16. Sonntag im Jahreskreis:
Dem Wachstum zusehen

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
  • –   
  • –   

Jesu Gleichnisse vom Wachstum des Reiches Gottes

Ein beliebtes Thema in den Abiturprüfungen im Fach Religion – Auskunft geben können und Bewertungen formulieren zu den Gleichnissen Jesu vom Wachstum des Reiches Gottes. Im Matthäus-Evangelium finden sie sich in Mt 13 Du kannst sie dir als die „5-S-Gleichnisse“ gut merken: Sämann – selbstwachsende Saat – Senfkorn – Sauerteig – Schatz im Acker. OK, eigentlich sind es sechs „S“, aber ich zähle nur die Substantive!

„Sämann“ war letzten Sonntag. Heute ist „selbstwachsende Saat“ im Blick.[1] Und wieder möchte ich Bonhoeffers „religionsloses  Christentum“ – und die daraus resultierende Mündigkeit der Welt – als den Rahmen nehmen, in den hinein ich die kurze Erzählung stelle.[2]

» Es sei der 'Antichrist', der 'alle Grünkraft der Gerechtigkeit zertritt und so das verdorren lässt, was in Rechtschaffenheit grün ist.' «
Lewerenz, Timm: Hildegard von Bingen und die Grünkraft, in: Philosophie-Magazin 05/2026, Berlin, 68-73, hier: 73.

Der Sämann, sein Feind…

Gleich vornweg ein Lesehinweis: Du kannst alles, was ich hier vorstelle, extrinsisch lesen, also als außerhalb deiner geschehend. Oder du kannst es intrinsisch lesen, als ein Geschehen in dir selbst.

Da ist zuerst der Mann, der guten Samen auf seinen Acker sät. Ihn kennzeichnet seine Ruhe, eine Gelassenheit. Er hat das Seine getan, jetzt schläft er und wartet dem Wachstum entgegen. Er setzt sein Vertrauen in dieses Wachstum, ist bei Tage wach und aufmerksam, dieses Wachstum zu fördern, und lässt es des Nachts einfach wachsen. Ich stelle ihn mir vor als einen, der gespannt ist auf das, was dieses Wachstum bringen wird – wie es dann zur Zeit der Ernte aussieht.

Und dann ist da der Feind, der έχθρός, der mehr ist als nur ein böser Nachbar. Das griechische Wort meint den Feind, der dein Leben zerstören will oder zu zerstören vermag. Ignatius von Loyola nimmt den Begriff des „Feindes“ in seinen Geistlichen Übungen oft, wenn er vom Satan, vom Teufel, vom Widersacher allen Lebens spricht. Diesen έχθρός, diesen Feind kennzeichnet sein Kommen bei Nacht. Nur einmal den Unterschied: extrinsisch meint es die Zeit, in der der Sämann und alle anderen schlafen, im Dunkel der Nacht; intrinsisch meint es Verdunkelung oder sogar die Dunkelheit der Seele; Gedanken, Antriebe, Triebe, die eben in der Lage sind, Wachstum zu verhindern oder zu zerstören – und damit Leben und Lebendigkeit zu verwirken. Zweimal drei kurze Worte im Evangelium sind rührend: „kam sein Feind“ und „und ging fort“. Der Sämann bleibt vor Ort, bleibt dran und sorgt für ein gutes Wachstum und eine gute Ernte; der έχθρός, der Feind streut den Samen der Zerstörung aus und hofft auf dessen Wachstum und Wirkung; ihn zieht es fort, um sein Zerstörungswerk fortzusetzen.

Das Verrückte in diesem Gleichnis: beide hoffen auf das Selbstwachstum ihrer Saat, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen.

» Dieselbe Kraft, die Bäume wachsen und Blumen erblühen lässt, zeigt sich auch in unseren moralischen Handlungen. Davon war die Prophetin Hildegard von Bingen überzeugt. «
Lewerenz, Timm: Hildegard von Bingen und die Grünkraft, in: Philosophie-Magazin 05/2026, Berlin, 68-73, hier: 68.

… und die Grünkraft

Wieder: extrinsisch oder intrinsisch? Diesem Selbstwachstum der Saat liegt eine Kraft zugrunde, die in einem christlich-religiösen Umfeld wohl „Heiliger Geist“ genannt wird; in einem religionslosen Christentum bietet sich ein Begriff an, den die Visionärin und Ordensfrau Hilegard von Bingen (ca. 1098-1179) viriditas nennt, übersetzt wird der Begriff mit Grünkraft. „Dieselbe Kraft, die Bäume wachsen und Blumen erblühen lässt, zeigt sich auch in unseren moralischen Handlungen. Davon war die Prophetin Hildegard von Bingen überzeugt.“[3]

Die Menschen in einer mündig gewordenen Welt können darauf vertrauen, dass Kräfte, die sie einsetzen, auf andere(s) wirken, und dass Kräfte, die andere einsetzen, auf sie wirken. Es geht um das Wirken der viriditas, der Grünkraft. Es gilt, diese Kraft (religiös: diesen „Geist“) zu unterscheiden, alles zu prüfen, um dann das Gute wachsen zu lassen und zu behalten (vgl. 1 Thess 5,21). Genau das macht der Sämann, machen seine Knechte. Er sieht zu, wie alles wächst, und was alles wächst. Er lässt der viriditas, der Grünkraft alle Möglichkeiten, Wachstum zu fördern, lässt dann das Gewachsene und Gewordene prüfen – und sammelt dann das Unkraut, um es zu verbrennen. Dann bringt er die Ernte ein.

» Ein gutes Leben, so könnte man Hildegard verstehen, ist ein solches, das sich in den Dienst des Gedeihens stellt, der grünenden Kraft einer Schöpfung, die auf jedes Vergehen ein Werden folgen lässt. «
Lewerenz, Timm: Hildegard von Bingen und die Grünkraft, in: Philosophie-Magazin 05/2026, Berlin, 68-73, hier: 73.

„Wer Ohren hat, der höre?“ oder: „Wer Augen hat, der sehe!“

Nochmal: in der mündig gewordenen Welt bleibt der Sämann, der έχθρός,der Feind geht. Im Klima des Dabeibleibens, des Zusehens, des Bewahrens und Beschützens kann die Grünkraft sich entfalten, kann sie kultiviert werden und sich selbst, dann andre kultivieren, extrinsisch wie intrinsisch. Gegen alle Logik gilt: das Dabeibleiben ist aktivisch, das Weggehen ist passivisch! Lass dich nicht vom Unkraut des Feindes irremachen, sondern freue dich an der Ernte, die dir die Grünkraft und dein Bleiben geschenkt haben.

So viel für heute und für diese Woche.

Köln, 18.07.2026
Harald Klein

[1] In der Langform des Evangeliums käme auch das Gleichnis vom Senfkorn zu Gehör, aber das wäre zu viel.
[2] Wenn du dir die Mühe machst, die Deutung des Gleichnisses im Evangelium selbst in Mt 13,36-43 zu lesen, wirst du verstehen, warum ich einen anderen Referenzrahmen vorziehe – weder der hier aufgezeigte Dualismus zwischen Gut und Böse noch die Bilder der Agrargesellschaft sind für heute hilfreich.
[3] vgl. Lewerenz, Timm: Hildegard von Bingen und die Grünkraft, in: Philosophie-Magazin 05/2026, Berlin, 68-73, hier: 68.