Die Geschichte zweier Frauen
Martha und Maria, zwei Frauen, bei denen Jesus zu Gast ist. Martha ist es, die Jesus gastlich aufnimmt und sogleich für ihn das Essen bereitet.[1]
Beim Aufenthalt Jesu im Marthas und Marias Haus werden zwei Weisen des Lebens dargestellt, die „nach vorn gelebt“ und „nach hinten verstanden“ wird – ganz nach der Beschreibung Sören Kierkegaards: „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“
So wundert es nicht, dass Martha, die „ganz davon in Anspruch genommen ist zu dienen“ – so erzählt es Lukas in Lk 10,40 – klagend Jesus anspricht: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen.“ So viel zu „rückwärts verstehen“ – man hört Marthas Klage, der die wirkungsvollen Reizworte „immer“, „wieder“, „muss“ und „nie“ zwar fehlen, die du aber dennoch mithören darfst.
Die Antwort Jesu könnte unter der Maßgabe des „immer“, „wieder“, „muss“ und „nie“ ein Schlag in Marthas Gesicht sein: „Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil erwählt, der wird ihr nicht genommen werden“ (Lk 10,41f). So viel zum Bibeltext!
Und jetzt: An diesem Wochenende nehme ich an einem Schulungswochenende der LINKEN teil, inspiriert von Jean Philippe Kindlers „Scheiß auf Selflove. Gib mit Klassenkampf. Eine neue Kapitalismuskritik.[2] Bei Martha und Maria fällt mir dieses absolut inspirierende Buch wieder ein – und siehe da, ich entdecke in Maria den Aspekt „Selflove“, selbstverliebt zu Jesu Füßen sitzend, und in Martha den Aspekt „Klassenkampf“ – die Arbeiterin, die nach Solidarität Ausschau hält und diejenige anklagt, die „immer“ und „nur“ zu Füßen Jesu sitzt und „nie“ in der Küche auftaucht.
Schon in Kindlers Einleitung zu seinem Buch nennt er eine Beobachtung, die wie ein Kommentar zur Geschichte der Begegnung von Jesus mit Martha und Maria passt. Kindler schreibt:
„Es ist für mich nur eine bemerkenswerte Gegebenheit linksliberaler Diskurse, dass es eine bis ins ärgste Detail ausgefeilte Vorstellung davon gibt, wie das gute Leben des Einzelnen auszusehen hat und zeitgleich eine so große Lücke klafft, wenn es um Konzeptionen kollektiver Allgemeinwohlmaximierung geht. Selbst Linke haben jegliches Interesse am ‚Wir‘ verloren, vielleicht auch, weil einem solchen ‚Wir‘ von vielen Akteurinnen zu Unrecht misstraut wird.“[3]
Die Lücke zwischen dem Leben des Einzelnen und der Konzeption kollektiver Allgemeinwohlmaximierung
Du kannst die Unterscheidung von Marthas Küche und Marias guter Stube deuten als Unterscheidung von der Vorstellung des guten Lebens des Einzelnen (in persona Mariae) und der Konzeption kollektiver Allgemeinwohlmaximierung (in persona Marthae).
Ich werde das Gefühl nicht los, dass in einem die Welt gestaltenden Kontext – sei es durch die Politik oder sei es durch die Kirchen – diese beiden Pole, „Küche“ und „gute Stube“ gibt, dass aber der Flur dazwischen verschüttet ist. Die Tür ist zu. Kindler versinnbildlicht die „gute Stube“, die Maria, mit dem Begriff der „Selflove“, und anstelle der „Küche“ ist von „Kapitalismuskritik“ und „Repolitisierung“ die Rede. In seinen Worten:
„Es braucht dringender als jemals zuvor den Mut, die Frage nach dem guten Leben radikal zu repolitisieren und von der individuellen auf die kollektive Ebene zu hieven. Das geht nicht ohne die Überwindung individualistischer Obsession.“[4]
Wahrscheinlich gilt: Was für die linke Politik der Begriff des Klassenkampfes, die Überwindung individualistischer Obsession (s.o.) ist, ist für die Kirche das „Wegatmen“, das Kindler oft Inbegriff der „Selflove“, des Sich-der-Welt-Entziehens, steht. In Fragen der Armut, des Glücks, der Klimakrise, der Demokratie, des Linksseins und des guten Lebens – das sind die Kapitel seines Buches – hilft kein Wegatmen-wollen, kein Rückzug; was hilft, ist Repolitisierung. Kindler beschreibt, was er darunter versteht:
„Dieses Buch möchte dafür plädieren, auf Abstand von sich selbst zu gehen, denn das ist es, was Politischsein für mich bedeutet: Der politische Mensch abstrahiert von der eigenen Erfahrung, der eigenen Situation, und denkt sich als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, für deren Belange es sich zu kämpfen lohnt. Politische Menschen spüren das Verlangen, ein bewertendes Verhältnis zur Welt zu haben, immerzu verbunden mit dem Wunsch, aus diesem Weltverhältnis heraus Veränderungen anzustoßen. Das ist nicht zu machen in einer Gesellschaft, in der die verständliche Reaktion auf Entfremdungserfahrungen der Rückzug in die eigene Innerlichkeit bedeutet. Solidarität bedeutet in diesem Kontext, dem omnipräsenten, scheinpolitischen Ich-Bezug eine trotzige Absage zu erteilen.“[5]
Verbundenheit als Absage auf die Trophäen der Erlebnisse
In Politik wie in Kirche(n) gibt es einen Streit zwischen den „rechten“ Wohnstuben-Cliquen und den „linken“ Küchen-Cliquen. Lass mich eine Lanze für die „Linken“ brechen. Kindlers Leitbegriff der „Repolitisierung“ besagt, dass es nicht „neo-liberal“, nicht ins Belieben und in die Aufgabe des Einzelnen gestellt sein darf, für sein Glück und sein Leben alleinverantwortlich zu sein. Im Evangelium: Hätten die drei gemeinsam das Essen gerichtet, gemeinsam gegessen und gemeinsam geredet – Martha hätte keinen Grund für ihren kleinen „Klassenkampf“ gehabt.
Und umgekehrt: Gäbe es nicht dieses seltsame Vorurteil, der Thinktank des Ganzen können nur in der „guten Stube“ und nicht auch in der Küche zu Hause sein, gäbe es nicht das gemeinsame „Hören“ auf den, der im Evangelium etwas zu sagen hat, dann würde ich diese Zeilen heute nicht schreiben. Der Platz der „Rechten“ zu Jesu Füßen ist vielleicht in anderer Weise, aber dennoch ebenso gerechtfertigt, genauso zielführend wie der Platz am Herd.
Das Zauberwort dafür ist die „Allgemeinwohlmaximierung“. Sie steht als Ziel linker Politik der der Individualisierung liberaler und rechter Politik radikal gegenüber, etwa so wie die Martha der Maria. Kindlers Zeitdiagnose fällt so aus:
„So ist es zur moralischen Tugend vieler junger Menschen gekommen, sich von ‚toxischen Personen‘ abzugrenzen, aufwendige, oftmals durchaus konsumtive ‚Selfcare‘ zu betreiben und der Fetischisierung des eignen Selbst zu frönen. Wir nennen es ‚Selflove‘. Alles, was mich verunsichert, was mich herausfordert, was mich kritisiert, was mir, laut eigener Definition, Unrecht oder Leid antut, kann und sollte ich ohne jede Begründung ein für alle Mal aus meinem Leben verbannen, denn mein Recht auf Glück steht über dem Bedürfnis meines Gegenübers, angehört zu werden.“[6]
Ob Jesus diese Klage und den schwelenden Streit zwischen Martha und Maria aufzulösen vermag? Hilfreich wäre der – spirituelle- Begriff der Verbundenheit bzw. der – politische – Begriff der Solidarität. Linkspolitisch entsteht Solidarität über die Klassenzugehörigkeit, über ein ähnliches Denken und Handeln. Spirituell-christlich entsteht Verbundenheit im Bild von der oder dem Nächsten, den ich dazu erwähle. In der buddhistischen Philosophie gibt es den Begriff des abhängigen Entstehens: Nichts ist oder kann sein ohne etwas, der, die, das vor ihm war, das gilt für mein eigenes und für dein Leben ebenso wie für das Taschenbuch auf meinem Nachtschrank und die Tasse Kaffee, die morgens danebensteht.
Es gibt eine Verbundenheit zwischen Martha, Maria und Jesus, es gibt eine Verbundenheit zwischen Jean Philippe Kindler und mir, es gibt eine Verbundenheit zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der Selflove und den für eine Allgemeinwohlmaximierung eintretenden politisch Engagierten. Repolitisierung könnte heißen, sich im Flur zu treffen mit dem Willen, Küche und gute Stube gemeinsam zu gestalten, und aufzuhören, sich anzukeifen und dann noch – zumindest die Religiösen unter ihnen – Jesus um Vermittlung zu fragen .
Es könnte so schön und auch so einfach sein. Ich lasse Jean Philippe Kindler das letzte Wort:
„Das Leben, vor allem das, was ich als gutes Leben verstehe, sorgt sich nicht darum, genügend Erlebnistrophäen zu sammeln, sondern dem stetigen Wettbewerb eine radikale, politische Absage zu erteilen.“[7]
So viel für heute, und für diese Woche.
Köln, 10.07.2025
Harald Klein
[1] Von daher erklärt sich, dass Berufsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen in der Diözese Köln – und m.W. deutschlandweit – sich den Namen „Marthawerk“ gegeben haben, vgl. [online] https://www.erzbistum-koeln.de/seelsorge_und_glaube/pfarrhaushaelterinnen/wir-ueber-uns/mitgliedschaft/ [10.07.2025]
[2] vgl. den Beitrag unter verw:ortet 06/2025: [online] https://www.harald-klein.koeln/verwortet-06-2025-jean-philippe-kindler-scheiss-auf-selflove-gib-mir-klassenkampf/ [10.07.2025]
[3] Kindler, Jean-Philippe (2023): Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf. Eine neue Kapitalismuskritik, 2. Aufl., Reinbek, 14.
[4] a.a.O., 23.
[5] a.a.O., 23f.
[6] a.a.O., 18.
[7] a.a.O., 142.