18. Sonntag im Jahreskreis – Vom Reichtum, der ich bin und der du bist

  • Auf Links gedreht - Das Evangelium
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„Simplify your life“

Zu simpel, zu vereinfachend nennen Kritiker die – zugegeben kostspielige – Veröffentlichungen von Werner Tiki Küstenmacher, die alle eines gemeinsam haben: sie versprechen dir, dein Leben zu vereinfachen. Ich kenne noch den „Beratungsdienst“ aus lang vergangenen Jahren, eine Sammlung verschiedener Tipps von A wie „Anfangen“ oder „Aufräumen“ bis Z wie „Zusammenarbeiten“, aber vielleicht auch „Zwetschgen einkochen“. Simpel – mag sein, vereinfachend auch, aber unterhaltsam und lehrreich war der Beratungsdienst und das (heute noch erscheinende) Jahrbuch von „Simplify“ allemal. Von daher schau ruhig mal nach auf der Seite www.simplify.de, und nimm wahr, in welchen Fällen des alltäglichen Lebens dir ein „Beratungsdienst“ zu helfen vermag.

» Wie groß ist deine Erde? Keine Ahnung?! Also dann schau dich um und schon weißt du die Lösung! Richtig, genauso groß, wie du sie um dich herum wahrnehmen kannst. Die Natur, die Tiere, die Menschen, die gerade im Moment um dich herum sind, das ist deine Erde. Das ist genau der Radius, in dem du im Moment schöpferisch sein kannst. Darin kannst du ich mit bedingungsloser Liebe an der Schöpfung beteiligen, alles Weitere wird dann darüber hinaus in die zweite Welt getragen. «
Loetscher, Pirmin (2016): Annehmen und Loslassen. Mit innerer Balance zu einem erfüllten leben, Altendorf/Schweiz, 19.

Einer, dem „Vereinfachung“ guttäte

Es gibt einen schönen Ausdruck für die, deren Schlafzimmerschrank zu vollgestellt ist, deren Bücher die Regale sprengen oder deren neuer Wagen nicht mehr in die jetzt zu kleine Garage passt – verdammt, sie auszumessen hat man vergessen: die negative Konnotation spricht von jemandem, der/die Luxusprobleme hat; die positive Konnotation dagegen von jemandem, dem/der Vereinfachung guttäte. Lass uns bei der positiven Konnotation bleiben: Vereinfachungist angesagt.

Vor Habgier warnt Jesus im Evangelium, und er stellt klar, dass das Leben eines Menschen nicht darin besteht, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt (vgl. Lk 12,15). Es geht um einen reichen Mann, auf dessen Feldern eine gute Ernte steht; er „überlegt bei sich selbst“ (Lk,12,17), was er tun solle, denn die gute Ernte hat in seinen Scheunen keinen Platz mehr.

Um die Pointe schon zu erzählen: Er sagt sich (!), dass er seine (!) Scheunen abreißen und neue, größeren bauen will, in denen er sein (!) Getreide und seine (!) Vorräte unterbringen kann. Und wenn es dann (!) so weit ist, dann will er sich(!) ausruhen, seine (!) Seele aufgrund des großen Vorrats, den er (!) hat, beruhigen, weil er für viele Jahre (!) genug hat. Was für ein Egomane, oder?

Aber: Er hat die Rechnung ohne den Wirt (!) gemacht. Gott spricht zu ihm: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wir dann das gehören, was du angehäuft hast?“ Und Jesus beschließt das Gleichnis mit den Worten: „So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist“ (Lk 12,20f)

» Wir Menschen leben aber die meisten unserer Beziehungen nicht mit bedingungsloser Liebe, sondern mit einer scheinbaren Liebe, die vom ausgeprägten Ich erschaffen wird und an Bedingungen geknüpft ist. So entwickeln wir wieder eine Illusion, die versucht, ein Manko, welches das ausgeprägte Ich besitzt, auszufüllen. «
Loetscher, Pirmin (2016): Annehmen und Loslassen. Mit innerer Balance zu einem erfüllten leben, Altendorf/Schweiz, 60.

Althergebrachte Alternativen, die nicht mehr greifen

Zwei Alternativen fallen mir sofort ein, mit denen ich noch vor kurzer Zeit dem reichen Mann mit der guten, großen Ernte begegnen hätte können. Die eher philosophische Alternative basiert auf Erich Fromm und ist in drei Worten seines Buchtitels ausgedrückt: Haben oder Sein? Ich muss es nicht weiter ausführen, du kannst dir die Alternativen, die jede der beiden „Lebensformen“ mit sich bringt, selbst ausmalen.

Die eher theologische Alternative stammt aus der Bergpredigt Jesu und hat doppelt so viele Worte: „Selig, die arm sind vor Gott!“ Auch hier will oder muss ich nicht weiter ausführen, ob diese theologische Alternative für dich stimmig ist – oft genug ist am Begriff der „Armut“ herumgeschnitten und herumdefiniert worden, bis es irgendwie passte. Daran habe ich kein Interesse mehr, über Küstenmachers „Simplify your life“, übersetzt als „Vereinfache Dein Leben“ könnte ich diesem theologischen Argument – könnte ich auch dem philosophischen „Haben“ und Sein“  – auf die Spur kommen, und du sicher auch.

» Trägheit ist [...] die Beharrlichkeit, mit der ein Körper in Ruhe oder Beweglichkeit verbleibt, solange keine gegensätzlichen Kräfte auf ihn einwirken. Trägheit bedeutet: Es wird keine Ursache für eine NEUE BEWEGUNGSRICHTUNG geben. «
Mannschatz, Marie (2. Auflage 2010): Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Weisheiten, die Ihr Leben verändern, München, 75.

Für sich selbst Schätze sammeln – und/oder bei Gott reich sein

Der Clou dieses Gleichnisses liegt meines Erachtens im abschließenden Satz Jesu. Er stellt dem „nur für sich Schätze sammeln“ das „bei Gott reich sein“ gegenüber. Um es gleich zu sagen: Ich sehe darin nicht den Aufruf zur Besitzlosigkeit, und auch nicht das Lob der materiellen Armut! Aber: Zum einen fehlen mit zwischen dem „Ich“ und „Gott die Mitmenschen, da fehlt ein Ton im spirituellen Dreiklang Und: Es geht hier für mich um eine Änderung sowohl der „Blick-Richtung“ als auch um eine Änderung der „Hand-Reichung“.

Zur Änderung der „Blick-Richtung“: Derjenige Blick geht am Leben vorbei, der sich mit Leidenschaft auf den Dax, den Dow-Jones-Index oder – im Evangelium – die sich abzeichnende Größe der Ernte richtet. Wie gesagt: Es geht nicht darum, den materiellen Reichtum – ach ja, Bücher gehören auch dazu – zu verteufeln, aber der Besitz soll mich nicht und dich nicht in die Gottlosigkeit treiben, der Blick gehört umgekehrt und auf Gott und sein Ebenbild, den Menschen, gerichtet!

Zur Änderung der „Hand-Reichung“: Auch die Hand darf der Arbeit, dem Gewinn gereicht werden, aber zuerst und mehrdoch dem Menschen, der meine Hand braucht und an dessen Hand ich auflebe.

Das Gleichnis aus dem Evangelium zeigt, das der „reiche Mann“ vor lauter Ernte und Scheunen (und „Haben“) denReichtum vergessen hat, der er für andere ist oder sein kann und die andere für ihn sind oder „Sein“ können – dass musste großgeschrieben werden!

» Wie anfangs schon geschrieben, leben wir bewusst im Moment, dann streuen wir den Samen unserer Zukunft. Blöd ist nur, dass wir auch bewusst schlecht denken können und dann auch Schlechtes erschaffen, das ist die Schattenseite der Gabe des Denkens. [...] Niemand sonst hat es in der Hand, nur du kannst in jedem Moment entscheiden, auf welcher Seite du stehen willst. Also achte auf deine Gedanken, du erschaffst mit ihnen deine Zukunft. «
Loetscher, Pirmin (2016): Annehmen und Loslassen. Mit innerer Balance zu einem erfüllten leben, Altendorf/Schweiz, 165.

„Simplify your life“ – was das Leben vereinfacht, und was es vertieft

Die ignatianische Tradition kennt zwei Begriffe aus der Spiritualität des Ignatius, die für ein „Simplify your life“ weiterhelfen können.

Da ist die Haltung der „Indifferenz“. Gemeint ist die Möglichkeit des Wechsels der „Blick-Richtung“. Ihr liegt die Freiheit des Geistes i.S.v. Freiheit zum Gegenteil zugrunde. Indifferenz führt zu einem inneren Gleichgewicht. Die riesige Ernte ist toll, aber – „Blick-Richtung“ ändern! – auch wenn sie ausfällt, kann der reiche Mann leben. Du vereinfachst dein Leben, wenn du innerlich ja sagen kannst, was kommt; es bleibt dir auch wenig anderes übrig. Also: Die Haltung der Indifferenz, das Spielen mit der „Blick-Richtung“ vereinfacht dein Leben.

Dann die „Hand-Reichung“ des „Magis“: Übersetzt heißt dieses Wort schlicht „mehr“ – gemeint ist es nicht als Selbstoptimierung (das quantitative „Mehr“ wie die größeren Scheunen und die riesige Ernte des reichen Mannes), sondern als Selbstkultivierung. Es geht darum, dass du denen die Hand reichst, die für dich einen Reichtum darstellen, oder dich denen schenkst, die in dir einen Reichtum sehen. Dazu braucht es keine Scheunen, keine Paläste, keine Titel und keine akademischen Grade. Aber es sind diese Menschen, die dir Reichtum bedeuten und denen Du Reichtum bis, die deinem Leben und eurem Leben Form geben. Wenn Du nachliest, wie im Evangelium der reiche Mann „für sich selbst überlegt“ (Lk 20,17), wenn er von „meinen Scheunen“, von meinem Getreide und von „meinen Vorräten“ (Lk 20,19) spricht, wenn er zu „seiner Seele“ und zu niemandem anderen sonst sprechen will – was für ein Egomane.

» Das praktische Loslassen muss sich übrigens nicht nur auf Dinge beschränken, die du anfassen kannst. Nicht selten halten wir auch an ellenlangen Chatverläufen fest und haben auf unseren Smartphones endlos scheinende Ordner mit Fotos. Oder wir halten über soziale Netzwerke Verbindung mit Menschen aus unserer Vergangenheit, obwohl wir instinktiv spüren, dass uns diese Verbindung aktuell nicht guttut. «
Lorenz, Stefanie (2020): Das lasse ich hinter mir, Self-Publishing, 86.

Mein Keller: Eine kleine Simplify-Anekdote zum Schluss

Ein Praxistipp zum „Vereinfachen“: seit einigen Jahren habe ich immer wieder Bücher aussortiert, über Medimops, Ebay, Booklooker angeboten; manches ging weg, gut 250 Bücher staubten langsam ein. An einem Stichtag habe ich alles, was noch in den Kisten stand der Bücherhalle der Steyler Missionare überlassen, die genügend Platz für den Verkauf haben, Das Verstauen der mir lieb gewesenen Bücher ins Auto war schmerzhaft – Von Augustinus und Balthasar bis Zulehner war einfach alles mit dabei. Tags drauf ging ich in den fast völlig leer geräumten Keller – mit Besen und Schippe. Nach 15 Jahren war es das erste Mal „barrierefrei“ möglich, den Keller zu kehren, aufzuräumen, den freien Raum zu genießen.

Was war wohl tiefergehender und nachhaltiger? Der Abschied von den Büchern, oder die Freude am aufgeräumten Keller?

So viel für heute, und für diese Woche.

Köln, 02.03.2025
Harald Klein