. Gedichte, Frankfurt/Main 135

Am Ende der Ferien: Wieder ein erster Schultag

Wenn im Sommer die sechs Wochen herum sind, geht es für viele Schülerinnen und Schüler wieder von vorne los! So ist es auch mit der Schule Jesu. Zwei Unterschiede fallen mir ein:

Zum einen: Man braucht nicht viel in seinem Ranzen oder seinem Rucksack. Einen Wanderstab, sieht der „Schulleiter“ Jesu vor, aber kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd, an den Füßen nur Sandalen; und den Entschluss, da zu bleiben, wo man aufgenommen wird. Du brauchst nicht viel in der „Schule Jesu“ – das, was notwendig ist, trägst Du nämlich im Herzen, das spricht Dein Mund, das packst Du mit Deinen Händen an.

Und zum anderen: Der Schulleiter, der Lehrer hat gewechselt. Wir unterrichten uns jetzt gegenseitig, in dem und mit dem, was wir von ihm gelernt haben. Trau Dich zu lehren, was Du verstanden hast, und sei froh und dankbar, wenn andere Dir „an seiner statt“ begegnen und Du von ihnen lernen kannst.

Ich wünsche Dir schöne Ferien, und einen noch schöneren Schulanfang danach.

Amen.

Köln, 09.07.2024
Harald Klein

[1] „Wenn man Euch aber in einem Ort nicht aufnimmt, und Euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von Euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie“ (Mk 6,11 alt).

[2] Wenn man Euch aber in einem Ort nicht aufnimmt, und Euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von Euren Füßen, ihnen zum Zeugnis“ (Mk 6,11 neu).